Weihnachtsmärkte

German Gemütlichkeit mit Glühwein

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Nina Trentmann

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wusste der deutsche Theologe Ernst Troeltsch davon zu künden, dass die Innigkeit des deutschen Weihnachtsfestes etwas sei, was Angelsachsen nie im Leben begreifen würden.

Doch die Zeiten ändern sich: Der Besucher sieht Lichterketten, Holzbuden, Nussknacker. In den Buden gart es in großen Pfannen, am Eingang steht ein altmodisches Kinderkarussell. Es riecht nach Glühwein und Zimt, an den Ständen herrscht Gedränge, es gibt Bratwurst und gebrannte Mandeln. Ein typisch deutscher Weihnachtsmarkt also, wäre da nicht die Themse, an deren Ufer der Markt liegt, wären da nicht Big Ben und Westminster auf der anderen Seite des Wassers.

Der "Traditional Christmas Market" in der Nähe des Bahnhofs Waterloo ist nur eine der vielen Stätten, an denen sich die Briten inzwischen vor dem Fest an deutscher Gemütlichkeit versuchen. "Es werden von Jahr zu Jahr mehr", sagt Beatrix Verbeek, eine Deutsche, die in einer der Holzbuden steht und Glühwein verkauft.

Seit knapp zehn Jahren gibt es im Vereinigten Königreich Weihnachtsmärkte nach deutschem Vorbild, mehr als 15 sind es dieses Jahr. "Das hat es vorher in Großbritannien nicht gegeben", sagt Beatrix Verbeek. "German Punsch" und Bratwurst verkaufen sich ihrer Erfahrung nach besonders gut: "Bei den Ständen mit German Sausage sieht man immer, wie viel auf einem Markt los ist", sagt die 40-Jährige. Deshalb ist der Stand mit den deutschen Würsten direkt neben ihrem, er verkauft Bratwürste, Currywürste, Krakauer und Bier. "Die Briten lieben deutsches Essen", sagt Standleiter Ronny Juska. All seine Würste werden direkt aus Deutschland importiert.

Alles wird importiert

Seit vier Jahren findet der Weihnachtsmarkt an der Waterloo-Station statt, aus 30 Buden sind in diesem Jahr über 70 geworden. Sie verkaufen - neben Glühwein und Bratwurst - Geschenkartikel, Flammkuchen, Kleidung und belgische Schokolade. Dazu kommen Produkte, die auf einem deutschen Weihnachtsmarkt nicht unbedingt zu finden sind: Burger mit Straußenfleisch, sogenannten Schornsteinkuchen mit Schokolade und Blätterteig oder gegrillter Feta-Käse, der zu Fisch und gegrilltem Gemüse serviert wird.

"Deutsche Weihnachtsmärkte sind dafür bekannt, dass sie die besten und festlichsten in der ganzen Welt sind", sagt Jamie Wells, der Betreiber des zweiten deutschen Weihnachtsmarktes in London in der Nähe des Hyde Parks, dem "Hyde Park Winter Wonderland". Über 100 Stände hat sein Markt dieses Mal, er ist "fast so schön wie einer in Deutschland", sagt Wells. Einige deutsche Unternehmen, die bisher Fahrten zu deutschen Weihnachtsmärkten organisierten, betreiben deshalb inzwischen auch in Großbritannien Weihnachtsmärkte nach deutschem Vorbild - und füllen damit eine unbesetzte Nische: "Die Deutschen sind halt geschäftstüchtig", sagt Nicholas Thornton, der einen Stand mit Marzipan hat. Auch der Markt am Südufer der Themse wird von einer deutsch-britischen Firma betrieben, XmasMarkets mit Sitz in Köln.

Nicholas Thornton verkauft die süße Marzipan-Masse im Stück, 3,50 Pfund für 100 Gramm, eine teure Nascherei. Trotzdem ist die Nachfrage nach den Süßigkeiten aus Lübeck groß. "Das bekommen wir so nirgendwo sonst", sagt Amanda Rollings aus Essex, die mit ihren Töchtern über den Weihnachtsmarkt schlendert. Sie kauft 100 Gramm Marzipan mit Pistaziengeschmack.

Beatrix Verbeek, die Glühweinverkäuferin, hat schon viele Weihnachtsmärkte in Großbritannien gesehen. "Ich habe schon alle Städte einmal durch", sagt sie. Auch in Birmingham war sie schon. Der dortige Weihnachtsmarkt ist der größte, den es im Königreich derzeit gibt, 193 Stände sind es dieses Jahr. Über drei Millionen Besucher hatte der in Anlehnung an die Städtepartnerschaft mit Frankfurt am Main benannte "Frankfurt Christmas Market" 2010. "Davon profitiert die ganze Stadt", sagt Mike Whitby, Leiter der Stadtverwaltung in Birmingham. "Die Besucher geben nicht auf dem Markt, sondern auch in den Läden und in den Hotels Geld aus." Fast 100 Millionen Pfund an zusätzlichem Umsatz brachte der Markt im vergangenen Jahr. Das Konzept aus Glühwein und Bratwurst geht allerdings nicht überall auf. In Peterborough, einer 160 000-Einwohner-Stadt östlich von Birmingham, floppte der Weihnachtsmarkt.

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viel dank der Weihnachtsmärkte in London zusätzlich umgesetzt wird. Aber: "Die Stadt profitiert davon, ganz eindeutig", sagt Jamie Wells vom Hyde Park Winter Wonderland. Genau wie XmasMarkets, die Kölner Firma, die den Waterloo-Weihnachtsmarkt betreibt: "Wir haben uns nach vier Jahren fest etabliert und trotzen der Rezession", sagt Alessa Lovegrove, deren Familie XmasMarkets gehört.

Daran glaubt Jade Draice nicht. Die Blondine verkauft belgische Süßigkeiten, mit Karamell, Schokolade und Mandeln. "Es kommen jedes Jahr mehr Leute", sagt sie, "aber wir setzen weniger um. Die Wirtschaftskrise ist deutlich zu spüren." Eine Bratwurst und ein Glühwein kosten in diesem Jahr zusammen acht Pfund, umgerechnet etwa 9,70 Euro.