Stalins Tochter

Der "kleine Spatz" des Diktators

Als sie sechs Jahre alt war, erschoss sich ihre Mutter, nachdem der Vater sie beleidigt hatte. Der erste Mann, in den sie sich verliebte, wurde von ihrem Vater für zehn Jahre ins Arbeitslager geschickt. Die beiden Trauzeugen der Eltern, zwei Freunde der Mutter, ließ der Vater hinrichten.

Über ihren Halbbruder Jakob (Jakow), der den Nazis in die Hände gefallen war, wollte der Vater nicht um Freigabe verhandeln, er starb im KZ. Lana Peters, Lieblingstochter Josef Stalins, frühere Swetlana Allilujewa, hat keine normale Kindheit und Jugend erlebt.

Lange nach Stalins Tod floh sie aus der Sowjetunion, brach nachträglich mit ihrem Vater, verdiente in Amerika mehrere Millionen mit ihren Memoiren, heiratete William Peters, einen engen Mitarbeiter des Stararchitekten Frank Lloyd Wright, und lebte mit dessen Witwe zusammen, ging später wieder in die Sowjetunion und schimpfte auf den "materiellen" Westen, ließ sich von Gorbatschow erneut "entlassen", lebte in England in Armut, näherte sich im Geiste, wieder ganz die Lieblingstochter, ihrem grausamen Vater an, brach erneut mit ihm, schrie zuletzt einen Journalisten an, mit dem sie drei Tage lang ein Interview geführt hatte, das erste nach Jahrzehnten: "Fragen Sie mich nie, nie, nie wieder nach meinem Vater." Im Alter von 85 Jahren starb Lana Peters jetzt in den USA.

Die Grausamkeit des Vaters

25 Jahre alt war ihre Mutter Nadeschda Allilujewa bei ihrer Geburt am 28. Februar 1926, ihr Vater zählte mit 48 fast doppelt so viele Jahre. Lenin war da gerade zwei Jahre zuvor gestorben. Josef Dschugaschwili, den man zu dem Zeitpunkt seit 20 Jahren bereits Stalin, "den Stählernen", nannte, hatte sich mit Gewalt und Intrigen als Alleinherrscher etabliert, ließ seine Konkurrenten aus der Partei ausschließen, bevor er 1928 daran ging, den Bauernstand systematisch auszumerzen. Es gibt viele Fotos, die ihn mit Swetlana, seinem "kleinen Spatz", zeigen, auf denen zu sehen ist, wie er sie herzt, küsst, auf den Armen trägt. Sie war die Einzige aus der Familie, mit der er sich immer wieder in der Öffentlichkeit zeigte. Swetlana wurde vom Volk geliebt, verehrt. Viele Tausend Babys wurden damals Swetlana genannt, sogar ein Parfüm. Auch nahm sie bisweilen am gesellschaftlichen Leben Stalins teil. Im Alter von 18 Jahren hatte sie sich beim Besuch Winston Churchills in Moskau zum Dinner neben den britischen Premier platzieren lassen, der in seinen Memoiren später von einem sehr geistvollen Gespräch mit ihr schrieb.

In jenem Jahr 1944 hatte Swetlana bereits eine Ahnung von der ganzen Grausamkeit ihres Vaters gehabt. Mit 16 hatte man ihr offenbart, dass ihre Mutter nicht an Krebs gestorben sei, sondern sich selbst erschossen hatte. Sie begann, auf Distanz zu ihrem Vater zu gehen. Den Umgang mit ihrer großen Liebe, dem jüdischen Filmemacher Alexei Kapler, hatte ihr Stalin untersagt, später wurde er an den Polarkreis verbannt, Lana lernte nicht nur hierbei den rigiden Antisemitismus ihres Vaters kennen. Ihren Kommilitonen Grigori Morosow, ebenfalls ein Jude, durfte sie zwar heiraten, doch Stalin erklärte, er wolle ihn nie sehen. Freunde sahen in dieser Ehe eine Trotzhaltung. Sie hielt nicht lange, und bald zeigte sich erneut die Widersprüchlichkeit im Verhältnis zu Stalin: Auf sein Drängen hin heiratete sie den Sohn eines Politbüromitgliedes - die erneute Scheidung erfolgte nach wenigen Monaten. Aus beiden Ehen war jeweils ein Kind hervorgegangen. Nach dem Tod Stalins 1953 nahm sie den Nachnamen ihrer Mutter an, arbeitete als Lehrerin und Übersetzerin, und wagte es bald, immer offener ihren Vater zu kritisieren.

1956, auf dem 20. Parteitag der KPdSU, erfolgte dann die ganz offizielle Abrechnung mit dem Diktator und seinem Personenkult. Nikita Chruschtschow, neuer starker Mann der UdSSR, war es, der nun Stalin in seiner berühmten Rede vom Sockel holte. Wenig später verschwanden in fast allen Städten des Ostblocks die Stalin-Standbilder - so wie Stalin liquidierte Gegner von Fotos hatte wegretuschieren lassen. Viel hatte Swetlana schon gewusst über ihren Vater, den Massenmörder, doch Chruschtschow sah sich veranlasst, ihr seine Rede vorab zu zeigen, damit sie den Inhalt nicht von Dritten erfahren musste. Auch er hatte die Stalin-Tochter in sein Herz geschlossen, spätestens seit er 1952 miterleben musste, wie sie der greise Diktator brutal an den Haaren zum Tanz zerrte.

Flucht in die USA

Auch nach dem Tod ihres Vaters war es nicht leicht für Swetlana, die Sowjetunion zu verlassen. Sie nutzte eine günstige Gelegenheit bei einem Trauerfall, über Indien auszuwandern und nach Amerika zu fliehen, wo sie nicht nur in ihren beiden Autobiografien heftig gegen das politische System ihrer Heimat zu Felde zog. Die US-Behörden wollten sie nicht einreisen lassen, doch Präsident Johnson wischte die Vorbehalte beiseite. Später stellte sich heraus: Der sowjetische Geheimdienst soll geplant haben, Swetlana umzubringen. Mitte der 80er-Jahre, die Gorbatschow-Ära dämmerte herauf, konnte sie trotz allem unbehelligt in die Heimat zurückkehren, die Sehnsucht nach ihren beiden älteren Kindern hatte sie getrieben. 1996 aber, nach dem Ende der Sowjetunion, zog sie nach einem längeren unersprießlichen Aufenthalt in England endgültig in die USA zurück, nach Wisconsin, wo sie am 22. November in einem Altenheim starb.