Israel

Die Gans, das koschere Schwein

Eigentlich hatten die spanischen Biobauern nur artgerecht gehaltene Gänse züchten wollen, auf großen Wiesen und ohne die Tiere möglichst schnell zu mästen. Doch als sie das erste Mal von ihrer Gänseleberpastete kosteten, war die Überraschung groß. Die Gänse hatten das unverwechselbare Aroma von Schweinefleisch.

Wie die spanischen Bauern auf die Idee kamen, ausgerechnet in Israel einen Absatzmarkt für ihr ungewöhnliches Produkt zu vermuten, wird ihr Geheimnis bleiben. Jedenfalls wandten sie sich an den aschkenasischen Oberrabbiner des Landes, Jona Metzger. Der sollte entscheiden, ob Gänse mit Schweinegeschmack nach der Kaschrut, den jüdischen Speisegesetzen, koscher sind. Denn der Verzehr von Schweinefleisch ist religiösen Juden streng untersagt. Sogar die Schweinezucht ist bis auf wenige Ausnahmen verboten. Säkulare Israelis, die es mit den religiösen Geboten weniger genau nehmen, können hingegen schon heute in ausgewählten Restaurant die verbotene Delikatesse serviert bekommen: Um das Schwein nicht beim Namen zu nennen, wird es als "weißes Fleisch" auf der Karte angepriesen.

Das Schweine-Tabu stellte Rabbiner Metzger vor ein Problem. Da er nie in seinem Leben Schweinefleisch gekostet hatte, hätte er die behauptete geschmackliche Ähnlichkeit gar nicht überprüfen können. So beauftragte der Rabbiner drei nicht jüdische Köche, die nach einer Kostprobe tatsächlich ein "seltenes kulinarisches Duplikat" attestierten.

Nach einigem Zögern hat Metzger das Gänsefleisch nun für vollständig koscher erklärt - vorausgesetzt natürlich, die Tiere würden nach jüdischem Ritus geschlachtet. Er begründete seine Entscheidung mit einer Passage aus dem babylonischen Talmud, der zufolge Gott für jedes dem jüdischen Volk verbotene Nahrungsmittel einen koscheren Ersatz mit demselben Geschmack geschaffen habe.

Bis orthodoxe Familien in Israel tatsächlich in den Genuss von falschem Schweinefleisch kommen, dürfte allerdings noch etwas Zeit vergehen. Die Gänse seien schließlich noch jung und die Import-Formalitäten noch zu regeln, sagte Rabbiner Metzger. Außerdem fürchte er, der Geschmack werde bei religiösen Juden einfach keine große Begeisterung auslösen. "Aber früher oder später werden sie sich wohl daran gewöhnen."