Prozess

Der Mann hinter der Maske

Gegen 11 Uhr, als alles Unaussprechliche gesagt worden ist, tritt der Vater von Dennis aus dem Landgericht. Er ist groß, wirkt bullig und trägt einen blauen Pullover. Dutzende Kameralinsen richten sich auf sein zerfurchtes Gesicht mit den wasserblauen Augen. "Das war der Hammer. Ich kann das ganz schwer ertragen", sagt Michael Rostel.

Sein Sohn Dennis wurde 1995 entführt und ermordet, und vor wenigen Minuten sah er den Mann, der dies getan haben soll: Martin N., 40 Jahre alt, steht seit Montag vor dem Landgericht Stade wegen dreifachen Mordes und 20 Fällen von sexuellen Missbrauchs vor dem Richter.

Es passierte nicht viel in der ersten Sitzung, die nach 30 Minuten zu Ende ist. Für Michael Rostel und viele der Zuschauer aber ging diese halbe Stunde schon an die Grenze des Erträglichen. Etwa 20 Minuten lang verlas Oberstaatsanwalt Johannes Kiers die zwölfseitige Anklageschrift. Die Morde kommen dabei zur Sprache, aber auch die Missbrauchsfälle, bei denen Martin N. seine Opfer in Schullandheimen, Zeltlagern oder sogar zu Hause quälte. Kiers berichtet im kühlen Juristen-Deutsch vom Anfassen, von Bedrohungen, von schwerstem Missbrauch. Jahrelang versetzte der "Maskenmann" die Menschen in Norddeutschland in Angst. Seit Anfang der 90er Jahre schlug er immer wieder in Wohnhäusern, Schullandheimen und Zeltlagern zu. Getarnt mit einer Maske und dunkler Kleidung drang der Serientäter in die vermeintlich sicheren Räume ein, weckte ein Kind, missbrauchte es und verschwand danach unbemerkt. Ein großer "schwarzer Mann", ein "Maskenmann" - wie in einem bösen Traum.

Der 40-Jährige habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen getötet, um andere Straftaten zu verdecken, sagte Staatsanwalt Johannes Kiers bei der Anklageverlesung. Die Verteidigung will am nächsten Prozesstag, am 26. Oktober, eine etwa 90-minütige Erklärung von Martin N. verlesen.

Er sieht die Familien nicht an

In Handschellen führten die Justizbeamten den Angeklagten in den Gerichtssaal. Vor sein Gesicht hält er eine rote Mappe, damit er nicht fotografiert werden kann. Sein Haar ist ergraut, er trägt einen dichten Vollbart. Regungslos folgte er der Verlesung der Anklage, blickte den Nebenklägern - den Familien der drei getöteten Jungen und einem Missbrauchsopfer - nicht in die Augen. Die Angehörigen wirkten im Gerichtssaal gefasst. Michael Rostel stützt sein Kinn in die Hand. Der Vater des 1992 getöteten Stefan wiederum wirkt konzentriert und nüchtern. "Ich habe nur zwei- oder drei Mal zu ihm herübergesehen", sagt Ulrich Jahr. Er hatte den Fall jahrelang intensiv begleitet.

Was die Eltern und Angehörigen in den Gerichtssaal treibt, was sie zum Begreifen des Unbegreiflichen suchen, ist Klarheit. "Wir wollen wissen was genau passiert ist", sagt Rostel. "Er sollte gestehen, das wäre am besten", sagt der Vater. Jahr glaubt nicht, dass die Details der Einlassungen des Angeklagten stimmen. Er forscht seit Jahren an dem Fall und hofft, dass sich der tatsächliche Geschehensablauf rekonstruieren lässt.

Inzwischen liegt auch das vorläufige Gutachten eines Psychiaters vor. Es kommt nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass Martin N. voll schuldfähig ist.

Der Angeklagte hatte kurz nach seiner Festnahme im April in Hamburg die drei Morde und rund 40 sexuelle Übergriffe zwischen 1992 und 2001 gestanden. Etwa die Hälfte der Missbrauchsfälle ist mittlerweile allerdings verjährt.

Im März 1992 tötete Martin N. den Erkenntnissen der Ermittler zufolge zum ersten Mal. Er drang in ein Internat in Scheeßel ein und entführte den 13-jährigen Stefan. "Noch auf dem Schulgelände fesselte er Stefan die Hände", sagte Kiers. Im Auto verging er sich an dem Jungen und fuhr danach mit ihm auf einen Waldweg. "Dort erwürgte er Stefan mit den Händen." Sein zweites Opfer, den achtjährigen Dennis R., holte er der Anklage zufolge 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig. Mehrere Tage verbrachte Martin N. mit ihm in einem Ferienhaus in Dänemark, dann tötete er den Jungen. Im Jahr 2001 schlich sich der Verdächtige in ein Schullandheim bei Bremerhaven, hob den schlafenden Dennis K. aus einem Stockbett, verging sich an ihm im Aufenthaltsraum und erwürgte ihn. Die Leiche schaffte er in einen Wald. "Dort legte er Dennis in ein Gebüsch und fuhr davon", sagte Kiers. Nach dem dritten Mord wurde der Polizei klar, dass es sich um einen Serientäter handelt. Sie gründete eine Sonderkommission. Doch erst nach dem Hinweis eines früheren Missbrauchsopfers kamen die Fahnder dem Verdächtigen auf die Schliche.