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"So stellt ihr euch doch Dicke vor"

| Lesedauer: 6 Minuten
Eva Sudholt

"A Perfect 10", so nennt man im Englischen eine Traumfigur. Besungen in Popsongs, verewigt im Titel eines Männermagazins. Eine perfekte 10 ist nicht 90-60-90 oder Size Zero, angeblich eingeführt aufgrund sogenannter Größeninflation in der Textilbranche und den Maßen einer Achtjährigen entsprechend.

Die perfekte 10 ist nicht einmal Kleidergröße 36, sondern eine gut sitzende mitteleuropäische 38, die Konfektionsgröße einer normalgewichtigen, schlanken Frau. Nancy Upton zum Beispiel, eine 24-jährige Studentin aus Dallas, ist eher eine 12, ein guter Durchschnitt mit gelegentlichen Ausschlägen in die 14.

Und doch steckt auch hinter dem Namen jenes Männermagazins der vergebliche Wunsch, die realitätsferne Darstellung von Schönheit zu korrigieren. Der Legende nach nämlich gründet sich der Name der Zeitschrift auf die Erfahrung einer Freundin des Herausgebers Norm Zada, die beim "Playboy" vorstellig geworden und aufgrund ihrer durchschnittlichen, von plastischer Chirurgie unberührten Proportionen abgelehnt worden war. Vielleicht war sie an den einen Stellen nicht schmal, an den anderen nicht üppig genug. Vielleicht lautete der Einwand der "Playboy"-Redaktion, ihr Körper entspräche einfach nicht ihrer Zielgruppe - "that's not our demographic".

Nicht unsere Zielgruppe

Dieser Satz nämlich prangt seit ein paar Wochen in Großbuchstaben auf der Internetseite von Nancy Upton - als Ausdruck der Empörung, die zuvor die Amerikanerin April Flores gespürt haben muss. Mit dieser Aussage nämlich hatte sich Flores letztes Jahr in Los Angeles konfrontiert gesehen. Sie hatte sich nicht um einen Job als Fotomodell beworben (den hatte sie nämlich schon), sie wollte einfach nur Klamotten kaufen. In einer Filiale der Modemarke American Apparel hatte sie nach Kleidern in ihrer Größe gefragt. Die es nicht gab, was die Verkäuferin mit dem Satz "Das ist nicht unsere Zielgruppe" begründete - "that's not our demographic". Wer normalerweise die zierliche Größe 8-10 (oder 36-38) trägt, benötigt bei einem Label, das sich selbst "Amerikanische Kleidung" nennt, die Größe Large. Wer Größe 40 trägt, der landet schon bei XL - Extra Large. Wer also gerade noch in eine 10 hineinpasst, sieht sich selbst vor seinem inneren Auge schon bald nur noch in der Übergrößenabteilung einkaufen.

Das Plus-Size- und Erotikmodel April Flores empörte sich öffentlich, indem sie den Satz bei Facebook postete. Und Nancy Upton sah sich in ihrer schlechten Meinung von der Firma American Apparel bestätigt, die seit Jahren zwischen vorbildlich, wegen anständiger Arbeitsverhältnisse mit guten Löhnen und umweltschonender Produktion, und äußerst umstritten changiert - unter anderem wegen eines verhaltensauffälligen Firmenchefs, der von weiblichen Angestellten schon mehrfach der sexuellen Belästigung bezichtigt wurde. Passend zu den Entgleisungen Dov Charneys rutschen auch die Werbekampagnen oft ein gutes Stück unter die Gürtellinie ab. Sinnlos breitbeinig dasitzende, halb bekleidete junge Frauen sind da zu sehen, der Stil der Fotos erinnert an Schnappschüsse einer Party, als seien die Mädchen nach ein paar Bier zu viel zu willenlosen Opfern der männlichen Gäste geworden, die sie in Posen fotografieren, die sie am nächsten Tag bereuen.

Aber dann kam es noch viel doller.

Seit der Kanadier Dov Charney im Jahr 2003 die ersten Läden in New York, Los Angeles und Montreal eröffnet hatte, war die Firma stetig gewachsen. Heute betreibt American Apparel weltweit fast 290 Filialen. Doch im letzten Jahr stand die Firma plötzlich vor dem Ruin. Die Verkäufe waren dramatisch zurückgegangen. Das Sortiment sprach mit seinen bunten T-Shirts, Leggings und Sweatshirts fast ausschließlich eine junge Zielgruppe an. Die Firma entschied sich also, auf erwachsenere Kleidung zu setzen. Und auf Kundschaft, die vorher nicht zur Zielgruppe gehörte: American Apparel entdeckte die Übergewichtigen für sich. Nur ging die Sache ziemlich daneben. Um ein passendes Model zu finden, suchte man auf der Homepage nun nach "bootyful women", ein nach Nancy Uptons Empfinden plump-dreistes Wortspiel aus "hübsch" und "dicker Hintern". Titel der Suchaktion: "The Next Big Thing", die Gewinnerin schließlich sollte die Auszeichnung "XL-ent" erhalten. Nancy Upton fühlte sich, stellvertretend für alle fülligeren Frauen, durch die ewigen Anspielungen auf ihre Rundungen erniedrigt, war empört über so viel Taktlosigkeit.

Kurzerhand entschied sich Nancy Upton, den Wettbewerb zu desavouieren. Im anzüglichen Stil der American-Apparel-Kampagnen ließ sich Upton fotografieren, wie sie halb bekleidet große Mengen Nahrungsmittel verschlingt - eine Chipstüte in sich schüttet, in einer Badewanne voll Ranchdressing badet, einen Kuchen verschlingt oder Schokoladensoße aus der Flasche trinkt. "So stellt ihr euch doch Dicke vor", dachte sie sich dabei. "I'm a Size 12", schrieb sie, und dass sie versucht habe, "bootyful" Fotos von sich machen zu lassen. "Aber ich konnte einfach nicht aufhören zu essen." Und dann gewann sie den Wettbewerb, die Besucher der Website hatten sie gewählt.

Nancy Upton hätte nicht angenommen, aber dazu kam es sowieso nicht mehr. In einem Brief der Pressesprecherin von American Apparel wurde Nancy Upton vorgeworfen, dass sie den guten Absichten der Firma schade. In ihrem Blog extrawiggleroom.tumblr.com dokumentiert Upton seitdem ihren Kleinkrieg mit der Firma. Bis sich Iris Alonzo, die Briefeschreiberin, noch einmal meldete. Und sie nach L.A. einlud, um sich mal ein paar Tage in der Firma umzusehen. Nancy Upton nahm an. Große Hoffnungen auf einen Austausch zum Thema machte sie sich nicht, es sollte offenbar nur mal wieder darum gehen, sich von den viel beschworenen vorbildlichen Arbeitsbedingungen zu überzeugen.

In dem Popsong "Perfect 10", gesungen vom Briten Paul Heaton, heißt es übrigens, ihm sei gleich, welche Größe seine Liebste trage - "She could be sweet 16, busting out of the seams", auch wenn sie 44 trage und aus allen Nähten platze, an seiner Liebe könne das sowieso nichts ändern.