Sternschnuppen

Die schnellsten Sterne über Berlin

Hätte die Erde einen Scheibenwischer, würde man ihn am Samstag einschalten. Der Globus rast durch die Ausläufer einer gewaltigen interplanetaren Staubwolke: die "Draconiden", die von ihrem "Ursprungskometen" hinter sich hergezogen werden. Mit ihm, einem zwei Kilometer starken Himmelsgeschoss mit dem Namen "21P/Giacobini-Zinner", werden wir nicht in Berührung kommen.

Wohl aber - jedenfalls unsere Atmosphärenhülle - mit vielen winzigen Partikeln jener Wolke. Sie werden durch die dabei entstehende Reibung bei 2500 Grad verglühen, und dabei aufleuchten.

Den zentralen Bereich dieser Wolke wird die Erde in einer Entfernung von nur 200 000 Kilometern passieren, gerade mal etwas mehr als die Hälfte der Entfernung zum Mond. Genügend Teilchen dürften daher von der irdischen Masse angezogen werden. Deshalb werden wir sie auch mit etwas Glück massenhaft sehen können, als einen dichten Schauer von Sternschnuppen. Die Astronomen rechnen mit bis zu 600 solchen rasenden Leuchtpunkten pro Stunde am nächtlichen Himmel, am meisten um etwa 22.00 Uhr. Zu beobachten in westnordwestlicher Richtung, ausgehend vom "Kopf" des Sternbildes Drachen, unterhalb des kleinen Bären.

Die Chancen, das Schauspiel verfolgen zu können, stehen im wolkigen Süddeutschland, besonders im bedeckten Südwesten, ausgesprochen schlecht. Im Norden dagegen, etwa ab der Höhe von Hannover, könnte es nach der Wettervorhersage vom Freitag pünktlich zur fraglichen Zeit komplett aufklaren. Nur der recht volle Mond dürfte hier durch seine "Lichtverschmutzung" am Himmel die Sicht ein wenig einschränken.

Die Zeit von Spätsommer und Herbst ist die Hochsaison der Sternschnuppen. Bekanntere, regelmäßig wiederkehrende größere Ansammlungen haben ihren eigenen Namen, nach dem Sternbild, aus dem sie - scheinbar, von der Erde aus betrachtet - hervorströmen und über das Firmament jagen. Im August kommen die Perseiden aus dem Sternbild des Perseus, im November die bekannteren Leoniden aus dem Löwen. Die Draconiden, die nun aus dem Drachen hervorströmen, sind eher unbekannt, weil sie nur sehr selten zu sehen sind - nicht etwa, weil ihre Himmelsshow weniger spektakulär wäre. Im Gegenteil.

Die zwei letzten großen Draconiden-Lichtspiele zählen zu den absoluten Höhepunkten in der Zeitgeschichte des Himmels. 1933 und 1946 fanden sie statt - fast könnte man meinen, als habe der Himmel eine finstere Epoche damit ausklammern wollen. In beiden Jahren zählten die Astronomen an die 10 000 Sternschnuppen pro Stunde, also drei in jeder Sekunde. Hätte es zu jener Zeit schon solche künstlichen Himmelskörper gegeben, so wären sie in akuter Gefahr gewesen. Und auch wenn es sich dieses Mal um die zehnfache Entfernung handelt, ist die Nasa dennoch in Sorge. Der Draconiden-Strom sei ein Risiko für erdnahe Objekte im All, heißt es in einer Stellungnahme der US-amerikanischen Raumfahrtagentur. Die Draconiden zählen mit 21 000 Stundenkilometern zwar nicht zu den schnellsten Sternschnuppen, doch sie können Satelliten schwer beschädigen.

Das Feuerwerk von 1933 und 1946 wird sich in dieser Intensität nicht wiederholen, doch die allermeisten der heutigen Zeitgenossen werden sich mit dem begnügen müssen, was Samstagabend dargeboten wird. Die nächsten großen Draconidenströme erwarten die Astronomen erst wieder für 2062 - und wenn es dann wolkig sein sollte, kommt die nächste Chance danach erst 2098.