Mode

Paris zwischen Engeln und Meerjungfrauen

Marc Jacobs' eventuell bevorstehender Wechsel zu Dior hält seit Wochen die Szene in Atem. Dass ihn das Thema umgetrieben haben muss, sah man auch an der Kollektion, die er jetzt in Paris präsentierte. Seine Fetischblume, das Gänseblümchen, verarbeitete Jacobs in Motiven als Lochspitze auf Organza oder in pastellfarbenen applizierten Pailletten auf Röcken und Kleidern.

Die süßlich anmutende Kollektion in allen Drageefarben bekam durch mintfarbene Motorradjacken aus Krokodilleder etwas "Kante". Gutes Mädchen, schlechtes Mädchen, scheint ein Thema zu sein, das die Designer umtreibt. Alber Elbaz' Kollektion für Lanvin war von einem in die Hölle geratenen Engel inspiriert, dessen Flügel sich in der mit Schulterpolstern akzentuierten martialischen Silhouette widerspiegelten. Elbaz zeigte verstärkt Hosen und legte den Fokus auf Rock-Oberteil-Kombinationen.

Doch nicht bei Maison Martin Margiela, da landen die Engel auf dem Laufsteg. Und zwar im Abendkleid oder Rock, mit rotgrundigem Persermuster in Pailletten nachgestickt mit weißen Seidenfransen als Bordüre am Saum. Einmal aus ihren Plastikhüllen wie frisch aus der Reinigung befreit, sind die Looks echte Hingucker. Etwas uninspiriert wirkte noch die Kollektion von Bill Gaytten, Diors Interimsdesigner auf Abruf. Komfortabel geschnittene Schößchenjacken lieferten eine Neuinterpretation des hauseigenen New Looks, drapierte oder plissierte Chiffonkleider in schwarzweißer Kombination mit Spitze für den Abend sahen, nun ja, "Very Valentino" aus. Kommerziell ist die Kollektion bestimmt ein Hit.

Inspiration aus Algen und Muscheln

Dass Karl Lagerfeld für Chanel und Riccardo Tisci für Givenchy auf der Suche nach Inspiration auf dem Meeresgrund gelandet sind, kann Zufall sein, aber wie man weiß sind sie sich auch freundschaftlich verbunden. "Alles außer Meerjungfrauen" verwandelte Lagerfeld in eine von Formenreichtum und Leichtigkeit getragenen Chanel-Kollektion mit 20er- und 60er-Jahre-Anleihen, die durch dem Unterwasserweltdesign entnommene Stickereien, Applikationen und Jacquards in Fischlaich-, Muschel- Algen- und Perlenoptik eine futuristische Note erhielt.

In Riccardo Tiscis Unterwasserwelt ging gefährlich zu: gigantische Haifischzähne als Kettenanhänger oder als stilisierte Verschlüsse an Riemchen-Stilettos führten das erfolgreiche Raubtierthema des Herbstes auf dem Meeresgrund fort. Sirenenkleider und Kostume mit ondulierenden Bordüren bestanden aus übereinender getragenen Multi-Layer-Elementen und kamen in Aalleder.

Korallenriffartig überwuchert wirkten Models bei Sarah Burtons Schau für Alexander McQueen mit lochrig bestickten Masken. Muscheln waren auf Bustierkleider gestickt, amorphe Rocailleformen erschufen ein futuristisches Rokkoko.

Den kruden Abschluss der Modewoche servierte Miuccia Prada mit Miu Miu, die sich einen postapokalyptischen Lacroix-Look ausgedacht hatte. Kargste Souleiado-Prints wurden zu Patchwork verarbeitet, mit schwarzen Schleifen gebundene Capes und gewickelte Stolen zitierten Lacroix so geliebte provenzalische Tracht. Nach all der Zuckerwatte-Leichtigkeit der Pariser Saison wirkte Miu Mius Bad-Taste-Provokationen doch verstörend.