Touristin in Kenia gekidnappt

Entführung aus dem Schlafzimmer

Marie Dedieu trug noch ihr Nachthemd, als die Entführer sie zum Motorboot trugen. Alleine konnte die 66-jährige Französin ihr Haus auf Manda, einer Insel des Lamu-Archipels, nicht verlassen, sie ist auf den Rollstuhl angewiesen. Hunde bellten, Schüsse fielen, doch den zehn Männern gelang es, mit ihrem Opfer abzulegen.

Zwei Küstenboote und ein Polizeihubschrauber nahmen die Verfolgung auf - vergeblich. Den Verbrechern gelang die Flucht in die rund 50 Seemeilen entfernten Gewässer Somalias. Dort darf die kenianische Polizei nicht agieren.

Von Dedieu, einer der bekanntesten französischen Frauenrechtlerinnen der 70er-Jahre, fehlt seitdem jede Spur. In den vergangenen Tagen gingen die Menschen in Lamu auf die Straßen. Sie hielten Schilder hoch zum Protest gegen die von den kenianischen Behörden verdächtigten somalischen Piraten, die oft enge Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Schabab haben. "Wir sind gegen al-Schabab und Gewalt. Wir brauchen Frieden", stand auf einem Plakat geschrieben. Gerichtet war die Botschaft auch an die kenianische Polizei, die einmal mehr versagt hatte und damit die Existenz der Inselbewohner gefährdet: 90 Prozent der Bürger auf dem Lamu-Inselarchipel, zu dem Manda gehört, verdienen ihr Geld mit Tourismus. Und der ist an der Küste Kenias massiv bedroht. Denn schon drei Wochen vor der Entführung Dedieus war die Britin Judith Tebbutt über See nach Somalia verschleppt worden - sie hatte mit ihrem Mann auf Lamu Urlaub gemacht. Er wurde mit einem einzelnen Schuss in den Kopf getötet, als er Widerstand leistete, von ihr fehlt jede Spur. Die beiden waren die einzigen Besucher eines Luxus Resorts.

Frankreich, England und Deutschland gaben Reisewarnungen aus. Das Auswärtige Amt in Berlin warnte, auf den Inseln vor Kenia bestehe eine erhöhte Gefahr, Opfer von Überfällen zu werden und rät davon ab, an Orte zu fahren, die näher als 100 Kilometer zur Grenze zu Somalia liegen. Anders ausgedrückt: keine Reisen nach Lamu.

Der Tourismus leidet

Viele Touristen haben das Land inzwischen vorzeitig verlassen. Kenias Ruf als Touristenparadies - die wichtigste Devisenquelle des Landes - leidet weiter. Zunächst bedeuteten die Massaker nach den Wahlen des Jahres 2007 einen erheblichen Imageschaden, damals kamen in den Folgemonaten 1300 Menschen ums Leben. Das geschah abseits der Feriengebiete, diesmal sind Strände betroffen, die jedes Reisemagazin schmücken würden, aber nicht ausreichend bewacht werden. Die seit Jahrzehnten andauernde Krise im Nachbarland Somalia wird zum immer größeren Problem für Kenia. Durch die anhaltende Hungersnot strömen seit Monaten täglich 1200 Somalier über die Grenzen. Hinzu kommt die Bedrohung durch al-Schabab und Piraten, die ihre Strategie zu ändern scheinen: Entführungen auf See werden immer aufwendiger, seitdem die Küste von Kriegsschiffen bewacht wird. Offenbar werden deshalb nun gezielt Touristen an Land ausgesucht.

Zumindest im Fall der Britin ist offenbar nicht Lösegeld das Motiv, sondern der Kampf der Islamisten gegen die von den Vereinten Nationen unterstützte Übergangsregierung. Scheich Abdul Rahman Dehere, einer der Al-Schabab-Führer, gab an, die Entführung sei die Antwort auf die Zerstörung eines Waffenlagers in der Hafenstadt Kismayo durch einen US-Drohnenangriff. "Wir wollen einer unschuldigen Frau keinen Schaden zufügen", sagte er somalischen Medien, "aber bei weiteren Attacken werden wir sie töten."

Al-Schabab demonstriert derzeit seine Macht mit größtmöglicher Brutalität. Am Dienstag wurden 70 Menschen in Mogadischu durch eine Autobombe getötet - der blutigste Anschlag von al-Schabab in den vergangenen Jahren. Die meisten Opfer waren Studenten, die vor dem Bildungsministerium auf ihre Examensergebnisse warteten. Der Krieg hat schon immer seinen Weg zurück nach Mogadischu gefunden.

In diesen blutigen Konflikt, der seit dem Jahr 1991 tobt, ist also nach der Britin Tebbutt nun die Französin Dedieu verwickelt worden. Auch ihr Martyrium lässt sich nur erahnen. Die Französin braucht nach Angaben ihres kenianischen Lebenspartners regelmäßig Medikamente. Sie ist zudem schwerhörig. Sobald die Batterie ihres Hörgerätes nachlässt, wird die Kommunikation mit den Entführern schwieriger als ohnehin schon.

Kenias Tourismusminister Najib Balala forderte internationale Unterstützung und sicherte "den größtmöglichen Aufwand" zu, um sie zu befreien. Zweifelhaft, ob der ihr Leben retten kann.