Britischer Abhörskandal

Abrechnung mit den Medien

Ist die britische Regenbogenpresse vom Gift der Amoralität befallen, sind ihre Mittel Einschüchterung und Erpressung? Solche Anschuldigungen hat Schauspieler Hugh Grant gegen die Tabloid-Kultur seines Landes erhoben, als er vor dem Untersuchungsausschuss Lord Levesons erschien, um Auskunft zu geben über seine Erfahrungen mit den Medien.

Wie viele andere Prominente beschwerte sich auch Grant, dass sein Mobiltelefon mehrfach von Spürhunden der Medien angezapft worden sei. Aber das war nur ein Ausschnitt seiner Anklage, die der Schauspieler vor allem gegen die Zeitungen der Associated Newspapers Gruppe vortrug, die "Daily Mail" und die "Mail on Sunday". Der Konzern seinerseits schoss sofort gegen ihn zurück und beschuldigte ihn, "lügenhafte Verleumdungen" aufzutischen, "getrieben von seinem Hass auf die Medien." Diesen Hass teilen mit Grant freilich viele Opfer solcher Nachstellungen. Und so wird in dieser Woche vor dem Untersuchungstisch des Lord Leveson die Szene durchaus zum Tribunal, wie es in Schillers Ballade heißt, wenn Namen um Namen auftreten und gegen die Tabloids aussagen. Das hat England in solcher Geballtheit nie erlebt. Wir werden in dieser Woche noch zu hören bekommen von Gerry McCann, dem Vater des vor vier Jahren in Portugal entführten Mädchens Madeleine, von J. K. Rowling, der Harry Potter-Autorin, von Max Mosley, dem früheren Formel 1-Direktor, der den Selbstmord seines Sohnes zum Teil auf seine öffentliche Demütigung zurückführt, von Schauspielerin Sienna Miller, von Fußballprofis und deren Frauen, von Entertainern aller Art - kurzum: eine Phalanx der Promis will antreten zur Abrechnung mit den Medien - der "Vierten Gewalt", wie man sie gerne nennt, das Imperium, von dem doch all diese Celebrities zur Beförderung ihres Ruhms abhängen. Aber zu welchem Preis? Etwa bis zum Fortfall aller Grenzen, wenn die Einmischung ins Private zu einer Wildhatz wird, nahe der Kriminalität?

Exzesse künftig verhindern

Im Juli dieses Jahres hatte Premierminister Cameron den Leveson-Ausschuss berufen, im Anschluss an den Skandal um die Abhörpraktiken ("phone hacking") der zum Murdoch-Imperium gehörenden Tabloids, vor allem der "News of the World". Das Sonntagsblatt mit der höchsten Auflage wurde, als immer mehr Einzelheiten über die geradezu endemische Abhörpraxis bei ihm ans Tageslicht trat, von Rupert Murdoch über Nacht eingestellt. Lord Leveson und seine Beisitzer sollen nun ermitteln, was alles wurmstichig ist in den britischen Medien, ob deren Selbstregulierungsorgane ausreichen, Exzesse künftig zu verhindern, oder ob neue Gesetze zu Pressefreiheit stärker einzuschränken.

Die Neigung der Briten zu Letzterem ist verständlich, wenn sie wie zu Beginn dieser Woche den erschütternden Fall der Milly Dowler anhören mussten, jenes 13-jährigen Mädchens, das im März 2002 entführt worden und lange unauffindbar war, ehe es ermordet in einem Waldstück gefunden wurde. Journalisten der "News of the World" hatten sich in Milly Dowlers Mobiltelefon eingehackt und dort eingetroffene Gespräche gelöscht, um mehr Platz zu schaffen für weitere Botschaften der Sorge, die, immer wieder abgehört, vorzüglichen Stoff lieferten für auflagenträchtige Rührstücke über das verschwundene Mädchen. Die Eltern, Sally und Bob Dowler, von Murdoch inzwischen mit zwei Millionen Pfund (2,3 Millionen Euro) entschädigt, gaben zum ersten Mal zu Protokoll, wie sie sich in falscher Hoffnung wiegten, als sie die Bewegung auf der Voicemail ihrer Tochter registrierten und daraus schlossen, ihr Kind lebe noch und rechne offenbar mit weiteren Nachrichten von zu Hause. Die Dowlers, bewundernswert in ihrer Gefasstheit, machten aber deutlich Halt vor einer Pauschalverdammung der Medien - das große, durch die Medien geförderte Interesse an dem Fall habe zu wertvollen Hinweisen aus der Bevölkerung geführt. Einerseits war die Familie glücklich über die hergestellte Öffentlichkeit bei der Suche nach Milly; andererseits fühlte man sich wie umzingelt von Medienhorden, die auf dem Grundstück der Dowlers campierten, so dass man sich bald nicht mehr aus dem eigenen Haus herauswagte.

Betretenheit machte sich auch breit über das, was im Anhörungssaal die frühere Modeberaterin des Models Elle Macpherson vortrug. Mary-Ellen Field war von ihr wegen angeblicher Indiskretionen aus dem Privatleben des Models gegenüber den Medien entlassen worden. Aber sie war unschuldig: Hacker hatten Macphersons Mobiltelefon angezapft.

Hugh Grant beschrieb seine letzten Erlebnisse mit den Medien wie folgt: Um die Mutter seiner Tochter, die vor wenigen Wochen geboren wurde, vor dem Ansturm der Paparazzi zu schützen, habe er und die Frau (mit der Grant nicht mehr zusammen ist) den Plan geschmiedet, dass er nicht ins Krankenhaus komme - was er dann aber doch tat. "Am Tag danach konnte ich einfach nicht widerstehen", sagte er. Als er später von Reportern am Telefon um eine Stellungnahme gebeten wurde, sei er nicht darauf vorbereitet gewesen, und dann wurde ihm später seine Aussage angekreidet, dass Kind sei nicht geplant gewesen. Aber er sei daran gewöhnt, in der Presse negativ dargestellt zu werden: "Das ist seit langem in Mode."