Mord

Freudentränen aus den Eisaugen

Amanda Knox ist frei. Ein Berufungsgericht im italienischen Peruguia hat die wegen Mordes und Vergewaltigung verurteilte US-Studentin am Montagabend freigesprochen. Knox, die seit 2007 im Gefängnis saß, brach im Gerichtssaal in Tränen der Erleichterung aus. Ihre aus Seattle angereisten Eltern umarmten vor Freude ihre Verteidiger.

Die ebenfalls im Gerichtssaal anwesende Familie der 2007 ermordeten 21-jährigen britischen Studentin Meredith Kercher zeigte sich entsetzt. Am späten Abend verließ Knox das Gefängnis an Bord eines schwarzen Mercedes mit unbekanntem Ziel.

Zu den Akten wird der Fall damit jedoch keineswegs gelegt werden: Vor dem Gericht protestierte eine Menschenmenge mit Rufen wie "Schande, Schande" und "Mörder!" Einen Film gibt es schon zu der Mordsache. Andere werden wohl folgen. Diesmal vielleicht mit Amanda Knox selbst in der Hauptrolle?

Medienkrieg USA gegen England

In diesem Fall ist alles möglich. Über 400 Medienvertreter hatten in den letzten Tagen jedes verfügbare Hotelzimmer vor dem Richterspruch in dem umbrischen Universitätstädtchen mit Beschlag belegt. In diesem Fall lieferten sich die Medien Amerikas (der Heimat Amandas) und Englands (der Heimat des Mordopfers Meredith) einen bissigen und unermüdlichen Schlagabtausch. Geklärt werden musste die Frage; ob Knox mit ihrem Freund Raffaele Sollecito und dem Westafrikaner Ruede Guede nun wirklich im November 2007 gemeinschaftlich ihre Mitbewohnerin Meredith Kercher im Drogenrausch in einer entgleisten Sexorgie umgebracht hat oder nicht.

Amanda Knox, die in den Jahren ihrer Haft nahezu perfekt Italienisch gelernt hat, hatte im letzten Akt dieses Dramas am Montagmorgen in ihrem Plädoyer noch einmal sehr ausführlich auf das "Leid" hingewiesen, das in den letzten Jahren doch vor allem über sie selbst herein gebrochen sei.

Vorausgegangen war ihrer Verteidigung ein pathetisches Plädoyer Luciano Ghirgas, ihres Anwalts, der den Fall im Kern wegen der inzwischen zweifelhaft scheinenden Zuordnung einiger DNA-Spuren am Tatort zu Fall bringen wollte. Nach ihm war Raffaele Sollicito 15 Minuten lang zu Wort gekommen, in denen auch der Ex-Freund Amandas bedächtig seine Unschuld beteuerte.

Doch auch jetzt fokussierten alle Berichterstatter ihre Aufmerksamkeit wieder vor allem auf Amanda Knox selbst. Sie bettelte genau neun Minuten lang flehentlich um ihre Freiheit, um die Anerkennung ihrer Unschuld - und darum, dass eben endlich auch einmal ihr Leid gesehen wird! Denn zuerst einmal habe ja sie selbst in Meredith "eine Freundin verloren" und zwar auf "die brutalste und unerklärlichste Weise".

Sie stockte, weinte, brach mit ihrer Rede ab, immer wieder. Sie "zahle mit ihrem Leben für Dinge, die sie nicht begangen" habe, rief sie verzweifelt.

Elf Monate hatte der erste Prozess 2009 gedauert. Nach umfangreichen Ermittlungen und der Vorladung von 100 Zeugen schien der Fall bei der Urteilsverkündigung völlig klar und durchaus "erklärlich". Es war einer der spektakulärsten Indizienprozesse Italiens, an dessen Ende Knox und Sollecito wegen Mordes und Vergewaltigung an der Britin Meredith Kercher zu jeweils 26 beziehungsweise 25 Jahren Haft verurteilt wurden. Schon zuvor war der geständige Rudy Guede von der Elfenbeinküste zu 16 Jahren Haft verurteilt worden - für eine gemeinschaftlich begangene Tat, an deren Ende Meredith Kercher mit durchschnittener Kehle, von 40 Messerstichen übersät und halbnackt in der gemeinsamen Wohnung der beiden Studentinnen aufgefunden worden war.

Was damals festzustehen schien, sprach schwer wiegend gegen alle drei Angeklagten. Außer den nun in Frage gestellten DNA-Spuren gab es im Bad einen Fußabdruck Sollecitos mit dem Blut des Opfers, Spuren eines Einbruchs - der keinen Sinn machte, weil das Fenster erst im Nachhinein von innen (!) eingeschlagen worden war. Damit sollte offensichtlich eine falsche Spur für den Mord simuliert werden.

Nach der Entdeckung der Tat war der Verdacht rasch auf Amanda Knox als Mitbewohnerin der Studentenbude gefallen. Nach ihrer Verhaftung hatte sie auf dem Revier abwesend gekichert, Yoga-Übungen gemacht und sich zum Schmusen auf Sollecitos Schoß gesetzt. In der ersten Vernehmung behauptete sie, bei ihrem Freund gewesen zu sein. Danach gab sie an, zu Hause gewesen zu sein, wo sie Meredith im Nebenzimmer schreien gehört habe, bevor sie Patrick Lumumba, den kongolesischen Besitzer der Bar "Le Chic" beschuldigte, die Engländerin umgebracht zu haben. Der wurde verhaftet, musste jedoch bald wieder entlassen werden. Die Vorwürfe hatten sich als unhaltbar erwiesen.

All diesen Widersprüchen fügte die verzweifelte Amanda an diesem Montag einen weiteren Widerspruch hinzu, als sie jetzt wieder beschwor, in der Tatnacht eben doch nicht zu Hause gewesen zu sein. Sonst wäre sie ja auch selbst vergewaltigt und ermordet worden!

Auch Ex-Freund unschuldig

Dennoch sind die Geschworenen nach elfstündiger Beratung ihren Argumenten gefolgt und handelten nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten". Auch Sollecito sprachen sie frei. Wegen Verleumdung Lumumbas bestätigten die Geschworenen das betreffende Urteil der ersten Instanz: Die Haftstrafe von drei Jahren hat Amanda Knox aber bereits abgesessen. Der Freispruch sei keiner aus Mangel an Beweisen, unterstrichen italienische Medien. Vollkommener könne ein Freispruch nicht sein. Die Suche nach dem Schuldigen müsse damit von vorne beginnen, hieß es in Kommentaren.

Bittere Pointe: Einige britische Medien wie die "Daily Mail" und der "Guardian" erklärten Knox in ersten Online-Eilmeldungen für erneut "schuldig" gesprochen. Ihre Korrespondenten hatten offenbar nur dieses eine Wort verstanden, als der Richter auf italienisch erklärte, Knox sei weiterhin der Verleumdung schuldig - aber eben nicht des Mordes.

"Ich habe eine Freundin auf die furchtbarste Weise verloren"

Amanda Knox vor Gericht über das Mordopfer