Interview

"Das ist etwas Ernstes"

Groß, sportlich, muskulös: Als Renata Juras ihm zum ersten Mal begegnet, fällt ihr Ervin Unterlechner sofort auf. Sie verlieben sich und werden ein Paar. Es ist die normale Geschichte einer Beziehung, wäre da nicht der Altersunterschied: Juras ist Handballtrainerin in Wien, 41 Jahre alt, Ervin ihr Schützling - und erst 13.

Für sie sind es wahre Gefühle, für das Jugendamt ein Delikt, für die Öffentlichkeit ein Skandal. Jetzt hat Renata Juras ein Buch über ihre Liebe zu dem Teenager geschrieben. Sie ist inzwischen 42 Jahre alt und lebt mit dem 15-jährigen Ervin in einer gemeinsamen Wohnung.

Berliner Morgenpost: Sie sind seit rund zwei Jahren ein Paar. Überrascht Sie das?

Renata Juras: Überraschen? Nein. Wir haben das schon von Anfang an gewusst, sonst hätten wir uns nicht darauf eingelassen. Mir ist klar, dass die Leute das nicht für möglich gehalten haben. Aber das ist ihr Problem, nicht unseres.

Berliner Morgenpost: Ervin, ist das bei dir genauso?

Ervin Unterlechner: Ich bin nicht so der Typ, der von einer Beziehung in die nächste springt, sondern einer, der prinzipiell sich nur auf eine Beziehung einlässt, die auch länger hält. Allein weil die Gefühle so stark waren, war mir klar: Das ist was Ernstes.

Berliner Morgenpost: Was zieht dich an Renata an?

Ervin: Ihre Augen. Die haben mich schon von Anfang an begeistert. Ich finde auch ihre Art so toll. Sie ist ein bisschen temperamentvoller als ich, ich bin eher der ruhige Typ. Wenn wir zum Beispiel ein Regal zusammenbauen und das klappt nicht alles, dann regt sich Renata schnell auf und will alles zum Teufel schicken. Ich sag dann immer: Beruhig dich, schau fern oder lies ein Buch, und mache das dann selbst fertig. In dem Moment ist das zwar ein bisschen nervig, aber nach einer Viertelstunde find ich's dann wieder lustig. Und auch irgendwie süß.

Berliner Morgenpost: Und bei Ihnen, Frau Juras? Was lieben Sie an Ervin?

Juras: Das, was ich am meisten geschätzt hab an ihm war diese Art, wie er mit Sachen umging, wie ernst er alles nimmt, zum Beispiel die Schule. Genauso im Handball - er ist einfach ein Mensch, auf den man sich verlassen kann, und ich mag solche Leute einfach.

Berliner Morgenpost: Bei Paaren ist es ja oft so, dass sie zusammenfinden, weil sie sich ihren Alltag teilen. Sie leben in unterschiedlichen Welten ...

Juras: (fällt ins Wort) Sehen Sie, genau das ist der Fehler! Wir leben in der gleichen Welt, haben die gleichen Freunde und die gleichen Leute um uns herum. Unsere Freunde sind Sportler, Spieler, Trainer, mit ihnen verbringen wir am meisten Zeit.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie Hand in Hand durch Wien laufen, gibt es noch schräge Blicke?

Juras: Wir haben in diesen zwei Jahren nie etwas Unangenehmes erlebt. Man merkt, dass uns die Menschen erkennen. Was die Leute denken, weiß man natürlich nicht - aber das hat mich noch nie interessiert.

Ervin: Als wir vor Kurzem in Budapest waren, habe ich extra darauf geachtet, wie die Leute reagieren - dort ist die Geschichte nicht so bekannt. Und da hat niemand so geguckt.

Berliner Morgenpost: Ervin war noch 13 Jahre alt, als Sie miteinander schliefen. Sie wurden deshalb zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Juras: Wir wussten, dass 14 Jahre die Mindestgrenze ist, aber uns war nicht bewusst, dass die drei oder vier Monate so eine große Rolle spielen würden, die noch bis zu seinem Geburtstag fehlten - dass es also um das vollendete 14. Lebensjahr geht. Aber wir haben da Fehler gemacht, von daher ist das Urteil in Ordnung.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben, "wenn meine Tochter Emily in einen 41-jährigen Mann verliebt wäre, hätte ich ihn zum Teufel geschickt". Hat sich das für Sie geändert?

Juras: Nein, der Meinung bin ich immer noch - weil ich glaube, dass zwischen Jungs und Mädchen ein großer Unterschied besteht. Das hat mir auch Ervins Mutter gesagt, und viele andere Freunde, die selbst Söhne und Töchter haben. Ich arbeite jetzt schon sehr lange in meinem Job mit Jungs und Mädchen zusammen, und Mädchen sind bei so etwas einfach extrem naiv - egal, wie intelligent sie sind.

Berliner Morgenpost: In Deutschland ist ein Politiker zurückgetreten, weil er eine Beziehung mit einer 16-Jährigen hatte. Haben Sie den Fall Boetticher mitverfolgt?

Juras: Ich habe ihn gesehen, wenn er geredet hat, und er wirkte auf mich wie ein sehr netter und ehrlicher Mensch - jemand, der einfach verliebt war und den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen.

Ervin: Was ich nicht verstehen kann: Wenn der Altersunterschied zu groß ist und die jüngere Person zu jung, und es geht um Liebe, dann kann das keiner verstehen und es ist für jeden eine Sensation. Aber wenn es nur um Sex geht, oder eine jüngere Frau mit einem älteren Mann seines Geldes wegen schläft, regt sich niemand darüber auf.

Juras: Genau - willkommen in unserer falschen Gesellschaft mit doppelter Moral.

Berliner Morgenpost: Ihre Liebe wurde wegen des Altersunterschiedes skandalisiert. Was, glauben Sie, müsste sich ändern, damit die Gesellschaft so etwas als völlig normal akzeptiert?

Juras: Das hat viel mit dieser Doppelmoral zu tun. Aber viele Leute sind auch einfach unglücklich, vor allem in der Liebe. Ich denke mir, Beziehungen wie unsere dienen diesen Leuten als Ventil, um sich den Frust aus der Seele zu waschen. Andererseits kann ich aber auch verstehen, dass manche Leute skeptisch sind. Man reagiert auch so aus Vorsicht, aus Angst um die eigenen Kinder.

Berliner Morgenpost: Ervin, dein Stiefvater hat dem Jugendamt eure Beziehung gemeldet; ihr musstet deshalb vor Gericht aussagen. Hast du ihn je gefragt, warum er das getan hat?

Ervin: Nein, habe ich nicht. Nach dem Jugendamt war ich beim Gericht und habe dafür gesorgt, dass ihm das Sorgerecht für mich entzogen wird. Mit 18 werde ich dann dafür sorgen, dass die Adoption aufgelöst wird, und auch den Mädchennamen meiner Mutter wieder annehmen. Dann habe ich mit dieser Person endgültig abgeschlossen. Das, was er gemacht hat, kann ich ihm einfach nicht verzeihen.

Berliner Morgenpost: Wie sehen Ihre Pläne aus?

Juras: Wir sind seit drei Monaten verlobt. Sicher wollen wir ein Kind, und das werden wir auch haben - das muss jetzt aber nicht unbedingt morgen passieren. Obwohl man ja sagen muss, dass ich nicht mehr die Jüngste bin (lacht) . Aber noch haben wir ein bisschen Zeit.

Renata Juras : "41 und 14", edition a, Wien, 192 Seiten, 19,95 Euro