Studie

Tür auf + Frau zuerst = Gentleman

Es ist davon auszugehen, dass seine Manieren tadellos waren. Schließlich war er Freiherr und kannte sich an deutschen Höfen bestens aus, wenn er selbige auch verachtete. Doch Benimmregeln wie etwa zu welchem Gang welches Besteck benutzt wird, hatte Adolph Freiherr von Knigge nicht im Sinn, als er sein berühmtestes Werk "Vom Umgang mit Menschen" 1788 schrieb.

Ihm ging es vielmehr im Sinne der Aufklärung um zwischenmenschliche Umgangsformen, also um die Lehren von den Pflichten, "die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können".

Schon Sokrates beklage die Manieren

Soweit die Theorie. Daten zum Thema Höflichkeit liefert nun eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag von Jacobs Krönung in einem "Trendcheck Manieren". Tatsächlich haben demnach die meisten Deutschen den Eindruck, dass es nicht sonderlich gut steht um unsere Umgangsformen, 61 Prozent sind der Meinung, dass es weniger Benimmregeln gibt als früher - und die Mehrzahl empfindet dies als Verlust und nicht etwa als Freiheitsgewinn. Zwar wird das auch von jüngeren Generationen so gesehen, am häufigsten allerdings von den Ab-60-Jährigen -was nicht wirklich überrascht. "Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität", verkündete bereits Sokrates - ein Lamento, das offenbar von Generation zu Generation weitergereicht wird.

Doch interessanterweise ist entgegen der verbreiteten Klage über den Verfall der Umgangsformen ihre Akzeptanz in den meisten Fällen nicht gesunken. Zu beobachten ist stattdessen eher ein Wandel in der Wertigkeit derselben. So haben manche konventionellen Höflichkeitsregeln an Bedeutung verloren - etwa, dass ein Mann der Frau an der Tür den Vortritt lässt, dass man bei einer Einladung Blumen mitbringt oder geliehene Bücher sorgfältig behandelt.

Auch Beleidigungen wie etwa einem anderen Autofahrer einen Vogel zeigen, werden als nicht mehr so schlimm angesehen wie noch vor 15 Jahren. Vielleicht auch weil es inzwischen drastischere Handzeichen gibt. An einigen Verhaltensweisen stören sich vor allem ältere Menschen wie etwa Kaugummikauen während einer Unterhaltung (80 Prozent).

Eine ganze Reihe anderer "traditioneller" Benimmregeln hat hingegen heute nahezu die gleiche, in Einzelfällen sogar eine höhere Akzeptanz als noch vor 15 Jahren - und zwar altersübergreifend: So halten es die allermeisten Deutschen für schlechtes Benehmen, wenn sich jemand in einem Geschäft vordrängelt, wenn junge Menschen im Bus nicht für ältere aufstehen und wenn jemand mit vollem Mund spricht. Die Hälfte hält es für unangemessen, wenn Eltern ihre lauten Kinder im Restaurant nicht ermahnen (1997 waren es nur 39 Prozent).

"Nicht mehr zeitgemäß"

Ist also der Verfall der Sitten nur eingebildet? "Die Verhaltensregeln sind auch heute klar", sagt Renate Köcher, Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts. "Was sich aber verändert hat, ist die Toleranz gegenüber Verstößen: Wer sich schlecht benimmt, muss kaum mit Empörung oder gar Sanktionen rechnen." 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung legen auf gutes Benehmen sogar ganz besonderen Wert, weitere 53 Prozent legen darauf Wert, auch wenn sie die Wichtigkeit nicht ganz so betonen.

Wie sich die Bedeutung einzelner Umgangsformen gewandelt hat, lässt sich besonders gut an den sogenannten Gentleman-Qualitäten ablesen. Sowohl bei Männern wie Frauen teilen sich nämlich diejenigen, die das Verhalten eines klassischen Gentleman noch für zeitgemäß halten oder eben nicht, in etwa gleich große Lager. Interessant ist hierbei jedoch, dass 59 Prozent der Unter-30-Jährigen "Gentleman"-Regeln wie einer Frau die Tür aufhalten, ihr in den Mantel helfen oder den Stuhl zurechtrücken für "nicht mehr zeitgemäß" halten.

Aussterben wird der Gentleman dennoch nicht: Die überwiegende Mehrheit der jüngeren Frauen begrüßt es durchaus, wenn ihr ein Mann bei Kälte den Mantel anbietet oder für sie schwere Dinge trägt. Und wer beim Kennenlernen die Initiative ergreifen sollte, ist sogar bei den Unter-30-Jährigen noch immer eindeutig: der Mann. Pragmatismus scheint also starre Regeln abgelöst zu haben. Dass Singles Höflichkeitsregeln im Umgang zwischen Männern und Frauen für relevanter erachten (51 Prozent halten diese für zeitgemäß) als Paare (40 Prozent), bestätigt, was Beziehungsratgeber schon lange wussten: Verheiratete werden eher schludrig, wenn es um den höflichen Umgang miteinander geht - auch wenn das ist nicht unbedingt beziehungsfördernd ist.

Von einem Verfall der Manieren jedenfalls nicht die Rede sein. Im Gegenteil. Die große Mehrheit der Deutschen legt sogar explizit Wert darauf und fühlt sich von Rücksichtslosigkeit, Unzuverlässigkeit und Egoismus gestört. Nur was konkret gutes Benehmen ist, befindet sich zum Teil im Wandel. Und dagegen hätte der Freiherr von Knigge wohl kaum etwas einzuwenden gehabt.