Metalldiebstahl

Einfach abgekupfert

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Mittlerweile machen sie auch vor Windrädern nicht mehr Halt. Oft reißen die Diebe aus Trafohäuschen die Kupferkabel heraus, genauso wie von Bahnanlagen. Oder sie plündern Friedhöfe, decken Kirchendächer ab, sägen Skulpturen einfach so vom Sockel.

Immer bizarrer wird der Kupferklau in Deutschland. Soeben hat die Deutsche Bahn bekannt gegeben, dass es allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres bundesweit fast 2200 Fälle gab, bei denen Kabel von Oberleitungsmasten und Signalanlagen abmontiert wurden. Meist verschwindet die Beute sofort in Richtung Osteuropa. Professionelle Kabelräuber rücken mit dem Gabelstapler an, Gelegenheitstäter dagegen mit dem Akku-Trennschleifer.

In manchen Gegenden gehört der Metallklau mittlerweile zum Alltag. Pro Kilo Kupferreste gibt es beim Schrotthändler bis zu fünf Euro. Auf dem Weltmarkt ist der Preis pro Tonne in den letzten zwei Jahren rasant gestiegen. Derzeit liegt er bei 7000 Euro, das ist dann das begehrteste, sortenreine Millberry-Kupfer. Am ehesten ist das zu finden in Kabelsträngen am Bahndamm oder im Windpark. Das Buntmetall Kupfer zählt zu den besten Stromleitern überhaupt, die Elektroindustrie ist weltweit darauf angewiesen. Daher wird auch Recyclingkupfer gut bezahlt - selbst Plastiken sind interessant, wenn sie eingeschmolzen werden. Büsten von Alfred Döblin und dem Gewerkschafter Hans Böckler verschwanden über Nacht in Berlin, gnadenlos weggeflext. In Bogensee bei Berlin transportierten Diebe eine 500-Kilo-DDR-Plastik ab, in Rostock und Ostwestfalen kamen ebenso Bronzen von öffentlichen Plätzen abhanden. In Hamburg musste eine Eurydike-Plastik dran glauben, sie wurde mit Gewalt ihrem geliebten Orpheus entrissen. Eine Kunstraubserie zieht sich durchs Land, bei der es nicht um die Kunst geht.

Nicht einmal vor Friedhofstoren schrecken die Diebe zurück, beklagt Olaf Ihlefeldt, Verwalter des Südwestkirchhofs Stahnsdorf, gleich an Berlins Stadtgrenze gelegen. In jüngster Zeit kamen von dem Waldfriedhof Grabkreuze, kupferne Zierbleche und Bronzetafeln weg. "Es gibt keine Grenzen und keinen Respekt mehr", sagt Ihlefeldt. Sogar die Kupferabdeckung eines Christusreliefs verschwand, kaum dass das Werk nach seiner Restaurierung wieder stand. Immerhin wurden die Diebe gefasst, alles ist wieder vollständig. Einmal, sagt Ihlefeldt, habe ihm ein Schrotthändler Grabschmuck vorbeigebracht, den er angekauft hatte. Bevor er ihn zersägte, plagten den Mann Gewissensbisse. Doch das war die Ausnahme.

Aufsehen erregten vor Kurzem auch die Diebstähle vom Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Gleichzeitig mussten alle Verantwortlichen resignierend zur Kenntnis nehmen, dass man wohl kaum etwas ausrichten kann. Zu verwunschen und unübersichtlich ist ein Friedhof.

Überall listen die Polizeiberichte jede Woche Fälle auf. Im Rheinland und Ruhrgebiet verschwinden von Baustellen ganze Kabeltrommeln, in Klärwerken fehlen Abdeckungen der Bassins. Manchmal müssen sogar Schrottplätze Verluste melden, wenn ihnen ein Container mit Kupferresten vom Hof geklaut wurde.

Im Nordosten Deutschlands wiederum häufen sich derzeit die Diebstähle an Windkraftanlagen und im gesamten Osten die Plünderungen an Bahnstrecken. An der Regionalbahnlinie von Berlin in den Spreewald wurden während einer Bauphase so viele Kabel geklaut, dass die Bundespolizei schließlich mit Nachtsichtgeräten und Hubschraubern im Einsatz war, um sie zu schützen. "Viele scheinen sich so den Lebensunterhalt zu verdienen", sagt Marcel Wita von der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien, einer Gegend in Ostsachsen. Eine Soko "Metall" spricht seit acht Monaten auch Schrotthändler auf deutscher und polnischer Seite an.

Mehr Erfolg hat da schon eine simple Alarmanlage. Die brachten die Polizei und der Pfarrer im brandenburgischen Guben an der Kirche des Guten Hirten an. Systematisch hatten Diebe zuvor Regenrinnen und Fallrohre abgerissen. Nun wirkt die elektronische Abschreckung. Und außerdem sind alle Rinnen, die ersetzt werden mussten, ohnehin aus Kostengründen nur noch aus Plastik.