Interview mit Pius Heinz

Was tun mit acht Millionen?

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Die vergangenen sieben Tage waren vermutlich die spektakulärsten im Leben von Pius Heinz. Seitdem er am Mittwoch als erster Deutscher beim lukrativsten Poker-Turnier der Welt 8,6 Millionen Dollar gewann und sich seither Weltmeister nennen darf, kommt der Kölner nicht mehr zur Ruhe. Seit Sonntag ist er zurück aus Las Vegas, Donnerstag ist er zu Gast in TV Total.

Berliner Morgenpost: Herr Heinz, wie viel von den knapp neun Millionen Dollar ist nach Ihrer großen Weltmeisterschaftsparty noch übrig?

Pius Heinz: Eigentlich ist das Geld bis jetzt quasi unangetastet geblieben. Ich hatte so viele Termine und Verpflichtungen, dass ich überhaupt keine Zeit hatte, etwas davon auszugeben. Und das Beste ist: Weil ich den Titel gewonnen habe, hat der Ausrichter auch noch die Kosten für meine Hotel-Suite übernommen.

Berliner Morgenpost: Kommen Sie: Acht Millionen Dollar beim Poker in Las Vegas gewonnen und dann keine Party? Das glaubt Ihnen doch niemand.

Pius Heinz: Klar habe ich mit meiner Familie und den Freunden vor Ort ein bisschen gefeiert. Wir haben an dem Abend im Casino angestoßen. Aber ausschweifende Nächte hätte mein Terminkalender gar nicht zugelassen.

Berliner Morgenpost: Wie sieht Ihr neues Leben als Multimillionär aus?

Pius Heinz: Sie werden lachen, aber es hat sich gar nicht so wahnsinnig viel verändert im Vergleich zu meinem vorherigen Leben. Klar, plötzlich wollen alle Leute Interviews mit mir führen. Aber mein persönlicher Lebensstil hat sich nicht geändert. Ich habe gar keinen konkreten Wunsch, den ich mir unbedingt mit dem Geld erfüllen müsste. Ich hatte immer schon ein sehr solides Finanzmanagement; deshalb werde ich das Preisgeld größtenteils konservativ anlegen und einfach ganz normal weiterleben.

Berliner Morgenpost: In Ihrer ersten Reaktion nach dem WM-Sieg sprachen Sie davon, sich nun "eine schöne Uhr zu gönnen". Was ist mir Ihrer alten passiert?

Pius Heinz: Ich bin kein Uhrenmensch und habe noch nie in meinem Leben ein richtig tolles Exemplar besessen. Die neue muss gar nicht schrecklich teuer sein.

Berliner Morgenpost: Wie viele entfernte Bekannte kommen nun auf Sie zu und tun so, als wären Sie ihr bester Freund?

Pius Heinz: Das hält sich bisher in Grenzen. Natürlich haben mir unglaublich viele Leute gratuliert. Es kamen auch Glückwünsche von Personen, die ich schon sehr lange nicht mehr gesehen habe. Aber ich unterstelle keinem von ihnen irgendwelche Hintergedanken.

Berliner Morgenpost: Was ist mit Ihren tatsächlichen Freunden? Es hieß, dass die Ihnen das Startgeld für den Final Table geliehen hätten und nun von Ihnen üppig ausbezahlt worden sind.

Pius Heinz: Nein, das stimmt so nicht. Es war immer ein Traum von mir, bei diesem Event dabei zu sein. Daher habe ich in den vergangenen Jahren darauf hingespart. Trotzdem hat es mir unglaublich viel Kraft gegeben, dass so viele Freunde mit nach Las Vegas gekommen sind. Diesen Moment mit ihnen teilen zu können ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Berliner Morgenpost: Wie geht es nun weiter? Schmeißen Sie Ihr Studium?

Pius Heinz: Nein, auf keinen Fall. Ich werde es ruhen lassen, weil ich in Sachen Poker noch einiges vorhabe und das zeitlich kaum miteinander zu kombinieren sein wird. Aber in fünf Jahren bin ich wieder Student, wenn auch wahrscheinlich in einem anderen Fach.

Berliner Morgenpost: Gefällt Ihnen Wirtschaftspsychologie nicht mehr?

Pius Heinz: Mich interessiert vor allem die psychologische Komponente daran. Deswegen ist es gut möglich, dass ich mich allein auf dieses Gebiet spezialisiere.

Berliner Morgenpost: Welchen Anteil hatten Ihre Psychologie-Kenntnisse an Ihrem Triumph?

Pius Heinz: Keinen besonders großen, glaube ich. Poker ist ein Denkspiel, es geht um Selbstdisziplin sowie das Kontrollieren und Lesen von Emotionen. Allgemeine psychologische Kenntnisse sind dabei nicht konkret anzuwenden. Wer ein Psychologie-Diplom hat, ist nicht automatisch ein guter Pokerspieler.

Berliner Morgenpost: Was gab dann den Ausschlag?

Pius Heinz: Ich habe sehr, sehr gut Poker gespielt. Das ist die Grundlage, wenngleich in allen Bereichen noch Luft nach oben ist. Ich habe mich durch die äußeren Umstände nicht verrückt machen lassen. Es saßen über tausend Zuschauer in dem Theater, die geschrien und gesungen haben. Und dann ging es ja um eine ganze Menge Geld. Dabei fokussiert zu bleiben war meine größte Leistung.

Berliner Morgenpost: Sie haben nie rübergeschaut auf diesen riesigen Berg aus Geldscheinen, der auf dem Tisch lag?

Pius Heinz: Doch, er war ja auch nicht zu übersehen. Aber ich habe mir während des Spiels nie ausgemalt, was ich damit kaufen könnte oder wie ärgerlich es wäre, jetzt zu verlieren. Zum Glück habe ich nachher einen Scheck bekommen und musste die Geldbündel nicht in einer Reisetasche zur Bank tragen. Das wäre vielleicht doch etwas zu gefährlich gewesen.

Berliner Morgenpost: Als Ihre große Stärke gilt, dass Sie die Mimik und Gestik Ihrer Gegner sehr gut interpretieren können. Wie oft wussten Sie, welche Karten Ihr letzter Kontrahent Martin Staszko in der Hand hat?

Pius Heinz: Wir saßen fast sieben Stunden allein am Tisch, da lernt man sich gegenseitig sehr gut kennen. Mehrmals haben wir beide uns regelrecht angestarrt, um im Gesicht des anderen irgendwelche Regungen erkennen zu können. Ich habe dann gemerkt, dass er nur zurückstarrt, wenn er wirklich gute Karten hat. Wenn er den Blick nach einigen Sekunden gesenkt oder weggeschaut hat, war für mich klar, dass seine Hand nicht allzu viel taugt.

Berliner Morgenpost: So war es auch beim letzten Blatt?

Pius Heinz: Ja. Als er alle seine Chips in die Mitte des Tisches geschoben hat, habe ich gemerkt, dass er keine Bombenkarten hat.

Berliner Morgenpost: Sie selbst hatten mit einem Ass und einem König die als Anna Kournikowa verpönte Kombination in der Hand: Sieht zwar gut aus, gewinnt aber nur selten.

Pius Heinz: Moment. Ich wundere mich immer wieder, dass Ass und König als schlechtes Blatt dargestellt werden. Das stimmt nicht. Als ich die beiden Karten bekommen habe, war für mich klar, dass ich mit ihm mitgehen werde.

Berliner Morgenpost: War Ihr Erfolg Glück oder Können?

Pius Heinz: Selbstverständlich Können (lacht). Aber ehrlicherweise muss ich sagen: Mit Pech wäre es schwierig zu schaffen gewesen.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet Ihr Erfolg für Poker in Deutschland?

Pius Heinz: Ich sehe mich als Botschafter des Pokerns. Ich will den Menschen zeigen, dass Poker ein sehr schöner, facettenreicher Sport ist. Poker ist ein Wettkampf auf Denkebene.

Berliner Morgenpost: Streng genommen begann Ihre Karriere mit einem Gesetzesbruch, weil es in Deutschland, abgesehen von Schleswig-Holstein, verboten ist, online um Geld zu zocken. Brauchen wir eine Novellierung des Glücksspielrechts?

Pius Heinz: Ich bin kein Anwalt und kenne mich mit den Feinheiten nicht so gut aus. Aber Poker gehört definitiv nicht in diese Schmuddelecke, in die es immer wieder gestellt wird.