Fernsehen

Netter Sender sucht Moderator zum Kuscheln

In der Programmdirektion des ZDF. Thomas Bellut hat sich die Finger wund telefoniert, obwohl das gar nicht mehr geht mit diesen neuen Apparaten, die sie jetzt auch beim ZDF haben. Warum tut er sich das eigentlich an? Er ist Programmdirektor eines großen Fernsehsenders und muss vor irgendwelchen Clowns auf den Knien herumrutschen. So wie vor Kurzem. Die Worte klingen ihm noch in den Ohren:

Bellut: Herr Kerkeling, ich würde Ihnen gerne die Moderation von "Wetten, dass..?" übertragen.

Kerkeling (mit Horst-Schlämmer-Stimme): Wer ist am Apparat, ich hab Ihren Namen nicht verstanden, außerdem kauf ich nichts am Telefon.

Bellut: Bellut, Thomas Bellut, ich bin Programmdirektor des ZDF und ...

Kerkeling: Ne, ich brauch keine Rheumadecke. Außerdem will ich mich nicht so fest an ein Projekt binden, ich schreib gerade ein Buch und inszeniere ein Musical und ...

Bellut: Aber für "Wetten, dass..?" muss man sich nicht vorbereiten, das sind sieben Sendungen à drei Stunden, macht 21 Stunden Arbeitszeit für zwölf Millionen Euro. Das ist doch wohl ein Superstundenlohn.

Kerkeling: Kostet mich trotzdem zu viel Zeit.

Bellut: Herr Kerkeling, Sie müssen gar nicht die ganzen drei Stunden arbeiten, Gottschalk schreibt auch SMS oder telefoniert mit seiner Frau während der Musikdarbietungen ...

Kerkeling: Warum sollte ich denn mit Gottschalks Frau telefonieren wollen?

Bellut: Nur als Beispiel, Sie können ja auch an Ihrem Buch weiterschreiben ...

Kerkeling: Gottschalks Frau schreibt ein Buch?

Bellut: Nein, beziehungsweise, ich weiß es nicht, also, Herr Kerkeling, was sagen Sie?

Kerkeling: Ich mach's nicht.

Bellut ist schockiert. Was sich dieser Hobbypilger einbildet, unglaublich! Wer war er eigentlich, um sich das bieten zu lassen? Bellut studiert kopfschüttelnd seine Visitenkarte, und da steht es: Programmdirektor des Zweiten Deutschen Fernsehens. Dafür kann er sich allerdings nichts kaufen und schon gar keinen, der ihm den Affen in "Wetten, dass..?" macht. Stirnrunzelnd hört er sich noch mal ein Gespräch an, das er vor drei Stunden geführt hat:

Bellut: Frau Engelke, unser Gespräch wird aus Qualitätssicherungsgründen aufgezeichnet, wenn Sie etwas dagegen haben, geben Sie mir einen Hinweis ...

Engelke: Schon okay.

Bellut: Frau Engelke, ich möchte Ihnen ein Angebot ...

Engelke: Sie wollen wissen, ob ich's mache?

Bellut: Äh, ja ...

Engelke: Ich mach's nicht. (legt auf)

Bellut: Hallo, hallo ...

Es klingelt auf einem anderen Apparat.

Bellut: Bellut, mit wem spreche ich?

Sekretärin: Mit Ihrer Sekretärin ...

Bellut (aufgeregt): Und? Machen Sie's?

Sekretärin: Wie bitte? Unverschämtheit!

Bellut: Äh, vergessen Sie's, was gibt es denn?

Sekretärin: Da ist ein Herr Kerner in der Leitung, der sagt, er macht's.

Bellut: Kerner? Ist das nicht dieser Lanz für Arme?

Sekretärin: Keine Ahnung, er hätte jedenfalls Zeit und muss auch kein Buch schreiben.

Bellut: Schade eigentlich ..., notieren Sie sich seine Nummer und sagen Sie ihm, ich rufe in drei Jahren zurück.

Bellut blickt ratlos aus dem Fenster. Dann blättert er in seinem Telefonverzeichnis und drückt entschlossen auf ein paar Knöpfen herum.

Bellut: Bellut vom ZDF ...

Stimme: Hier ist der automatische Anrufbeantworter von Jörg Pilawa, Herr Pilawa macht's nicht, nach dem Signalton können Sie eine Nachricht hinterlassen. Piep.

Bellut: Herr Pilawa, bitte überlegen Sie sich das noch mal, es handelt sich immerhin um die größte Samstagabendshow im deutschen Fernsehen ...

Stimme: Herr Pilawa macht's trotzdem nicht, piep.

Bellut: Wir würden Ihnen noch mehr als Herrn Kerkeling bezahlen ...

Stimme: Zwanzig Millionen? Piep?

Bellut: D-das ist ein bisschen hoch gegriffen ...

Stimme: Vielen Dank für Ihren Anruf, auf Wiederhören.

Bellut: Herr Pilawa, sind Sie es selber?

Stimme: Nein, ich bin nur der Anrufbeantworter. Piep.

Der Programmdirektor legt verwirrt auf. Dann bestellt er die Sekretärin zu sich.

Bellut: Frau Rehbein, holen Sie bitte die Telefonbücher. Wir rufen jetzt einfach so lange an, bis jemand zusagt. Ich nehme Aachen bis Köln und Sie Leipzig bis Zeuthen, alles klar?

Sekretärin: Alter, Aussehen, Geschlecht ...?

Bellut: Egal, Hauptsache, er oder sie macht's.

Es beginnt eine Anwerbeaktion, die es in Deutschland noch nicht gegeben hat. Man hört immer wieder verzweifeltes Aufstöhnen, eine Cognacflasche wird geöffnet, später noch eine. Hin und wieder dringen Satzfetzen bis auf den Flur, wo sich die Belegschaft des ZDF angstvoll versammelt hat.

Bellut: ... wie bitte, Sie fühlen sich zu jung für eine Show im ZDF, Herr Heesters?

Zwei Minuten später:

Bellut: Herr Kowalski? Bellut hier, vom ZDF ....

Kowalski: Woher hast du meine Nummer?

Bellut: Aus dem Telefonbuch.

Kowalski: Ich guck aber kein Fernsehn.

Bellut: Ich höre doch da ganz deutlich ein Gerät im Hintergrund laufen ...

Kowalski: Für wie blöd haltet ihr mich, das kommt vom Nachbarn, ihr GEZ-Schnüffler könnt mir gar nichts anhängen ...

43 Minuten später ...

Bellut: ... und da wollte ich Sie einfach mal fragen, ob Sie "Wetten, dass..?" moderieren wollen, Herr Mustermann?

Mustermann: Das is doch immer samstagabends, da hab ich keine Zeit, da treffen wir uns zum Doppelkopf im "Goldenen Adler".

Bellut: Vielleicht könnte man ...

Mustermann: Ne, ne, ne, das kann man nicht verlegen, weil der Heinz muss sonntags immer zu seiner Mutter, der Jürgen hat freitags die Kinder, und dem Achim seine Frau gibt ihm das Auto nur Samstagabend. Is Fakt. Tut mir leid, Herr Ballauf.

Thomas Bellut legt erschöpft den Hörer auf, blättert noch einmal sein privates Telefonverzeichnis durch und wählt resigniert die letzte Nummer, die dort steht.

Bellut: Bellut, Zweites Deutsches Fernsehen, verstehen Sie mich? Die Verbindung scheint etwas schlecht ... wunderbar, also, ... Sie kennen sich ja aus mit Fernsehen, ich suche einen Moderator für "Wetten, dass..?", genau, genau, mit der geilen Hunziker, und da wären Sie die perfekte Besetzung ...Sie haben ja jetzt viel Zeit ... Doch, doch, Sie wären die ideale Besetzung. Es geht hauptsächlich darum, an Frauen herumzufingern und komisches Zeug zu erzählen ... Sie machen es? Wunderbar, dann sehen wir uns nächstes Jahr in Mainz. Vielen Dank, Herr Berlusconi.