Student wird Pokerweltmeister

Neun Millionen Dollar für Pius I.

Für einige Sekunden herrschte Stille, die Spannung war kaum zu ertragen. Dann drehte der Kartengeber die "Karo 4" um - und ein Aufschrei der deutschen Fans hallte durch das Hotel "Rio" in Las Vegas. Vom Pokertisch stürmte Pius Heinz glückstrunken durch den Konfettiregen auf seine Anhänger zu und verschwand in einer Jubeltraube aus Menschen in weißen Kapuzenpullis - zum Finale der World Series of Poker (WSOP) hatten sich Heinz' Fans genauso gekleidet wie ihr Idol.

Der 22-Jährige ist Weltmeister - und damit auf einen Schlag um rund 8,7 Millionen US-Dollar (rund 6,3 Millionen Euro) reicher. Fast sieben Stunden hatte Heinz am Ende Mann gegen Mann mit dem Tschechen Martin Staszko gerungen, der sich schließlich mit Platz zwei und 5,4 Millionen Dollar trösten musste. Noch im Taumel schrieb Heinz auf seiner Facebook-Seite: "Ich habe für Deutschland gewonnen." Nach seinen Gefühlen befragt, antwortete er: "Das ist der größte Tag meines Lebens." Heinz ist in über 40 Jahren Turniergeschichte der erste Deutsche, der sich den Titel sicherte. Die "Bild"-Zeitung nennt ihn schon "Poker-Papst". "Das ist ein historischer Sieg", sagt Boris Becker, der seit einigen Jahren auch als Pokerspieler hervortut.

Startgeld von 10 000 Dollar

Der Gewinn des WSOP-Siegerarmbandes bedeutet für Pokerspieler ungefähr das, was für Fußballprofis der Triumph bei der Weltmeisterschaft ist. Knapp 7000 Spieler zahlen mittlerweile Jahr für Jahr das stattliche Startgeld in Höhe von 10 000 Dollar. 90 Prozent von ihnen gehen leer aus, dafür werden die Finalisten Millionäre und stehen im Fokus der Öffentlichkeit. Der Medienrummel um den eher scheuen Heinz war schon in den vergangenen Tagen groß, mittlerweile wird er von den Kameras der größten Fernsehsender verfolgt. Ein Journalist schlug ihm sogar vor, US-Bürger zu werden. Heinz lehnte lächelnd ab.

Kein Wunder. Denn verwegen und spektakulär agiert Heinz nur am Pokertisch. Sonst gilt er als bodenständig. Entsprechend antwortete er auch auf die Frage nach den Plänen für seinen Riesengewinn: "Ich bin recht bescheiden und habe alles. Eventuell aber eine schöne Uhr. Ich habe vor, meine Schwester bei ihrem Studium zu unterstützen und meiner Mutter bei der Finanzierung einer Immobilie zu helfen", sagte er. "Definitiv aber werde ich sehr vorsichtig und konservativ mit dem Geld umgehen."

Begonnen hat Heinz' Spielerkarriere wie bei so vielen anderen auch: mit Fernsehkonsum. Die Übertragungen im DSF (heute Sport 1) lockten ihn zum Pokern. Mit Freunden traf er sich an Wochenenden "in lockerer Runde", um am Küchentisch um ein paar Cent zu spielen. Gerade mal fünf Jahre ist das her.

2008 zahlte Heinz erstmals Geld auf einer Pokerseite ein. Was für viele der erste Schritt zum Ruin ist, wurde für Heinz der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Das Studium der Wirtschaftspsychologie ließ ihm genug Zeit, sein Spiel weiter zu verbessern. Ging es zunächst auch im Internet nur um kleine Beträge, zockte Heinz bald schon regelmäßig um mehrere Hundert Dollar. Mitte 2010 glückte ihm sein erster Coup. Bei einem Onlineturnier des Anbieters Fulltiltpoker gewann er 60 000 Dollar.

Fulltiltpoker wurde ein paar Monate später übrigens vom FBI geschlossen. Die Behörden werfen den Betreibern unter anderem Geldwäsche vor. Seither sind die Spielerkonten gesperrt.

Heinz buchte seine Gewinne rechtzeitig ab, investierte sie in "einen kleinen Traum", und reiste im Sommer nach Las Vegas, um zahlreiche Turniere zu spielen. Dass es dort anfangs schlecht lief, schreckte ihn nicht ab. Denn nach dem Gewinn eines Nebenturniers schritt Heinz ins "Rio". Der Rest ist Geschichte.

Dass sich ein 22-Jähriger den Titel sichert, bestätigt den Trend der vergangenen Jahre. Sowohl der Däne Peter Eastgate (2008) als auch der Amerikaner Joseph Cada (2009) oder der Kanadier Jonathan Duhamel (2010) waren im Moment ihres größten Triumphes gerade mal Anfang 20.

Er versteht sein Handwerk

Eine Siegesserie sollte von Pius Heinz jedoch nicht erwartet werden. Der bislang letzte Spieler, der einen WSOP-Titel verteidigen konnte, war Johnny Chan im Jahr 1988. Allerdings nahmen seinerzeit nicht mal 200 Spieler an dem Turnier teil - die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, war also ungleich höher. Und Heinz gibt auch zu, dass er für seinen Triumph neben Können auch eine ganze Menge Glück benötigte.

Sport 1-Pokerexperte Michael Körner ist von Heinz' Auftritt angetan. Er sagt: "Man kann sagen, dass er das Pokerhandwerk voll und ganz versteht. Das bedeutet nicht, dass er schon zu den besten Spielern der Welt gehört, dafür hat er noch zu wenig große Turniere gewonnen."

Von den anderen jungen Titelträgern war später nicht mehr viel Positives zu hören. Manche, wie etwa Peter Eastgate, sollen im Internet Millionen verloren haben. Es besteht die Gefahr des Abhebens. Das ist wohl die größte Herausforderung, die Pius Heinz in den kommenden Monaten meistern muss.