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MTV fast nur noch Gaga

Lady Gaga hat die Musikindustrie gut im Griff. Am Sonntag hat sie vier Preise bekommen, alle beim gleichen Wettbewerb: dem MTV Europe Music Award. Dieser Preis wurde in diesem Jahr in 16 Kategorien vergeben, darüber hinaus gibt es 25 Unterpreise für die Landessieger.

Aber dass diesmal zum Beispiel die beste Sängerin der Ukraine Sirena und der beste Sänger Finnlands Lauri Ylönen und die beste Sängerin Deutschlands Lena heißen, drängt im Angesicht der internationalen Konkurrenz nicht weiter in die Schlagzeilen.

Verkleidet als Italo-Macho

Von den 16 wichtigen, den internationalen Preisen sind also vier an die erst 25 Jahre alte Stefani Joanne Angelina Germanotta gegangen, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Lady Gaga. Die Dominanz von Lady Gaga bei Preisverleihungen wirkt mittlerweile fast unheimlich: Drei Preise räumte sie 2010 ab, diesmal eben vier. Bei den amerikanischen MTV Video Music Awards vor einem Jahr nahm sie acht Trophäen mit nach Hause und beherrschte mit ihrem Kleid aus frischem Rindfleisch tagelang die Schlagzeilen. Im August 2011 brachte sie als Italo-Macho verkleidet die Massen zum Toben.

Wie es so Lady Gagas Art ist, ließ sie auch diesmal alle anderen Preisträger ein bisschen traurig aussehen. Justin Bieber, der als bester Sänger von der Bühne schritt, hat es gar nicht erst versucht, auch originell sein zu wollen. Das war eine gute Entscheidung, zu der sich diesmal auch Katy Perry durchgerungen hat, die den Preis für den besten Live-Auftritt erhielt. Noch beim letzten MTV Award hatte sie das Auffällige versucht. Da hatte sie mit einem gelben Würfel auf dem Kopf den Preis entgegengenommen.

Das Auffällige ist aber für jemand anderen reserviert: eben für Lady Gaga. Sie zog sich insgesamt vier Mal um. Mal betrat sie die Bühne als roter Lampenschirm, mal verborgen hinter einem Satellitenschüsselhut, den sie selbst mit den Worten "Ihr könnt es nicht sehen, aber ich lächle gerade" kommentierte. Sie gewann in den Kategorien "Beste Sängerin"; ihr aktuelles Lied "Born This Way" wurde als "Bestes Lied" und das Musikvideo zu diesem Lied als "Bestes Video" 2011 ausgezeichnet. Und außerdem erhielt sie den Preis in der Kategorie "größte Fangemeinde". Dieser letzte Preis ist am leichtesten zu erklären. Lady Gaga hat auf Facebook 45 Millionen Freunde und auf Twitter 16 Millionen Follower. Wer nicht versteht, was das bedeutet, sollte spätestens an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Die Musik von Lady Gaga zu beurteilen, ist nicht besonders schwer, auch (oder gerade) wenn man nicht Musikwissenschaft studiert hat. Es handelt sich um wirklich eingängige Lieder, zu denen man vor allem zwei Dinge kann: tanzen und mitsingen. Es ist Gute-Laune-Musik sehr ordentlicher Qualität, daran gibt es nichts zu deuteln. Schon Mädchen ab einem Alter von sechs Jahren wissen, wie man sich zu den Rhythmen von "Poker Face" zu bewegen hat, mit dem Lady Gaga die Hitparaden von 2009 dominierte. Kleine Kinder lernen mit Lady Gagas Liedern zudem schnell das Mitsingen. Heraus kommt dabei, soweit es sich nicht um englischsprachige Kinder handelt, ein hochindividuelles, aber immer interessantes Sprachkonglomerat. Bei deutschsprachigen Kindern verwandelt sich dann "Poker Face" etwa in "Pogesäß" oder "Pogefäß". Dieser frühkindlichen Überwindung von Fremdsprachen-Sprechbarrieren können auch die meisten Eltern sechsjähriger Mädchen eine gute Seite abgewinnen.

Kinder sollten vielleicht warten

Auch das jetzt prämierte Lied "Born This Way", das in diesem Jahr erste Chartplätze abonniert zu haben schien, ist ein hübscher Discosong. Nur mit dem Anschauen des ebenfalls ausgezeichneten Musikvideos, in dem sich die Sängerin, wie es so ihre Art ist, ziemlich drastisch verkleidet, sollten Kinder vielleicht warten, bis sie singende und tanzende Zombies mental verkraften können.

Alles in allem geriet die MTV-Show zielgruppengerecht züchtig. Nur einer fiel aus dem Rahmen: Beim Auftritt von Schauspielerin Hayden Panettiere, Ex-Freundin des Boxweltmeisters Wladimir Klitschko, stürmte ein Flitzer auf die Bühne. Wahrscheinlich war das geplant und wahrscheinlich war Panettiere auch nicht überrascht, aber sie tat so, hielt dann aber dem Nackten bereitwillig das Mikro zum Plausch hin.

"Ich will nicht überheblich klingen, aber ich habe es zu meinem Ziel gemacht, die Popmusik zu revolutionieren", sagte Lady Gaga einmal vor zwei Jahren in einem Interview. Revolution ist ein großes Wort. Aber etwas spannender ist es schon mit ihr.