Marsmission

Freiheit für die sechs Marsonauten

Mit den Fäusten aufeinander losgegangen wie ihre Vorgänger vor zehn Jahren sind sie wohl nicht. Ansonsten aber war es für die sechs Männer, nach allem, was man hört, kein durchgehend angenehmer Aufenthalt in den langen 17 Monaten, die sie in einem versiegelten Container in der Nähe von Moskau verbrachten.

Es galt auszuprobieren, wie das Zusammenleben einer solchen Gruppe funktioniert, wenn der zur Verfügung stehende Raum und die Zeit den Bedingungen einer Marsmission entsprechen.

"Mars 500", so heißt das Projekt der europäischen Raumfahrtagentur Esa und ihres russischen Partners Roskosmos. Freitagmittag wurden die "Marsonauten", wie sich die stationären Weltraumfahrer nennen, aus ihrer selbst gewählten Klausur entlassen; drei Russen, ein Chinese, ein Italiener und ein Franzose - nach 520 Tagen. Anfang Juni 2010 waren sie "an Bord" gegangen.

"Alle 106 wissenschaftlichen Experimente, darunter auch einige aus der traditionellen chinesischen Medizin, wurden erfüllt", freute sich jetzt der Koordinator des Projektes, Alexander Suworow. Die Männer seien gesund geblieben, und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen der Besatzungsmitglieder hätten alle Prüfungen bestanden. Streit sei nicht aufgekommen, auch nicht in extremen Situationen, die man eigens programmiert hatte: ein eintägiger Stromausfall sowie eine einwöchige Störung der Verbindung zur "Erde".

Freitag um 10.58 Uhr, zwei Minuten früher als geplant, gingen die Türen auf, und die sechs Männer wurden von Frauen mit Rosen empfangen. Blass sahen sie aus, ihre Overalls waren deutlich zu weit. Aber die Männer lächelten. Als Erster ergriff der französische Astronaut Romain Charles das Wort. "Wir sind stolz, bewiesen zu haben, dass Menschen zum Mars fliegen können", sagte er. Mit vor Freude geballter Faust ergänzte der Italiener Diego Urbina, er hoffe, es werde der Menschheit eines Tages helfen, "neue Träume zu verwirklichen".

Familienangehörige und Freunde durften nur in einiger Entfernung von einer Tribüne aus applaudieren und jubeln. Unmittelbar danach brachte man die Probanten zur ärztlichen Untersuchung, quasi in Quarantäne, als kämen sie aus einem anderen, unsicheren Sternensystem. Am Dienstag wollen Esa und Roskosmos die ersten Textergebnisse vorstellen.

Überraschungen waren für die Projektleitung bei den ersten Unterhaltungen nach der "Landung" nicht zu erwarten gewesen. Zu eng war die Kommunikation zwischen ihr und den Probanden während des simulierten Fluges. Nicht nur durch unmittelbare Dialoge waren die Außenposten stets auf dem Laufenden. Die Versuchs-Marsonauten standen so gut wie durchgehend unter der Beobachtung der Mediziner und anderer Wissenschaftler. Lediglich die jeweiligen Privaträume - drei Quadratmeter, mit einem 60 Zentimeter breiten Bett - waren für Kameras und Mikrofone tabu, sodass der Container des Moskauer Instituts in mancher Hinsicht dem Container der TV-Show "Big Brother" glich.

Der eine oder andere hätte wohl manchmal gern mit den Abschusskandidaten in der Fernsehshow getauscht. Über "Einsamkeit und große Monotonie" etwa stöhnte Diego Urbina bisweilen. Von Romain Charles war hin und wieder die Klage zu hören, dass er nicht schlafen könne, weil er an medizinische Messgeräte angeschlossen war. Dass gegen Ende ihrer "Reise", als die Erde mit ihren Restaurants wieder näher kam, die Nahrung - und damit wie immer auch die Stimmung - immer eintöniger wurde, dafür waren die sechs allerdings selbst verantwortlich. Die schmackhafteren Gerichte waren schon nach wenigen Monaten aufgebraucht. Und sie konnten während der gesamten 17 Monate nichts zu sich nehmen, was nicht von Anfang an gebunkert war. "Heute keine Frischware" lautete die Dauerparole. Vieles allerdings, was bei einem wirklichen Weltraumflug ansteht, konnte nicht simuliert werden, die Schwerelosigkeit etwa, auch die gesundheitsgefährdende kosmische Strahlung.

Längst ist nicht ausgemacht, dass die Besatzung des ersten wirklichen Marsflugs - voraussichtlich in 20 oder 30 Jahren - nur aus Männern besteht wie der jetzige Probelauf. Doch das Erkenntnisinteresse der russischen Ärzte erstreckte sich auch auf die Frage, ob die durchweg heterosexuellen Männer bei so langer Abwesenheit von Frauen erotische Gefühle füreinander entwickeln würden. "Nicht in den Gedanken und auch nicht in den Handlungen war irgendetwas, was darauf hingedeutet hätte", erklärte der Vizedirektor von "Mars 500". Die Männer hätten vielmehr echte Freundschaft entwickelt.

Das war noch anders beim letzten Testlauf von Juli 1999 bis April 2000, als bei der Silvesterfeier ein Russe eine Kanadierin sexuell belästigte und zwei seiner Landsleute sich blutig prügelten - dem Vernehmen nach ging es dabei um eine Flasche Champagner, die zum Anstoßen gestiftet worden war. Angehörige anderer Nationen, die nach dem Vorfall verlangten, dass die Russen gehen sollten, konnten sich damit nicht durchsetzen - was ja der Vergleichbarkeit mit den Bedingungen eines tatsächlichen interplanetaren Fluges immerhin nicht abträglich war.

Solche Vorkommnisse allerdings dürften jene Kandidaten aufmerksam registrieren, die sich nach einem Aufruf in der Fachzeitschrift "Journal of Cosmology" für einen ausschließlichen Hinflug zum Mars anboten, ohne Rückkehr. 400 sind es bis zum heutigen Tag, die so ein One-Way-Ticket buchen würden. Einer der Initiatoren des Aufrufes, der Astrobiologe Paul Davies aus Arizona, weist darauf hin, dass die am Marsflug beteiligten Nationen durch so ein Einweg-Unternehmen viel Geld sparen könnten, koste doch ein Hin- und Rückflug an die 500 Milliarden Dollar. Darin enthalten sind auch die 70 000 Euro, die jeder "Marsonaut" mit nach Hause nehmen darf.