"Travel John"

Züge ohne Toiletten - aber mit Beutel

Man muss sich den modernen Bahnbetrieb als ein ungeheuer komplexes, aber beinahe perfekt funktionierendes System vorstellen. Ein System, das den physikalischen Gesetzen zu trotzen scheint, das trotz eines engen Fahrplans beinahe immer pünktlich ist, das trotz einer hohen Auslastung jeden Reisenden mitnimmt, ein System, auf das man mit großem Recht stolz ist.

Die Rede ist natürlich von den Niederlanden und ihrer nationalen Eisenbahngesellschaft, den Nederlandse Spoorwegen (NS).

Das Unternehmen mit dem wohlausgebauten Netz war Vorbild für viele andere Bahngesellschaften der Welt. Dabei ist es so selbstsicher, dass es im Fern- und Nahverkehr ab 30 Minuten Verspätung die Hälfte des Reisepreises erstattet, ab 60 Minuten fährt der Fahrgast gar umsonst. Und dabei spielt es keine Rolle, ob die Störung selbst verursacht wurde. Ein Service, der die Deutsche Bahn sicher in den Ruin treiben würde.

So war es immer eine Freude, in den Niederlanden Bahn zu fahren. Alle großen Städte sind mit stündlich oder halbstündlich fahrenden Intercity-Strecken verbunden, Hochgeschwindigkeitszüge verbinden die Ballungsräume, und sogenannte "Sprinter" halten auch an kleinen Bahnhöfen. Auf diesen Strecken jedoch gibt es nun ein Problem, das niederländische Zeitungen inzwischen schon fragen lässt, ob man sich damit denn nicht dem Hohn und Spott der europäischen Nachbarn aussetzt. Man kann nämlich nicht mehr in Holland, wenn man muss.

131 neue Züge sind betroffen

Es geht um 131 hochmoderne Züge, die ohne Toiletten ausgerüstet wurden, um Kosten zu sparen. Zugreisende müssen auf kurzen Strecken nicht, dachte man und irrte sich offenbar, zumal die Züge immer wieder einmal auch auf langen Strecken eingesetzt werden. Nun regt sich Protest bei den Reisenden, Bahnangestellten und im niederländischen Parlament. "Es ist doch verrückt, dass wir bald in allen Zügen einen Internetzugang, aber keine Möglichkeit zum Pinkeln haben", sagte etwa die Abgeordnete der Grünen, Ineke van Gent, im Parlament und begründete so einen Beschlussantrag, der die NS zum Handeln zwingen sollte, hatte doch zuvor schon das Zugpersonal aufbegehrt, ein Lokführer gar hatte einen Zug einfach am Bahnsteig stehen lassen, um in Ruhe sein Geschäft zu verrichten. Die Lösung der NS allerdings sorgte erst recht für Aufruhr. Sie heißt "Travel John" und ist schlicht ein Beutel, "der in extremen Notsituation genutzt werden soll, beispielsweise, wenn ein Zug auf der Strecke liegenbleibt", wie die niederländische Bahn erklärte. Sollte einen Reisenden wirklich ein dringendes Bedürfnis überkommen, soll er sich nach den Plänen der Bahn künftig einen der Beutel nehmen und in die unbenutzte Fahrerkabine am Ende des Zugs zurückziehen können. In den Beuteln befindet sich ein weißes Pulver, das zu Gel wird, wenn es mit Flüssigkeit in Berührung kommt. Nach dem Geschäft sollen die Passagiere die Beutel im Zug lassen oder nach dem Aussteigen wegwerfen. Die Beutel sind beim Schaffner in den Zügen vorrätig, der einen auch begleitet, wenn es denn unbedingt sein muss, und die Tür zur Fahrerkabine öffnet.

Lieke van der Boom ist auf dem Weg von Venlo nach Nijmwegen. Der Zug ist pünktlich, sauber und schnell, sie hat einen Sitzplatz, und die Klimaanlage funktioniert fehlerfrei lautlos. Sauer ist van der Boom aber trotzdem. Sie kann sich nicht vorstellen, in einen Beutel zu pinkeln. "Die meisten werden es sich so wohl verkneifen", sagt sie, und genau das sei ja auch die Absicht der Bahn gewesen, fügt sie hinzu. Vernünftiger fände sie es, die Züge nachzurüsten. Das aber würde mehr als 100 Millionen Euro kosten. Zusätzlich kämen auf die niederländische Bahn auch wieder die Kosten für Instandhaltung und Reinigung der Toiletten zu. Die spart man ja nun.

Helfen könnten die Beutel ja vielleicht auch in deutschen Zügen, die nicht immer mit einer Toilette ausgestattet sind. Etwa im S-Bahn-Verkehr.

So wurde in der vergangenen Woche erst der Fall eines Schaffners aus Nordrhein-Westfalen verhandelt. Er hatte einen Mann, der dringend musste, in die erste Klasse geschickt. Dieser war jedoch an einem Abfallbehälter von einem anderen Bahnmitarbeiter erwischt und zur Rede gestellt worden. Der Fahrgast erwiderte, er habe nur den Rat des Bahnmitarbeiters befolgt. Daraufhin war dem 53-jährigen Bahnbeamten von seiner Arbeitgeberin ein Bußgeld von 100 Euro aufgebrummt worden. Doch der Beamte wehrte sich und zog gegen das Bußgeld vor Gericht. Er bekam recht.