Bangkok

Warten auf die nächste Welle

Erschöpft ruhen sich die Soldaten am Straßenrand von ihrem Hochwassereinsatz in Bangkoks Chinatown aus. Sitzen auf Sandsackbarrieren, auf dem Bordstein, einer hat sich einfach auf die Straße ins Wasser gesetzt. Durchnässt bis auf die Knochen waren sie sowieso schon.

Den ganzen Samstagvormittag haben sie gegen die Fluten des Chao-Phraya-Flusses gekämpft, der ganze Straßenzüge von Chinatown bis zu einen halben Meter unter Wasser gesetzt hat. Jetzt warten sie auf die nächste Welle. "Die kommt so gegen 19 Uhr", prophezeit einer der Soldaten, der sich stolz als ein Mitglied der königlichen Leibgarde vorstellt. "Und morgen und übermorgen wird auch wieder Wasser kommen."

Das Wasser nimmt an diesem Wochenende Bangkok gleich aus zwei Richtungen in die Zange. Aus den Hochwassergebieten in den Provinzen im Norden Bangkoks rollt eine gigantische Wassermenge den Fluss hinunter in Richtung Golf von Thailand. Das nahe Meer seinerseits hat seinen höchsten Gezeitenstand erreicht, und bei Flut drückt das Meerwasser mächtig in den Fluss. Folge: Der Chao Phraya schwappt über, die schmutzige braune Brühe überflutet die Gassen, Straßen, Tempel in Chinatown.

Chinatown gleicht einer Geisterstadt. Das Viertel, sonst eines der geschäftigsten von Bangkok, ist wie ausgestorben. Wer es sich leisten kann, ist nach Pattaya, nach Hua Hin, zu Verwandten im trockenen Süden der thailändischen Hauptstadt geflüchtet. Leer ist die große Yaowarat-Straße, durch die sich gewöhnlich Autos Stoßstange an Stoßstange schieben. Die meisten Geschäfte haben ihre eisernen Rollos runtergezogen. Wirkliches Alarmzeichen aber sind die vielen geschlossenen Restaurants. Wenn Thailänder selbst nicht mehr ans Essen denken, ist Endzeitstimmung angesagt.

Knietief steht das Wasser vor dem Haus von Kanya, nur 20 Meter vom Chao Phraya entfernt. "Wir wohnen im ersten Stock, da sind wir sicher", sagt die Geschäftsfrau. "Im Parterre habe ich mein Büro und das Warenlager. Ich hoffe, die Sandsäcke halten dem Wasser stand." Die Kinder habe sie zu den Großeltern aufs Land nach Kanchanaburi geschickt, erzählt sie weiter. Kanya richtet sich schon auf ein längeres Leben mit dem Wasser ein. "Es wird sicher vier bis sechs Wochen dauern, bis alles wieder normal ist."

In Thonburi auf der anderen Seite des Chao Phraya spielt sich ein Drama epischen Ausmaßes ab. Die Provinz steht seit Samstag zu fast 100 Prozent unter einer bis zu ein Meter hohen Wasserdecke. "Thonburi ist verdammt", titelte die "Bangkok Post".

Im Stadtteil Don Muang haben aufgebrachte Bürger laut Meldungen des thailändischen Fernsehens einen Damm am Klong (Kanal) Prapa zerstört in der Hoffnung, so die weitere Überflutung ihres Viertels verhindern zu können. Durch die Wutaktion sind Schmutz und Unrat in den für Bangkoks Trinkwasserversorgung essenziellen Klong Prapat gelangt.

"Haltet noch drei Tage durch." Diesen eindringlichen Appell richtete Premierministerin Yinluck Shinawatra in ihrer samstäglichen Radioansprache an die Einwohner von Bangkok. Noch drei Tage, dann sei das Schlimmste vorbei, beteuerte die Regierungschefin. Dann sei der Gezeitenhöchststand im Golf vom Siam vorbei. Zudem fließe aus den Hochwassergebieten im Norden mehr Wasser über Flüsse und Kanäle am Rand von Bangkok ab als erwartet.

Unterdessen verschärft sich die Versorgungslage mit Grundnahrungsmitteln und Trinkwasser in Flaschen in Bangkok. Nach Nudeln, Wasser und Gemüse werden jetzt auch Eier knapp. Gute Geschäfte hingegen machen die Verkäufer von Gummistiefeln und Plastiktonnen für Wasservorräte. Aber auch im nahen Pattaya, in das sich Tausende Menschen aus Bangkok übers Wochenende geflüchtet haben, leeren sich zum Unmut der Einheimischen die Regale. "Die aus Bangkok kaufen alles auf. Ich wollte Milch für meine Kinder kaufen, aber die Regale sind leer", berichtet Amorn telefonisch aus Pattaya.

Im Hochwasserchaos droht einmal mehr dem Thailandtourismus großes Ungemach. Über 30 Länder haben bereits Warnungen vor Reisen nach Thailand und besonders Bangkok ausgesprochen. Eine Flut von Stornierungen ist über die Hotels in Bangkok eingebrochen. Vincent Hsu, Manager eines Boutiquehotels, ist aber noch optimistisch, dass die kurz bevorstehende Hauptsaison nicht der Kollateralschaden des Jahrhunderthochwassers sein wird.

Während alle Welt auf Bangkok starrt, müssen in den über 20 überschwemmten Provinzen außerhalb der Metropole Millionen Menschen in ihren überfluteten Häusern, Städten und Dörfern ausharren. In den 1700 Evakuierungslagern der Behörden, die auf 800 000 Menschen eingerichtet sind, haben bereits mehr als 100 000 Thailänder Zuflucht gefunden. Aber selbst in den Lagern gibt es keine Sicherheit vor dem Wasser. Die 4000 Hochwasserflüchtlinge im Evakuierungszentrum der Thammasat-Universität in Rangsit mussten ein zweites Mal die Flucht ergreifen, als der Campus Anfang dieser Woche überflutet wurde. Wann sich Thailand an den Wiederaufbau der Flutgebiete machen kann, steht noch in den Sternen. Das Hochwasser wird noch Wochen das Leben des Landes bestimmen. Chaiyuth Sukhsi, Professor für Wasserwirtschaft an Bangkoks Chulalongkorn-Universität, prophezeit: "Es wird wohl mindestens Neujahr, bis alles Wasser abgelaufen sein wird."