Bangkok

Wann kommt die Flut?

Gummistiefel sind der neue Renner in Bangkok. Die junge Thailänderin, die am Siam Square in die Hochbahn steigt, trägt welche in knalligem Rot. Ansonsten scheint sie die erwartete Hochwasserkatastrophe nicht weiter zu bekümmern.

Die Dame war zum Shoppen im Edelkonsumtempel Siam Paragon und hat die Kreditkarte bei Dior gezückt, wie die große weiße Tüte mit dem Logo des französischen Luxuslabels in ihrer Hand beweist. Die junge Amerikanerin in Schlabberhemd und Hotpants hat sich für knallblaue Gummistiefel-Exemplare entschieden. Die glänzen so neu, dass man sich darin spiegeln kann.

Das Hochwasser ist noch immer da, wo es schon seit Tagen steht: im Norden und Osten der Stadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern. Noch ist die Welle trotz mehrfacher Ankündigungen des Krisenzentrums nicht in der Innenstadt angekommen. Die Informationslage ist nach wie vor verwirrend. Alle möglichen Experten, echte und selbst ernannte, aber auch Journalisten der englischsprachigen Tageszeitungen Bangkoks simsen und twittern alles Mögliche in die Welt. "Das ,Oriental Hotel' ist überschwemmt" hieß es zum Beispiel in einem Tweet am Freitagnachmittag. Das ist nicht weit weg. Also nichts wie hin. Aber weit und breit ist nichts von Hochwasser zu sehen. Ja, der Fluss Chao Phraya schwillt immer stärker an, ist aber noch unter der kritischen Marke von 2,50 Metern. Die Behörden bemühten sich, die schlammigen Wassermassen durch Kanäle und Flüsse abzuleiten.

Aber niemand weiß etwas Genaues. Die Flutwelle wird kommen, so viel ist sicher. Aber wann? Freitagnacht? Am Sonnabend? Am Sonntag? Für 13 Distrikte Bangkoks am Ufer des Chao Phraya wurde Hochwasseralarm ausgelöst. Ansonsten war Bangkok an diesem Freitag wie leergefegt, wie es zuletzt kurz vor und kurz nach der gewaltsamen Niederschlagung des Rothemdenprotestes im Mai 2010 war. Nur zu gern sind die Bangkoker dem Aufruf der Regierung gefolgt, zu ihrer Sicherheit die Stadt zu verlassen. Die Regierung hat ihren Beamten einen fünftägigen Hochwassersonderurlaub verordnet, und viele Geschäfte und Unternehmen sind dem Beispiel gefolgt.

Wer nicht zur feinen Gesellschaftsschicht mit Wochenendhaus in der königlichen Residenzstadt Hua Hin im Süden Bangkoks gehört, hat sich ins nur knapp zwei Autostunden entfernte Pattaya aufgemacht. Die Hotels des lauten Urlaubsortes mit Strand am Golf von Siam freuen sich über die unverhoffte Buchungsflut. Ruft man Pattaya in den großen Hotelbuchungsportalen im Internet auf, liest man nur noch: sold, sold, sold. Pattaya ist an diesem Wochenende ausverkauft. Aber auch andere Ferienorte buhlen um die Kundschaft aus Bangkok. Phuket wirbt für sich als "sicherer Hafen vor Überschwemmungen" und Krabi lockt "Hochwasserflüchtlinge" mit Sonderangeboten. Wer es sich nicht leisten kann, gemütlich am Strand zu warten bis das Schlimmste in Bangkok vorüber ist, der muss mit den Evakuierungszentren vorlieb nehmen, die von Behörden, Unternehmen, Hilfsorganisationen, Kirchen und buddhistischen Mönchen in Bangkok vorbereitet werden.

Unterdessen werden immer neue Vorschläge laut, wie man das Hochwasser möglichst schnell ins Meer entsorgen kann, ohne dabei Bangkok allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Idee des Tages war am Freitag, einige Straßen im Osten von Bangkok zu Kanälen aufzubaggern. Ein Vorschlag, der an die groteske Geschichte "Der Blaumilchkanal" von Ephraim Kishon erinnert.

Touristen lassen sich ihr Vergnügen nicht durch die drohende Überschwemmungskatastrophe verwässern. Schon am frühen Freitagabend ist das Gedränge in der Silom-Straße groß. Gleich um die Ecke in den Go-Go-Bars des Rotlichtviertels Patpong machen sich die Mädels für die Nachtschicht fein. Vor einem Lokal klatscht sich eine zierliche Domina kess die Gerte an den Oberschenkel und ruft fröhlich: "Hello, come in, SM-Show." Sie hat die Lederstiefel noch nicht gegen Gummi ausgetauscht.