Naturkatastrophe

Die Zeit der Wunder geht zu Ende

Als die Seismografen weltweit ausschlugen und ein schweres Erdbeben in der Türkei anzeigten, packten deutsche Helfer in Rekordzeit ihre Koffer. Die Hilfsorganisation Humedica gilt als eine der schnellsten der Welt, wenn es um Noteinsätze in Katastrophengebieten geht.

Sie nutzt Ergebnisse eines Computerprogramms, das Auswirkungen eines Erdbebens prognostiziert, sagt Humedica-Sprecher Steffen Richter. In diesem Fall war sehr schnell klar: Die Folgen des Bebens sind groß.

Ein vierköpfiges Voraus-Team machte sich also auf den Weg, zwei Koordinatoren, ein Arzt und ein Rettungssanitäter. "Wir wurden sehr zuvorkommend willkommen geheißen, aber nicht deswegen, weil wir besonders nötig wären, sondern um zu zeigen, dass man unsere Hilfsbereitschaft schätzt", sagt Humedica-Koordinatorin Ruth Bücker am Telefon. Sie gehört zum Team, das in der schwer getroffenen Stadt Ercis im Einsatz ist.

Gleich nach ihrer Ankunft am Montagabend wurden die Humedica-Ärzte mit einem türkischen Rettungsteam zu einer Gruppe eingestürzter Häuser geschickt, "drei oder vier Häuser, die komplett eingestürzt waren und wo man noch Überlebende vermutete", erzählt Ruth Bücker. "Leider erwies sich die Hoffnung als trügerisch - nur Leichen konnten dort geborgen werden." Am nächsten Morgen kam erneut kurz Hoffnung auf, Rettungshunde hatten vor einem eingestürzten Gebäude angeschlagen. Aber nur die Leiche eines jungen Mannes kam zum Vorschein. Mindestens 459 Todesopfer, mehr als 1300 Verletzte, 2300 eingestürzte Häuser, das war am Dienstag die offizielle Bilanz. Nach Angaben von Ruth Bücker gibt es keine Schätzungen über die Anzahl derer, die noch verschüttet sind. Am Dienstag wurde gegen Mittag unter dem Beifall der Umstehenden die erst 15 Tage alte Azra Karaduman aus den Trümmern eines Hauses in Erics gezogen - 47 Stunden nach dem Beben. Wenige Stunden später gelang es ihnen dann auch noch, die Mutter und Großmutter des Babys zu retten. Ob der Vater, der sich ebenfalls im Haus befand, die Naturkatastrophe überlebe, war zunächst nicht bekannt.

Sieben weitere Verschüttete konnten zuvor ebenfalls lebend geborgen werden. Doch schwindet die Aussicht auf weitere Wunder: Wegen der zunehmenden Kälte sinken die Überlebenschancen für Verschüttete - im Verlauf der Woche soll es in der Gegend sogar schneien.

Auch Ruth Bücker von Humedica erzählt, dass viele Verschüttete derart stark geschwächt seien nach bereits zwei Nächten ohne Essen und Wasser in Eiseskälte, dass sie vermutlich eine dritte kaum mehr aushalten werden. Auch der 13-jährige Yunus, der am Montag für Aufsehen gesorgt hatte, weil er stundenlang unter der Hand eines Toten ausgeharrt hatte, bis Retter ihn aus Trümmern bargen, erlag am Dienstag seinen schweren inneren Verletzungen.