Rätselhafter Todesfall

Der alltägliche Sadismus im Waisenheim

Das Schloss Wilhelminenberg sieht so prunkvoll aus, wie sein Name klingt. Im Stil des Neo-Empire gebaut, liegt es inmitten eines riesigen Parks am Rand von Wien. Seit mehr als zwanzig Jahren hat hier ein Hotel seinen Sitz, dessen Betreiber mit vier Sternen und monarchischem Flair um Touristen, Geschäftsreisende und Hochzeitsgesellschaften werben.

Wenig erinnert an die Kinder, die hier bis 1977 gelebt haben, als das Schloss noch als Heim für "Sonderschüler" diente, und gar nichts an das, was sie möglicherweise erlitten haben.

Es ist eine Geschichte von schwer vorstellbarer Grausamkeit, mit der zwei ehemalige Zöglinge des städtischen Kinderheims Schloss Wilhelminenberg am Wochenende an die Öffentlichkeit gegangen sind. Sie und mindestens 18 andere Mädchen seien jahrelang Opfer von Massenvergewaltigungen geworden, sagten die heute 49 Jahre alte Eva L. und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Julia K. der Tageszeitung "Kurier" und dem österreichischen Rundfunk (ORF).

"Die Männer sind zu uns reingekommen. Wir wurden vergewaltigt. Alle." Die Täter seien sowohl Erzieher als auch Fremde gewesen, sagen die Frauen, die 1971 im Alter von sechs und acht Jahren in das Heim im Schloss kamen. Die Schwestern verdächtigen die Erzieherinnen, die Verbrechen nicht nur geduldet, sondern die Männer gegen Bezahlung in die Schlafsäle gelotst zu haben: "Wir mussten Strumpfbandgürtel anziehen und durften uns nicht die Haare schneiden." Sie seien nicht im Heim, sondern in der Hölle gewesen. Während Politiker wieder härtere Strafen oder die Ausdehnung der Verjährungsfristen fordern, hat eine weitere Frau neue Vorwürfe gegen das Kinderheim erhoben. Elfriede S., die von 1948 bis 1953 am Wilhelminenberg untergebracht war, sagte dem "Kurier", dass mindestens ein Kind durch die brutalen Misshandlungen gestorben sei. Sie habe selbst beobachtet, wie eine Lehrerin auf ein Mädchen eingetreten habe, bis dieses regungslos am Boden gelegen, die Rettung gekommen sei und das Kind mit einem Tuch bedeckt hätte.

Das Büro des zuständigen Stadtrats teilte mit, im Vorjahr habe sich eine Frau wegen des Todes eines Kindes am Wilhelminenberg in den 50er-Jahren an die Stadt gewandt. Die Stadt habe den Fall an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, das Verfahren sei eingestellt worden. Die heute 69-jährige S. berichtet ebenfalls von Serienvergewaltigungen.

Weil sie mehrmals versucht habe, über die Übergriffe zu sprechen, ihr aber weder Behörden noch Medien geglaubt hätten, habe sie auf 42 Seiten dokumentiert, was ihr im Schloss Wilheminenberg angetan worden sei: grundlose Prügel, Beschimpfungen und "jene Nächte, in denen dunkle Gestalten hereinschlichen und sich über die Betten der Mädchen warfen". Der "Kurier" betont, Elfriede S. habe ihre Geschichte erzählt, bevor jene von Eva L. und Julia K. öffentlich wurde. Der Anwalt der beiden Schwestern führt als Beleg für die Glaubwürdigkeit der Frauen an, dass zwei von ihnen bereits eine Entschädigung in Höhe von 35 000 Euro erhalten hätten. Dieser Betrag liege deutlich über dem ursprünglich mit 25 000 Euro bezifferten Höchstsatz für Opfer von Missbrauch in staatlichen Heimen, laut Öhlböck ein Indiz für das außergewöhnliche Ausmaß des erlittenen Unrechts.

Der Anwalt hat die Stadt Wien bereits im Juli mit den Vorwürfen konfrontiert. Seine Mandantinnen wurden an die Opferschutzorganisation Weißer Ring überwiesen, die seit 2010 im Auftrag der Stadt die Hilfeleistungen für Opfer von Gewalt in städtischen Einrichtungen koordiniert und einen mit 5,8 Millionen Euro dotierten Hilfsfonds verwaltet. Seitdem haben sich mehr als 400 Personen beim Weißen Ring gemeldet.

Von den 26 ehemaligen Wilhelminenberg-Zöglingen gaben neun an, physisch, psychisch und sexuell missbraucht worden zu sein. Seit dem Wochenende haben 80 weitere mutmaßliche Missbrauchsopfer vorgesprochen, auch frühere Bewohner des Heims im Schloss sind darunter. Von Massenvergewaltigungen haben bisher aber nur die drei bereits erwähnten Frauen berichtet. "Das sind offenbar Extremfälle", sagt Erika Bettstein, die Sprecherin des Weißen Rings.

Vertreter des Jugendamts haben eingeräumt, dass staatliche Heime in den 70er-Jahren zum Teil "sadistische Erziehungsmethoden" angewandt hätten, ob es aber auch zur organisierten Vermietung von Kindern für sexuelle Dienste gekommen sei, soll eine spezielle Kommission klären. Eine Kommission zur Aufarbeitung von Gewalt in städtischen Heimen gibt es bereits. Sie besteht aus Historikern, und ihr Vorsitzender hält die Vorwürfe von Eva L. und Julia K. für plausibel. Er kenne einen ähnlich gelagerten Fall aus dem Heim am Wilhelminenberg, sagte Reinhard Sieder im ORF. Ob es sich dabei um Elfriede S. handelt, blieb unklar. Trotz aller Maßnahmen müssen die Beschuldigten sich aber keine allzu großen Sorgen vor strafrechtlicher Verfolgung machen. Laut Jugendamt wurden die betroffenen Betreuerinnen befragt, die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen vier Erzieher von damals. Die Taten in dem 1977 geschlossenen Heim dürften allerdings längst verjährt sein.

Einige Erzieherinnen vom Wilhelminenberg haben es sich aber nicht nehmen lassen, die Vorwürfe im "Kurier" und im ORF von sich zu weisen. Streng sei sie schon gewesen, sagte eine, und, ja, Gewalt habe es gegeben, eine andere - aber Missbrauch? Niemals.