Kleines Mädchen wird zwei Mal überfahren

Achtzehn Menschen schauten weg

Minutenlang schlenderten Passanten an dem kleinen Mädchen vorbei, das überfahren in seinem Blut lag. Chinesische Überwachungskameras fingen die furchtbare Szene mit allen Details ein, als die zwei Jahre alte Yueyue zuerst von einem Kleinbus und knapp eine Minute darauf von einem weiteren Kleintransporter überrollt wurde.

Niemand kümmerte sich um das wimmernde Opfer, weder die später festgenommenen Fahrer, die angeblich nichts bemerkt hatten, noch Fahrradfahrer und Fußgänger. Die gingen am schwer verletzten Mädchen einfach vorbei.

Millionen Chinesen sind schockiert über die Bilder, wie teilnahmslos ihre Mitmenschen auf das Drama am Straßenrand reagierten. Sie fragen im Internet nach dem Warum: "Was ist nur los bei uns in China?" Die größte Mikroblogseite Sina.com startete eine rege Debatte: "Hören wir endlich auf, so unbarmherzig und gefühllos zu unseren Mitmenschen zu sein!"

Die Bilder des Unfalls sind so grausam, dass ausländische Fernsehsender wie CNN oder BBC die schlimmsten Details ausblendeten. Guangdongs Kabelfernsehsender TVS hatte als Erster die Aufnahmen aus einer Sicherheitskamera erhalten, die eigentlich Diebstahl vorbeugen soll. Sie strahlte den Videoclip ungekürzt aus, den diverse Web-Seiten weiter verbreiteten. Sieben Minuten lang zeigt der Film nicht nur die beiden Fahrzeuge. Er dokumentiert auch, wie 18 Passanten und Radfahrer in der engen Marktstraße an dem schwer verletzten Mädchen vorbeigehen. Sie glotzen und gehen dann weiter, ohne dass auch nur einer Anstalten macht zu helfen. Erst die 58-jährige Aushilfsköchin und Müllsammlerin Chen Xianmei schaut nach dem sich nicht mehr rührenden Kind, hebt es auf, bringt es einen Meter weiter in Sicherheit vor dem Verkehr und ruft Hilfe. Die ahnungslosen Eltern werden aufmerksam. Sie haben einen Laden oberhalb des Eisenwarenmarkts und wohnen kaum 40 Meter entfernt. Ihr Kind war in einem unbeobachteten Augenblick zum Spielen auf die Straße gelaufen.

Brutale Gleichgültigkeit

Selten hat ein Vorfall Chinas Öffentlichkeit so aufgewühlt und mit solcher Wut erfüllt wie dieses quälend lange Video, das eine brutale Gleichgültigkeit dokumentiert. Im Guangdonger Armeekrankenhaus kämpften die Ärzte bis zur Stunde auf der Intensivstation um das Leben des Mädchens, das schwere Kopfverletzungen davongetragen hat, beatmet werden muss und vermutlich querschnittgelähmt bleiben wird, sofern es überhaupt überlebt.

Die Polizei nahm beide Fahrer fest. Sie hätten zwar bemerkt, "über etwas gefahren zu sein", aber nicht realisiert, dass es ein Kind war. So behaupten sie. Einer sagte, er hätte mit dem Handy telefoniert. Die Lokalregierung von Foshan, aufgeschreckt von der landesweiten Empörung, beeilte sich, der Müllsammlerin Chen eine Belohnung von 20 000 Yuan (2264 Euro) zu übergeben - nur dafür, dass sie das tat, was jeder hätte tun müssen: helfen. Millionen im Internet kommentierten das Drama als "Schande für uns Chinesen" und als "Alarmsignal, um in uns zu gehen".

Der Vorfall kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn Peking möchte eigentlich im Moment ganz andere Signale setzen. Nach viertägiger Klausur in der Hauptstadt will das Zentralkomitee der Partei das gesamte Land zur kulturellen Erneuerungsbewegung aufrufen. Chinas traditionelle und heutige Kultur müsse wieder Weltrang und Weltgeltung erlangen und als neue Soft-Power den friedlichen Aufstieg als Globalmacht vollenden, sonst könne die wirtschaftlich und politisch erreichte Wiederbelebung der Nation nicht gelingen. Das Parteiorgan "Volkszeitung" schlug angesichts des Dramas jedoch ganz andere Töne an: Chinas 5000 Jahre alte Zivilisation habe nur deshalb überleben können, weil die "Wurzeln moralischer Werte" in den untersten Schichten der Gesellschaft verankert seien. "Wir alle sind möglicherweise Passanten. Wir müssen unsere Hand zur Hilfe ausstrecken", mahnte das Blatt.

Die Debatte in der Öffentlichkeit wogt, ob die Menschen sich in der ungerechten Ellbogengesellschaft des heutigen China zu "hartherzigen, egoistischen Wesen" entwickelt hätten oder ob sie sich nur aus Mangel an mitmenschlicher Erziehung und abgeschreckt von schlechten Erfahrungen "clever verhalten", wenn sie sich nirgends hilfreich einmischen. Die Medien hatten in den vergangenen Jahren über mehrere Fälle prominent berichtet, in denen chinesische Bürger, die uneigennützig und spontan Unfallopfern oder gestürzten alten Menschen zu Hilfe eilten, von diesen verklagt wurden. Die Gerichte sprachen sie für gewöhnlich schuldig, wenn Aussage gegen Aussage stand. Die abstruse Logik: Einer, der Hilfe für ein ihm unbekanntes Opfer leiste, sei höchstwahrscheinlich schuld am Zustand dieses Opfers. Viele fühlen sich gewarnt, kommentierte die "Shanghai Daily": "Gute Samariter müssen bei uns hohe Geldstrafen zahlen."

Yueyues Mutter hat nun ein Blog, in dem sie sich für die Anteilnahme bedankt. Ihr Blog hat schon Zehntausende Leser. Der Zorn der Chinesen kennt keine Grenzen. Es ist also noch Hoffnung.