Liliane Bettencourt

Ein Vormund für Madames Milliarden

Eine alternde Milliardärin, geldgierige Berater, vermeintliche Freunde, Neid und Intrigen: Der Familienstreit, der seit Monaten hinter den sonst so makellosen Kulissen des französischen Kosmetikkonzerns L'Oréal tobt, hat alle Zutaten für ein Hollywood-Drama. Doch ein Happy End ist bisher nicht in Sicht. Im Gegenteil.

Montag entmündigte ein Gericht in Courbevoie bei Paris Konzernerbin Liliane Bettencourt. Die reichste Frau Frankreichs, deren Vermögen das amerikanische Magazin "Forbes" auf 17 Milliarden Euro schätzt, darf künftig nicht mehr alleine entscheiden.

Bettencourt, die Freitag ihren 89. Geburtstag feiert, leidet einem medizinischen Gutachten zufolge unter Demenz und Alzheimer. Sie wurde nun unter die Vormundschaft ihres ältesten Enkels Jean-Victor Meyers gestellt. Die Verwaltung ihres Vermögens und die Wahrnehmung ihrer Funktionen bei dem weltweit größten Kosmetikkonzern, an dem sie 30 Prozent des Kapitals hält, übertrug das Gericht ihrer Tochter Françoise Meyers und deren Söhnen Jean-Victor und Nicolas.

Bettencourts Anwälte kündigten an, gegen die Entscheidung in Berufung gehen zu wollen. Sie zweifeln die Rechtmäßigkeit des medizinischen Gutachtens an. Nachdem sich die L'Oréal-Erbin mehrfach geweigert hatte, sich freiwillig einer entsprechenden Untersuchung zu unterziehen, hatte ein Gericht eine Zwangsuntersuchung angeordnet. Die Gutachter hatten Bettencourt deshalb im Juni einen Überraschungsbesuch abgestattet. Nach Informationen der Tageszeitung "Le Monde" konnte die alte Dame dabei mehrere Fragen des Tests nicht beantworten. Die Gutachter stellten fest, dass sie unter Alzheimer und Sprachstörungen leidet und teilweise desorientiert ist.

Doch Bettencourt gibt sich kampfbereit. In der Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" drohte sie bereits an, sie werde sich ins Ausland absetzen, sollte sie unter Vormundschaft gestellt werden. "Wenn sich meine Tochter um mich kümmert, ersticke ich", sagte sie. "Alle Probleme rühren daher, dass sie meine Stelle einnehmen will. Aber ich bin noch da und ich fühle mich sehr wohl", erklärte sie. Sie habe gute Freunde.

Bettencourt machte teure Geschenke

Das jedoch zweifelt Bettencourts Tochter Françoise Meyers an. Sie argwöhnt bereits seit Jahren, dass vermeintliche Freunde und Berater die Schwäche ihrer Mutter ausnutzen. Die beiden Frauen fechten seit Jahren einen erbitterten Streit aus. Ausgelöst wurde er durch den Fotografen François-Marie Banier, dem Bettencourt Geschenke im Wert von insgesamt rund einer Milliarde Euro vermachte: Gemälde und Immobilien.

Meyers hatte deshalb bereits mehrfach versucht, ihre Mutter entmündigen zu lassen. Im Dezember 2010 dann hatten sich die beiden streitlustigen Damen wieder versöhnt und ein Friedensabkommen geschlossen. Im Juni 2011 jedoch stellte Meyers erneut einen Antrag auf Vormundschaft, da sie nun Pascal Wilhelm, einen Rechtsanwalt Bettencourts, verdächtigte, die Schwäche ihrer Mutter auszunutzen. Er soll die Milliardärin überredet haben, 140 Millionen Euro in das Online-Glücksspiel-Unternehmen eines anderen Mandanten zu investieren.

Die diversen Prozesse, die sich Bettencourt und ihre Tochter lieferten, lösten in Frankreich gleich mehrere Affären aus, die auch die konservative Regierung von Staatspräsident Nicolas Sarkozy in Bedrängnis brachten. So stellte sich letztes Jahr heraus, dass die Frau von Ex-Arbeitsminister Eric Woerth als Vermögensberaterin für Bettencourt arbeitete, als ihr Mann als Haushaltsminister Jagd auf Steuersünder machte. Bettencourt gab anschließend zu, Steuern hinterzogen zu haben, Woerth musste sein Amt aufgeben.

Die Milliardärin soll zudem die konservative Regierungspartei UMP während der letzten Präsidentschaftswahlen 2007 mit illegalen Parteispenden in Höhe von 150 000 Euro unterstützt haben. Ein Gericht in Bordeaux befasst sich inzwischen mit den Vorwürfen. Zudem soll die Polizei im Auftrag des Innenministeriums Journalisten von "Le Monde" bespitzelt haben, die sich mit den Vorfällen befassten.

In Frankreich gilt der Familienzwist zwischen Bettencourt und ihrer Tochter noch aus einem anderen Grund als brisant: Die Regierung fürchtet, dass der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé den Streit nutzen könnte, um sich L'Oréal einzuverleiben. Französische Politiker wollen mit allen Mitteln verhindern, dass der Kosmetikkonzern, ein Aushängeschild der französischen Wirtschaft, in ausländische Hände fällt. Nestlé ist der zweitgrößte Aktionär von L'Oréal und hat sich in einem Abkommen verpflichtet, seinen Anteil nicht zu erhöhen oder zu verkaufen, so lange Bettencourt lebt.

Die L'Oréal-Erbin Bettencourt will sich trotz des Urteils nicht kaltstellen lassen. So hat sie ihrer Tochter bereits nach der letzten Anhörung vor Gericht im Oktober mit einem wahren "Atomkrieg" gedroht.