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Zehn Millionen für ein Interview

Amanda Knox. Das ist schon längst nicht mehr der Name einer jungen Studentin. Amanda Knox - das ist eine Projektion der verschiedensten Ängste, Wünsche und Sehnsüchte. Seit die 24-Jährige Anfang Oktober das Gerichtsgebäude in Perugia verlassen hat, überbieten sich Tag für Tag Meldungen über den Mordfall Knox. Die jüngste: Der amerikanische Sender ABC Network soll zehn Millionen Dollar für das erste Interview in Freiheit geboten haben.

Das klingt absurd, aber die Investition wird gut überlegt sein. Amanda Knox fasziniert die Amerikaner mehr als alles andere. Ihr Fall lässt einen der Gründungsmythen des Landes wiederaufleben: das korrupte, intrigante, veraltete Europa gegen Amerika, das Land der Freiheit und Aufrichtigkeit.

Seit etwas über einer Woche ist Amanda Knox nun wieder zu Hause, wie ihr Vater Curt die Medien wissen ließ, verbringe sie auch die meiste Zeit im Haus. Es heißt, sie lebe wieder in Seattle, von dort auf jeden Fall stammen die ersten Bilder von Amerikas aktuellem Sweetheart. Einmal läuft sie da versonnen lächelnd durch einen Park, ein anderes Mal kauft sie in Begleitung eines Freundes Schokolade und Zahnpasta. Süß und sauber - das ist das Bild von Amanda, an dem ihr PR-Berater Gogerty Marriott jetzt arbeitet. Wie man auf seiner Webpage nachlesen kann, berät er die Familie Knox seit 2007.

Wohl ungefähr seit dem Morgen, an dem die Amerikanerin zum ersten Mal im öffentlichen Interesse stand. Die allerersten Aufnahmen der damals 20-Jährigen machten schon schnell klar, dass in dieser Geschichte viel Stoff ist, an dem man viel Geld verdienen kann. Am Morgen des 2. November 2007 wird die 21-jährige Britin Meredith Kercher tot in ihrem WG-Zimmer in Perugia aufgefunden. Ihr Körper ist mit Messerstichen übersät, sie wurde vergewaltigt, und man schnitt ihr die Kehle durch. Neben dem Mädchen lag ihr blutbefleckter BH und die vermeintliche Spur des Mörders: ein Fußabdruck aus Blut.

Die Polizei sperrt den Tatort ab, durchsucht die Wohnung, wie man heute weiß, eher stümperhaft. Die Kamerateams, die zum Ort des Verbrechens eilen, zeigen Aufnahmen von Meredith' Mitbewohnerin: eine hübsche, blonde Amerikanerin namens Amanda Knox. Sie steht etwas ratlos vor der Absperrung, umringt von Polizei, mit ihrem damaligen Freund, dem Italiener Rafaele Sollecito. Die beiden umarmen sich, wohl aus Trost, das ist normal, aber sie küssen sich auch. Vielleicht ist das der Moment, wo der Spitzname geboren wird, der Amanda Knox die nächsten vier Jahre begleiten wird: der Engel mit den Eisaugen.

Seit ihren ersten Vernehmungstagen kennt Knox nur noch extreme Gefühle. Als sie 2009 als Mörderin von Meredith Kercher schuldig gesprochen wird, da scheint das Gericht den Plot eines Horrorfilms zu schildern: Amanda Knox habe mit ihrem Freund Rafaele Sollecito und mithilfe eines gemeinsamen Freundes Meredith Kercher zu einer Sex-Orgie überreden wollen. Die Britin aber habe nicht gewollt, daraufhin hätten die drei Verurteilten, die unter Drogen standen, sie gezwungen.

Ein PR-Experte betreut Knox

Das ist die italienische Seite der Geschichte. Viel konnten die Amerikaner bislang nicht dagegenhalten, auch wenn sie die mittlerweile geschiedenen Eltern von Knox in Live-Schaltungen bei neuen Prozesstagen bemühten. Die Familie des Opfers hingegen, die Kerchers, hat sich zurückgehalten mit Interviews und öffentlichen Auftritten. Doch jetzt, wo die italienische Justiz einiges an eigener Inkompetenz einräumen musste, in deren Folge Knox und Sollecito freikamen, jetzt ist - vereinfacht gesagt - Amerika am Zug. PR-Experte Gogerty Marriott hat eine große Zeit vor sich. Auf seiner Homepage listet er stolz all die Pressekontakte auf, die er organisiert hat: Alle wichtigen Sender sind dabei, sogar Oprah Winfrey hatte sich in den Fall eingeschaltet. Marriott erklärt hier auch seine Mission: Die Familie soll die Geschichte der Unschuld ihrer Tochter in die Welt tragen. Marriott war überzeugt, lange bevor die Justiz Knox freisprach. Aber nun kann Knox selbst für sich sprechen. Was die Welt im Fall Knox noch alles erwarten könnte, davon haben die ersten Tage in den USA bereits einen Vorgeschmack gegeben. Dem Sender CBS erzählte Amanda Knox, ein Mitarbeiter des Gefängnisses habe sie belästigt.

Das ist ihre neue Rolle, das Opfer einer archaischen Justiz und geiler Beamten. Noch ist nicht viel über die vier Jahre geredet worden, die Knox im Gefängnis saß. Die Geschichte dürfte einiges wert sein, schon jetzt wird spekuliert, was aus Amanda Knox noch alles werden könnte: ein Film, ein Buch?

Doch auf der anderen Seite steht die Familie von Meredith Kercher. Sie haben ihre Tochter verloren und sehen sich nun hilflos dem Rummel gegenüber, der um einen Menschen gemacht wird, den sie für den Mörder ihrer Tochter halten. Die Kerchers haben angekündigt, Knox und Sollecito zu verklagen. In den Aussagen von Knox und Sollecito vor Gericht seien zu viele Unstimmigkeiten. Es geht um acht Millionen Pfund, die hätten sie nach dem ursprünglichen Urteil von den Schuldigen erhalten. Doch Geld sei nicht das Wichtigste, sagt Stephanie Kercher. "Mez ist in all dem vergessen worden."