Erdbeben

"Wir brauchen dringend Hilfe"

Menschen laufen in Panik auf die Straße, sie weinen, einige sind nur notdürftig verbunden. Helfer klettern auf Schuttbergen herum, graben zum Teil mit bloßen Händen nach Verschütteten. Es sind Bilder des Schreckens und der Zerstörung, die in den ersten Stunden nach einem schweren Erdbeben im Osten der Türkei im Fernsehen laufen.

Rettungshelfer fanden in den ersten Stunden der Katastrophe mindestens 85 Tote und mehr als 1000 Verletzte. Verwirrung herrscht nicht nur in der östlichen Provinz Van, wo das Erdbeben mit einer Stärke von 7,2 nahe der gleichnamigen Provinzhauptstadt am Sonntagnachmittag stattfand. Wie stark die Region wirklich betroffen ist, wie viele Tote es tatsächlich gibt, das ist zunächst unklar. Die Telefonnetze sind zusammengebrochen. Doch die Bilder, die vom Katastrophengebiet in die Welt geschickt werden, sprechen für sich.

"Es sind so viele tot. Mehrere Gebäude sind eingestürzt, da ist zu viel Zerstörung", sagt Zulfikar Arapoglu, Bürgermeister der Stadt Ercis, dem türkischen TV-Sender NTV schon kurz nach dem Beben. "Wir brauchen dringend Hilfe, wir brauchen Ärzte und Sanitäter." Etwas später berichtete der Rote Halbmond, in Ercis seien 80 Gebäude eingestürzt, in Van zehn, darunter auch ein Studentenwohnheim. Ein Krankenhaus musste aufgrund der Schäden evakuiert werden, die Kranken werden im Freien in Zelten untergebracht. Ercis ist eine Kreisstadt in der Provinz Van mit mehr als 70 000 Einwohnern.

Flüge werden umgeleitet

Auch in Van sollen zehn Gebäude nach Angaben des stellvertretenden Ministerpräsidenten Besir Atalay komplett zerstört sein, darunter eines mit sieben Stockwerken. Ersten Berichten zufolge sollen dort mindestens 50 Menschen verletzt worden sein. Nach Angaben von NTV wurde auch der Flughafen von Van beschädigt. Ankommende Flüge werden auf andere Städte umgeleitet.

Aus der benachbarten Provinz Bitlis wurde der Tod eines neunjährigen Mädchens gemeldet. In anderen Nachbarprovinzen scheinen die Schäden an Gebäuden weniger schlimm. Die Istanbuler Erdbebenwarte Kandilli sprach von potenziell bis zu 1000 Toten, in den Medien machten Schätzungen von "mehreren 100" Todesopfern die Runde. Rettungsmannschaften aus 40 der 80 türkischen Provinzen wurden mobilisiert, um nach Überlebenden zu suchen. Der Rote Halbmond will Helfer und Zelte ins Krisengebiet bringen. "Es ist ein starkes Erdbeben, das schwere Verwüstungen anrichten kann", sagte der Präsident der Organisation, Lütfi Akan. Auch die Armee sollte für die Rettungsarbeiten herangezogen werden. Es wurde erwartet, dass der Einbruch der Nacht mit Temperaturen um den Gefrierpunkt den Hilfseinsatz stark behindern würde.

Die US-Erdbebenwarte in Golden registrierte das Beben um 13.41 Uhr Ortszeit (12.41 Uhr MESZ) mit einer Stärke von 7,2. Mit einer Tiefe von 20 Kilometern sei es oberflächennah und könnte daher größeren Schaden angerichtet haben. Mehrere Nachbeben mit Stärken bis zu 5,5 seien unmittelbar gefolgt, so die Erdbebenwarte Kandilli. Das Epizentrum habe in dem Dorf Tabanli in der Provinz Van gelegen, die an den Iran grenzt. Dort und in umliegenden Dörfern kam offenbar zu den schwersten Zerstörungen.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan brach sofort nach Van auf, um den Kriseneinsatz vor Ort zu leiten. Auch Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu begab sich noch am Nachmittag nach Van. Israel bot seine Hilfe an. Zwischen der Türkei und Israel herrschen seit einigen Monaten erhebliche politische Spannungen, die Türkei hatte aber vor einiger Zeit wertvolle Hilfe geleistet, als in Israel verheerende Waldbrände wüteten.

Einige Aufnahmen aus Van zeigten, dass außer den zehn zerstörten Gebäuden die Stadt weitgehend intakt geblieben war. Das mag in den nächsten Tagen Fragen aufwerfen, ob die betroffenen Gebäude nach "erdbebensicheren" Standards errichtet worden waren. In der Türkei sind solche Bauvorschriften erst seit einigen Jahren in Kraft, nachdem ein verheerendes Erdbeben bei Izmit, rund 100 Kilometer östlich von Istanbul, im Jahr 1999 rund 20 000 Todesopfer gefordert hatte.

Die Türkei ist eines der am stärksten von Erdbeben bedrohten Länder der Welt. Mehr als 90 Prozent des Landes liegen in der Nähe tektonischer Bruchlinien. Insbesondere die Weltmetropole Istanbul gilt nach Meinung von Experten als stark erdbebengefährdet. Man erwartet dort mit hoher Wahrscheinlichkeit (65 Prozent) ein sehr großes Beben in den nächsten 20 Jahren.

Lasche Bauvorschriften

Das Erdbeben von 1999 in Izmit hatte gezeigt, dass lasche Bauvorschriften, betrügerische Bauherren und illegales Bauen dazu beigetragen hatten, dass viele Gebäude einstürzten. Seit Jahren versuchen die Behörden, diese Probleme besonders in Istanbul in den Griff zu bekommen. Fast unlösbar ist das Problem der unzähligen "Gecekondular", der illegal errichteten Häuser - ein Ergebnis der Zuwanderung von mehr als 100 000 Menschen jedes Jahr. Mehr als 60 Prozent aller Gebäude in Istanbul sind nicht erdbebensicher gebaut. Schätzungen zufolge könnte ein Beben in Istanbul deswegen viele Tote fordern.

Das Beben von Van dürfte die Gefahr eines großen Istanbuler Bebens wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen rücken. Es ist einer der Gründe, warum sowohl der Regierungschef als auch der Oppositionschef ins Krisengebiet reisten: Man will zeigen, dass man sich der Gefahr bewusst ist.