USA

18 Tiger, 17 Löwen, eine Kleinstadt

Gewöhnlich fällt die stille Gemeinde Zanesville, rund 90 Kilometer östlich von Columbus (Ohio) gelegen, nicht auf, vor allem nicht durch afrikanische Fauna und Safari-Tourismus auf. Am Mittwoch änderte sich das auf dramatische Weise, als die Polizei auf Großwildjagd gehen musste: 48 exotische Tiere - darunter 18 Bengalische Tiger und 17 Löwen - lagen am Abend in ihrem Blut.

Sechs Tiere wurden gefangen und in den Zoo von Columbus gebracht: die drei Leoparden, ein Grizzly und zwei Affen waren die einzigen Überlebenden.

Es war ein Massaker in Notwehr, das ein amerikanisches Dorf für einen Tag in atavistische Angst vor der überlegenen Kampfkraft von Raubtieren zurückversetzte. Terry Thompson (62), Eigentümer der Muskingum County Animal Farm, war der Schuldige an dem Gemetzel; er suchte den Freitod, nachdem er die Käfige und Gehege seiner Tiere geöffnet hatte. Thompson lebte im Streit mit Nachbarn und dem Sheriff Lutz, der seit Gründung des Privatzoos regelmäßig Beschwerden über entlaufene exotische Tiere nachgehen musste. Erst im vergangenen Monat war der Mann aus einem Bundesgefängnis entlassen worden, wo er ein Jahr Haft für unerlaubten Waffenbesitz verbüßt hatte. Auch die Tierschutzorganisation Peta hatte beim US-Landwirtschaftsministerium über die illegalen Aktivitäten des Zoobesitzers geklagt. "Das Erschießen Dutzender exotischer Tiere in Zanesville ist ein tragisches Beispiel, wie falsch Dinge laufen können, wenn Menschen erlaubt wird, wilde Tiere zu halten", teilte Peta mit.

Niemand weiß, wie Thompson, der keine Besucher auf seinem Grundstück duldete, die enormen Kosten für Unterhalt und Pflege der Tiere aufbringen konnte. Fest steht lediglich, dass Ohio die laxesten Gesetze für die Haltung exotischer Haustiere aufweist und mehr (auch tödliche) Angriffe als jeder andere US-Bundesstaat. Und so hatte Terry Thomson, mehrfach wegen Grausamkeit gegen Tiere und Vernachlässigung angeklagt, Gott spielen können.

"Es ist, als sei die Arche Noah in Zanesville gestrandet," beschrieb Jake Hanna, früher Direktor des Zoos von Columbus, die tragische Szene. Lutz sprach von einer "furchterregenden Szene", als seine Mitarbeiter abends bei dem privaten, 40 Hektar großen Reservat eintrafen und die Tiere wild im Dunkeln herumlaufen sahen, darunter einen 150 Kilo schweren Tiger. Teilweise hätten sie aus nächster Nähe auf sie schießen müssen.

Weder Hanna, der bekannteste Tierschützer im US-Fernsehen, noch Aktivisten von Born Free USA machten dem Sheriff von Zanesville einen Vorwurf. Sein Trupp von Deputies hatte weder Betäubungsgewehre noch die geringste veterinärmedizische Ahnung. Uns kopfschüttelnden Betrachtern bleibt eine Genugtuung: Ein einzelner Affe entzog sich angeblich der Gefangennahme. Die (für seine evolutionären Nachfahren) weniger schmeichelhafte Variante lautet: Er sei von einer Raubkatze gefressen worden.