Die legendäre "Kon Tiki"-Expedition

Floßfahrt ins Abenteuer

Die See steigt hoch, die Brecher schäumen über das Floß, das mit den Wellen auf und ab tanzt, rollt, krängt. In dieser Nacht fällt der junge Norweger Pal Sverre Hagen acht Mal ins Wasser. Er lässt sich fallen, vor laufenden Kameras. Hagen ist der Held im Film. Er mimt einen der großen Heroen der norwegischen Geschichte auf seiner großen Seereise: Hagen ist Thor Heyerdahl.

"Eine legendäre Figur", freut er sich über seine Rolle. Wann er das erste Mal den Namen hörte, weiß er natürlich nicht, "er war Teil meines kulturellen Kosmos, immer" - wie es fast jedem jüngeren Norweger geht. Den 30-Jährigen bewegt es, ausgerechnet diesen Mann darstellen zu können beim Dreh in einer Bucht neben Valletta, der Hauptstadt Maltas, in einer von knatternden Wellenmaschinen aufgewühlten See.

Es geht um die bekannteste Abenteuerfahrt der ersten Nachkriegsjahre, die jetzt für einen Spielfilm nachgedreht wird, nachdem sie sich als Buch zwischen 50 und 100 Millionen Mal in über 70 Sprachen verkauft hat. Das "Guinessbuch der Rekorde" führte es lange Jahre als das weltweit bestverkaufte "Non Fiction"-Buch aller Zeiten: "Kon Tiki. Ein Floß treibt über den Pazifik".

Auf den Spuren alter Kulturen

Der neue Film ist das Projekt einer dänisch-britisch-deutschen Kooperation, Regie und Hauptrollen sind fest in norwegischer Hand. Die Herausforderung für die durchweg jugendlichen Macher und Schauspieler: Der Vorläufer-Film von 1947, dem Jahr der großen Floßfahrt, bekam als bester Dokumentarfilm einen Oscar. Thor Heyerdahl hatte damals selbst hinter der Schmalfilm-Kamera gestanden, auf seinem 101 Tage währenden Törn von Callao in Peru über 7000 Kilometer bis zu den Tuamotus südöstlich von Tahiti. Der Oscar steht heute in einer Vitrine im Thor-Heyerdahl-Museum in Oslo. Das Haus wird übrigens geleitet von einem, der auch Thor Heyerdahl heißt. Er ist der Sohn des Floßfahrers und hat selbst einen Sohn, der Thor heißt. Den Namen gibt die Familie nicht mehr aus der Hand.

Ein paar Meter vom Oscar entfernt liegt es dort, schwer, klobig, ruhig, fast 14 Meter lang und fünfeinhalb Meter breit, 20 Tonnen schwer: "Kon Tiki", das Floß mit seiner kleinen Bambushütte. Es sind jene grob zusammengeschnürten Balken im Original, mit denen vor 63 Jahren die moderne norwegische Saga Fahrt aufnahm - mit Thor Heyerdahl am Ruder. Er wollte es ihnen zeigen, den Anthropologen, die aus dem Blickwinkel ihrer staubigen Studierstuben ihre Sichtweise auf die Besiedlungsgeschichte des Pazifiks nicht aufgeben wollten: Dass nämlich die Polynesier ausschließlich aus dem Westen gekommen seien, aus Asien, und nicht aus dem Osten, aus Amerika.

Der Norweger wollte das nicht glauben, spätestens seit er 1937 mit seiner ersten Ehefrau im Honeymoon auf Fatu Hiva lebte, im Marquesas-Archipel, östlicher Pazifik. Der ewige Ostwind dort und die Strömung aus derselben Richtung; auch die geheimnisvollen Steinstatuen, die ihn an ähnliche Monumente in Amerika erinnerten, dann die unter den Insulanern bekannten Mythen über ihre Herkunft von einem Land weit im Osten, hinter dem Meer - all diese Hinweise ließen bei Heyerdahl eine Theorie aufkommen, die ihm das Abenteuer seines Lebens bereiten sollte: die Idee, dass die Kultur der pazifischen Inseln aus Amerika gekommen sei.

Der Norweger fasste den Plan, in einem primitiven Floß aus Balsastämmen - wie sie die ersten spanischen Eroberer an Lateinamerikas Küsten vorfanden - von Peru aus die vielen Tausend Kilometer entfernten Inseln anzusteuern. Heyerdahl erhielt viel Gegenwind. Alle Welt versuchte ihm den Plan auszureden. Weil seine Theorie unsinnig sei, aber auch weil das Balsaholz sich mit Wasser vollsaugen, das Floß gnadenlos absaufen würde, er hätte keine Chance. Im berühmten New Yorker Entdeckerklub bekam er Unterstützung, fand Menschen, die ihn finanziell förderten. Und er sammelte fünf Mitstreiter um sich, vier Norweger, einen Schweden. Zusammen holten sie schließlich ihre Balsastämme mit schwerem Gerät aus dem Hochland Perus herab, schnürten sie im Hafen von Callao zusammen, stießen eines Tages ab - und überließen ihr weiteres Schicksal Wind und Strömung. Das Steuerruder am Heck war zwar lang, aber letztlich war der Koloss fast manövrierunfähig. Keiner der sechs war übrigens ein Seemann. Anfängliche Spannung dann um die Haltbarkeit des Balsaholzes, bis klar war, dass die Stämme ihre Tragfähigkeit behielten. Anfängliche Unsicherheit, ob die Verpflegung über dreieinhalb Monate klappen würde, bis sie nach wenigen Tagen sahen, dass Fische im Überfluss da waren: der fast tägliche Hai, der immer routinierter erlegt wurde, mit Haken, Messer und bloßen Händen, und die Dutzende von fliegenden Fischen, die jeden Morgen vom Deck aufgesammelt wurden. Anfänglich große Neugier darauf, wohin sie das Meer treibe, bis sie merkten, dass der Äquatorialstrom sie mitten hinein in die Welt der vielen Inseln treiben würde.

Mann über Bord

Wie gering ihr Einfluss auf Kurs und Geschwindigkeit der "Kon Tiki" war, wurde schlagartig klar, als Hermann Watzinger eines Tages über Bord ging. Nach seiner Rettung in letzter Sekunde herrschte vorsorglicher Leinenzwang für alle, die sich an Deck befanden. Zeitvertreib boten die Gitarre und der Kurzwellensender, mit dem sie Kontakt zu Funkamateuren aus aller Welt hielten. Genau drei Monate dauerte es, bis die Männer auf ihrem Floß zum ersten Mal an einer Atollinsel vorbeikamen, doch sie schafften es nicht, das träge Fahrzeug in die Lagune zu manövrieren. Acht Tage später, am 101. Tag der Reise, hatten sie die nächste Landsicht - und saßen schließlich mit ihrem Floß auf einem Riff auf, vor dem Raroia-Atoll im Archipel der Tuamotus. Scharfe Korallen, Wind und Wetter ruinierten die "Kon Tiki" in ihren Grundfesten. Die Männer saßen auf einem unbewohnten "Motu" des Atolls fest, mussten eine Woche warten, bis zufällig einige Polynesier gepaddelt kamen und sie aufnahmen. Die Floßreise über den Ozean, sicher die längste und weiteste der überlieferten Seefahrtsgeschichte, war geglückt, der Mythos Kon Tiki geboren.

Über den neuen Film indes wird nicht allzu viel bekannt gegeben, aber alle Beteiligten sagen übereinstimmend, dass die Dramatik der in Wahrheit ja undramatischen Reise zugespitzt wurde. Und dies noch mit ausdrücklicher Zustimmung von Thor Heyerdahl selbst in den letzten vier, fünf Jahren vor seinem Tod 2002 - so lange wird das Projekt inzwischen verfolgt. Der Film soll 2012 in die Kinos kommen.

Der Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung von DCM Productions