Thomas Anders

"Muss es denn im Teppichladen sein?"

Die Band gibt es schon lange nicht mehr, aber seit ein paar Tagen wird wieder über sie geredet: Modern Talking. Sänger Thomas Anders hat ein Buch ("100 Prozent Anders - Mein Leben") geschrieben, in dem er über die Band, Dieter Bohlen und Ex-Frau Nora herzieht. Torsten Thissen hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Wenn man Ihre Biografie so liest, weiß man gar nicht, ob man Sie beneiden soll oder Mitleid haben muss.

Thomas Anders: Wieso? Mancher wird sicher sagen, so wie der Anders wollte ich nie leben. Sogar mein Bruder möchte nicht so leben wie ich, aber für mich ist ja mehr als nur ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich habe mir immer eine Musikkarriere gewünscht. Aber es ist ja sicher nicht für jeden das Nonplusultra, so zu leben wie ich.

Berliner Morgenpost: Sie hatten ein bisschen Stress mit Herrn Bohlen, ein Journalist hat Sie mal "höhensonnengegerbte Sangesschwuchtel" genannt, aber eigentlich lief alles glatt. Sie haben einen Haufen Geld, eine Frau, einen Sohn, sind zufrieden mit sich und waren das immer. Man kann das nicht glauben.

Thomas Anders: Sie brauchen also menschliche Dramen, um ein Buch interessant zu finden? Das macht mich nachdenklich.

Berliner Morgenpost: Was wollten Sie werden als Kind?

Thomas Anders: Ich wollte Sänger werden. Auf die Bühne. Wenn die Verwandten zu Besuch kamen, hatte ich schon ein neues Lied einstudiert. Ich musste das machen. Später wollte ich meinen Lebensunterhalt damit bestreiten können. Mein Beruf ist ja keine Arbeit. Ich sehe meinen Beruf als Berufung.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle hat Geld später dabei gespielt?

Thomas Anders: Gar keine.

Berliner Morgenpost: Dafür steht im Buch aber ziemlich häufig drin, wie viel Geld man wofür ausgegeben hat. Die Armreife von Nora kosten 100 Mille, dann fahren Sie mit einem 500er-Mercedes an Ihrem alten Lehrer vorbei. Sympathisch macht Sie das nicht.

Thomas Anders: Vielleicht wirkt das auf Sie so. Ich habe mir immer gewünscht, von meinem Beruf leben zu können. Ich brach mein Studium ab und sagte meinen Eltern, wenn ich das bis 25 nicht geschafft habe, fange ich wieder an zu studieren. Für mich war die Messlatte von Reichtum, so 10 000 Mark im Monat zu verdienen; wenn ich mehr verdiene als mein Vater, dann geht es mir gut, dachte ich.

Berliner Morgenpost: Und dann kam Modern Talking.

Thomas Anders: Was dann geschah, davon kann man keine Vorstellung haben. Das war jenseits aller Träume. Das mit den Armbändern habe ich geschrieben, um einfach klarzumachen, in welchem Irrsinn wir gelebt haben.

Berliner Morgenpost: Im Buch hat man den Eindruck, damals waren alle verrückt, nur Sie waren vernünftig.

Thomas Anders: Das sehe ich nicht so. Wenn ich die erste Modern-Talking-Zeit Revue passieren lasse, denke ich an einen Tunnel, durch den ich musste, und zeitweilig dachte ich, hoffentlich ist es bald rum. Ich war damals einfach überfordert. Das Gehirn ist nicht dafür ausgelegt, als 21-Jähriger eine solche Karriere wegzustecken.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie, Ihre Beziehung zu Bohlen wäre einfacher gewesen, wenn Sie konfliktfreudiger gewesen wären?

Thomas Anders: Ich glaube nicht. Wäre ich nicht so harmoniebedürftig und diplomatisch, hätte es Modern Talking nie gegeben. Solange Bohlen Leithammel spielen darf, findet er sich ja gut. Wenn ihm allerdings das Ruder aus der Hand gleitet, orientiert er sich um. Das war der Konflikt zwischen Bohlen und meiner Ex-Frau.

Berliner Morgenpost: Weil die beiden sich so ähnelten.

Thomas Anders: Meine Ex-Frau kommt aus gutem Hause. Dort wurde man selbstbewusst erzogen, da hat man sich nichts gefallen lassen. Und das führte immer zu einer Explosion zwischen Bohlen und Nora. Deshalb konnten die nicht miteinander.

Berliner Morgenpost: Gab es irgendwann mal etwas, das Sie an Dieter Bohlen bewundert haben?

Thomas Anders: Nein.

Berliner Morgenpost: Ich kenne ihn nicht, aber finde es zum Beispiel bewundernswert, wie er in der Lage ist, so viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Thomas Anders: Ja, das ist unglaublich. Dieter ist ein sehr intelligenter Mensch, der genau weiß, mit wem er sich umgeben muss. Er hat "Bild" und RTL. Bei RTL ist er Zugpferd mit zwei Shows, "Bild"-Zeitung ist ja immer so eine On-und-off-Liebe. Und dadurch kann er sich immer wieder groß rausbringen. Da fragt auch keiner mehr, ob das jetzt wahr ist, was er postet.

Berliner Morgenpost: Sind Sie ihm trotzdem dankbar?

Thomas Anders: Können wir das so formulieren, dass ich Modern Talking dankbar bin? Es fällt mir schwer zu sagen, ich bin Bohlen dankbar, weil wir uns gegenseitig dankbar sein müssten.

Berliner Morgenpost: Selbst wenn er es nicht ist, Sie könnten ihm doch dankbar sein: für die Zeit, für die Songs, die Produktionen.

Thomas Anders: Ganz klar: Ohne Bohlen hätte ich nicht diese Karriere gemacht. Er hätte aber ohne Anders auch nicht diese Karriere gemacht, davon bin ich genauso überzeugt. Das war eine Zusammenkunft! Wer das irgendwo im Universum sich ausgedacht hat - ich weiß es nicht! Die Polarisierung innerhalb des Duos war einfach spannend.

Berliner Morgenpost: Warum funktionierte Modern Talking eigentlich?

Thomas Anders: Wir kamen zur richtigen Zeit. Damals gab es ja noch ausgeprägte Musiktrends, und Deutschland war müde von der deutschen Welle. Dann kam plötzlich dieser Italo-Pop. Und dann kam Modern Talking mit Kinderliedern und einfachen Texten in einer gut gemachten Produktion. Und man muss auch anerkennen, dass "You're My Heart, You're My Soul" ein großartiger Song ist.

Berliner Morgenpost: Natürlich will man die schönsten "Anders/Bohlen"-Geschichten hören ...

Thomas Anders: Ja.

Berliner Morgenpost: Außer denen, die im Buch stehen.

Thomas Anders: Ach, ich weiß nicht. Habe ich das mit dem Teppich-Luder erzählt? Als Dieter mich einmal anrief und so in etwa stolz sagte: "Ich hab morgen wieder die Schlagzeile in ,Bild'. Ist das geil." Ich fragte natürlich, warum, und er erzählte mir: "Ja, ich hab mit einer im Teppichladen rumgeknattert, und dann ist die Yucca-Palme umgefallen, und wir wurden entdeckt."

Berliner Morgenpost: Und Sie dann?

Thomas Anders: Ich sagte nur, dass ich mit so etwas nicht in der Zeitung stehen wollte. Ich sagte: "Wenn du schon nicht in ein Hotelzimmer gehst, muss es denn dann im Teppichladen sein?"

Wäre ich nicht so diplomatisch, hätte es Modern Talking nie gegeben

Thomas Andersüber die Arbeit mit Dieter Bohlen