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Muskulös, sexy, braun gebrannt - Jesus

Kinder, Küche - und ja, immer noch oft Kirche: In Deutschland sind zwei Drittel aller katholischen Gottesdienstbesucher Frauen, und bei den Protestanten dürfte es kaum anders aussehen. Solch ein Ungleichgewicht der Geschlechter herrscht weltweit fast überall bei der Teilnahme am religiösen Leben.

Langfristige Untersuchungen in Amerika haben ergeben, dass das Christentum besonders auf ungebildete junge Männer unattraktiv wirkt. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist wohl auch der, dass sich der normale tätowierte Fitnessstudiobesucher nicht so recht mit dem als unmännlich empfundenen Jesus-Bild identifizieren kann.

Doch seit einiger Zeit formiert sich eine Gegenströmung. In den USA hat der ehemalige FBI-Agent Leon J. Podles schon 1999 in einem Buch dazu aufgefordert, Jungen und Männern gegenüber die weniger metrosexuellen Züge des Erlösers stärker zu betonen. Der Leonardo der Macho-Jesus-Bewegung ist allerdings der Amerikaner Stephen Sawyer. Auf den Posterbildern des in Kentucky lebenden Künstlers ist Jesus nicht mehr länger ein Softie, sondern braun gebrannt, sexy und muskulös, wie es die meisten jungen Männer gerne wären. Und damit kommt er der Realität wohl sogar näher. Denn vergessen wir nicht: Jesus hatte wahrscheinlich wie sein irdischer Vater das Zimmermannshandwerk gelernt - kein Beruf für Schwächlinge. Und er lebte in einem sonnenreichen Land. Dem "Guardian" sagte der Künstler Sawyer: "Das Modell, das ich für meine Gemälde nutze, ist ein Surfertyp, der gebaut ist wie ein Schrank." Im Original klingt das drastischer: "like a brick shithouse". Das christliche Magazin "Pro" übersetzte das mit "ein Körper wie eine Kathedrale" - wörtlich heißt es aber "wie ein Scheißhaus aus Ziegelsteinen".

Missionarisches Potenzial

Offenbar haben derartige Botschaften ein großes missionarisches und kommerzielles Potenzial. In Großbritannien, wo mehr als 50 Prozent keinen Gottesdienst mehr besuchen, erscheint seit einiger Zeit das Magazin "Sorted" für christliche Jungs. Auf der Homepage von "Sorted" wird der Abenteurer Bear Grylls, ein ehemaliger Special-Forces-Soldat zitiert, der sagt: "Mit beiden Füßen auf dem Boden, reell, ,un-fromm' - darum hat ,Sorted' meinem christlichen Glauben so gutgetan."

Im Grunde ist an dieser Betonung der eher männlichen Züge Jesu nichts Skandalöses. Das heute ultrasanfte Erscheinungsbild des Erlösers ist geprägt von den Nazarenern, einer deutschen Malergruppe des 19. Jahrhundert. Die Künstler des frühen Mittelalters und später die der Renaissance stellten den Messias viel männlicher darg: Vom sechsten Jahrhundert an zeigte ihn die christliche Kunst nach dem Vorbild byzantinischer Kaiser mit königlichen Attributen - ernst, männlich, unnahbar und hoheitsvoll. Da Vinci, Dürer & Co. orientierten sich bei ihren Darstellungen mehr am antiken Ideal des Heros. Natürlich haben die Gemälde Sawyers nicht das künstlerische Niveau der genannten Vorbilder. Aber sie begeistern offenbar geschlechtsübergreifend. Auf dem Internetportal evangelisch.de kommentiert die Userin "Distelliebe" Sawyers Bilder: "Jaaaaa, sehr sexy, der Jesus von dem Herrn Sawyer ... den finden nicht nur Männer gut." Auch der Prediger Eric Delve von der kirchlichen Basisgruppe St. Luke's mag Sawyers Muskel-Messias: "Männer suchen Actionfiguren, deswegen sind sie Fans von Fußballern." Doch es ist riskant, am Jesus-Bild herumzudoktern, wie jüngst ein britischer Mobiltelefonhändler erfuhr. Dort verbot die Werbeaufsicht eine Anzeige, die einen augenzwinkernden Jesus samt erhobenen Daumen zeigt. Phones 4U wollte damit "ein fröhliches, positives und zeitgemäßes Bild des Christentums zeigen". Trotzdem gingen 98 Beschwerden gegen die Reklame ein.