Komiker

Ein Königreich für ein Bad

Russen schlagen schon mal bei extremen Frostgraden das Eis frei und tauchen ins Wasser, mit dem Vorwand, es diene der Gesundheit. Die Deutschen haben ihren Karneval, die Terminbörse der Verrücktheit. Und die Briten?

Die sind exzentrisch von Natur aus, es liegt in ihrer DNS, dafür braucht man keine Jahreszeit. Aber es irrt, wer meint, ein Brite sei einfach nur gerne schrullig und durchgedreht, sozusagen zur Eigenunterhaltung.

Nein, diese Leute stellen ihre Skurrilität am liebsten einem guten Zweck zur Verfügung, schon die Schulkinder denken sich absurde Leistungen namens sozialer Ziele aus, für die sie in der Nachbarschaft sammeln gehen. Der Wettbewerb treibt sie an, aber auch die Wohltätigkeit, der gute Zweck, das Elixier, das diese Gesellschaft zusammenhält, trotz der viel gehörten Unkenrufe, sie sei "broken", zerbrochen.

Ratten, Wasserflöhe und Bakterien

Hut ab also vor David Walliams, dem 1,90-Meter-Hünen mit dem wolkenkratzergroßen Herzen. Der 40-jährige TV-Komiker, Kinderbuchautor, Sitcom-Verfasser und Tausendsassa hat soeben eine Tat vollbracht, die das Königreich in Staunen versetzt und ihm hymnische Vokabeln eingebracht hat wie "vorbildlich", "inspirierend", "tapfer", kurzum: "unglaublich".

Wie ihm das gelungen ist? David Walliams hat binnen einer Woche, zwischen dem 5. und dem 12. September, die Themse der Länge nach durchschwommen, von Lechdale in Gloucestershire bis zur County Hall in der Nähe des Riesenrads London Eye am südlichen Ufer des Flusses, in Sichtweite von Big Ben.

140 Meilen, 225 Kilometer einer nur durch Nachtruhe und medizinische Behandlung unterbrochenen Leidensstrecke. Kampf von morgens bis abends, Kraulen, Kraulen und Kraulen, gegen Gefahren wie (in aufsteigender Reihenfolge): Ratten; Wasserflöhe und ihre Stiche; aggressive Schwäne; die Ruder von Wassersportlern; "das Öl und der Teer, den die Themse ausschwitzt" (in den Worten von T. S. Eliot); Bakterien, Fieber, Erbrechen, Magenaufruhr und die immer drohende Weilsche Krankheit, verursacht durch Rattenurin (ein britischer Olympia-Ruderer starb daran vor einem Jahr); dazu 500 000 Kubikmeter Abwässer, die in der Woche vor David Walliams' "Schwimmathon" dank schwerer Regenfälle den Weg in Englands Nationalfluss gefunden hatten; last, but not least ab der Teddingtonschleuse im Südwesten Londons die Strömungen und Strudel der Gezeiten, im Kampf mit dem sich zum Meer hinwälzenden Fluss.

Die Aufzählung allein lässt auf einen Heroismus der anderen Art schließen, einen Willen zum Ausloten der eigenen Grenzen und darüber hinaus, erprobt an einem unwahrscheinlichen Objekt. Von einem Mann, der kein Berufsschwimmer ist, aber sich für karitative Einsätze regelmäßig im Schwimmen trainieren lässt - 2006 für die Durchquerung des Ärmelkanals, 2008 für die Durchquerung der Straße von Gibraltar.

Über Nacht zum Liebling der Nation

Und auch sein Themse-Triumph, der die beiden früheren Leistungen noch bei Weitem übertrifft, war ein Einsatz für die wohltätige Adresse, der sich David Walliams am meisten verpflichtet fühlt, "Sport Relief" und deren "Big Splash Challenge 2011". Sport Relief wurde vor neun Jahren von der Sportredaktion der BBC in Zusammenarbeit mit dem größten Sponsorunternehmen der Insel, "Comic Relief", gegründet und hat seither über 100 Millionen an Spenden aufgebracht für Projekte unter den Armen und Chancenlosen der Welt. Fünfzig Prozent der Einnahmen gehen an die Dritte Welt, die andere Hälfte an bedürftige Jugendliche in Großbritannien selber. David Walliams' Großtat hat bis gestern bereits über eine Million Pfund (umgerechnet 1,16 Million Euro) aus den Taschen beeindruckter Zeitgenossen gelockt, mit steigender Tendenz. Er ist über Nacht "The Nation's Sweetheart", also zum Liebling der Nation geworden.

Ein wenig verhalf zu diesem Etikett gewiss auch der ein Jahr alte Labrador Vinny, der zwischen Maidenhead und Windsor wegen eines Hüftkrampfes zu ertrinken drohte, aber von dem Schwimmerhelden gerettet werden konnte, zur unbändigen Freude seines Besitzers. "Relief" ohne "comic", schiere Erleichterung.

Die Lust der Briten ist Legende, sich für wohltätige Zwecke in Gefahren zu bringen, auf den Meeren, in den Bergen, bei Marathonläufen oder wo auch immer. Mike Searle, Himalaja-Geologe aus Oxford, hat es so beschrieben: "Der Aufbruch, die Exploration - es liegt uns im Blut, ist unsere Geschichte, unsere Natur."

Sein Frau schloss ihn in die Arme

An der Aston Business School in Birmingham unterrichtet Patrick Tissington unter anderem die Psychologie von Mutproben - "Tapferkeit ist das Management von Angst", lehrt Tissington seine Studenten. Ein sehr britischer Leistungskurs.

Auch Prinz Harry, jüngerer Bruder des frischgebackenen Herzogs von Cambridge, stürzte sich Anfang dieses Jahres in einen "Endurance"-Test, einen Test der Ausdauer unter extremer Belastung. Zusammen mit Kriegsversehrten aus dem Irak und Afghanistan nahm er an einem Vorbereitungskurs zur Überquerung des Nordpols teil, drei Wochen lang, zum Teil bei minus 50 Grad, er hätte fast seine Ohren verloren dabei. Der Zweck: Spenden sammeln für den Fonds verwundeter Kriegsveteranen.

"Ein Bad" war alles, was sich David Walliams wünschte, als er bleischwer und müde der Themse entstieg. Seine Frau, das holländische Mannequin Lara Stone, schloss ihn in die Arme und die Nation ihn in ihr Herz. Mit Popsongs und Musicals im Ohr hatte er gegen Paranoia und Halluzinationen angekämpft während seiner Tortur. "Ich bin stolz, ein Brite zu sein, und dass ihr mir alle zugewinkt und so fleißig gespendet habt", war sein Schlusskommentar.

In der Krise der Zeit ist jemand wie David Walliams für seine Landsleute ein reines Tonikum.