Schiffsunglück vor Sansibar

Katastrophe vor der Trauminsel

Der Tod kam kurz nach Mitternacht. Die Fähre "MV Spice Islander" war am Abend im Hafen von Sansibars Hauptinsel Unguja vor der Ostküste Afrikas ausgelaufen. Aus zunächst ungeklärten Gründen sank das überfüllte Schiff in der Nacht auf Samstag kurz vor seinem Ziel: der Nachbarinsel Pemba im Indischen Ozean.

Das volle Ausmaß der Tragödie war am Samstagnachmittag - rund 14 Stunden nach dem Untergang - noch unbekannt. Die Rettungsarbeiten konnten erst nach Sonnenaufgang beginnen. Im Dunkeln konnten die Rettungskräfte nicht arbeiten. Wertvolle Stunden gingen verloren.

"Es war furchtbar, die Menschen schrien und kreischten in der Dunkelheit", berichtete die siebenjährige Überlebende Aisha Mohammed. "Ich kann meine Mami nicht finden, ich habe sie im Wasser verloren", sagte sie verzweifelt, nachdem sie von einem Rettungsboot aus dem Meer gezogen wurde.

Passagiere geben Betreibern Schuld

Überlebende warfen den Hafen- und Fährbetreibern vor, das Schiff hoffnungslos überladen zu haben. "Noch bevor die Fähre auslief, schrien wir dem Kapitän und den Leuten im Hafen zu, dass sie zu voll sei", berichtete der 50-jährige Said Amur. "Das war kein Unfall, Schuld haben diejenigen, die das Schiff nicht stoppten - als selbst schon die Passagiere begriffen, dass es nicht sicher war." Die Mannschaft habe alle noch zu beruhigen versucht, als die ersten Passagiere bereits nach Rettungswesten riefen, berichtete Amur weiter: "Als es dann wirklich schlimm wurde, war es für viele Passagiere zu spät."

Bis zum Nachmittag wurden 200 Tote geborgen, sagte ein Rot-Kreuz Mitarbeiter. "Die meisten der Opfer sind Frauen und Kinder", erklärte Joseph Kimaryo. Sansibars Minister für Notfälle, Mohammed Aboud sprach schon am Vormittag im britischen Sender BBC von 163 Toten. 325 Menschen waren da bereits gerettet, aber viele wurden noch vermisst.

"Wir fanden Überlebende, die sich an Matratzen oder Kühlschränken festhielten, an allem, das irgendwie schwamm", berichtete der Hubschrauberpilot Neels van Eijk dem BBC-Radio von der Rettungsaktion. Er habe etwa 200 Überlebende gesehen, allerdings auch viele Leichen.

Einige Schiffe hatten bereits den Ort des Unglücks erreicht und suchten nach Überlebenden, sagte er. Die See war nicht sehr rau, aber die Retter konnten die Menschen im Wasser wegen des Wellengangs nur schlecht sehen. "Wir flogen zu den Schiffen und haben sie zu den Überlebenden geleitet", erzählte van Eijk.

Die etwa 60 Meter lange Fähre war für 45 Besatzungsmitglieder und 645 Passagiere zugelassen. Die Passagierangaben schwanken. Medien sprachen von über 500 bis zu 800 Menschen an Bord.

Rettungskräfte machten sich mit allen verfügbaren Transportmitteln auf die Suche nach den Verunglückten. Schiffe der Marine, Fischerboote und sogar Motorboote für Wasserski wurden eingesetzt. Doch mehr als 12 Stunden nach dem Unglück schwand die Hoffnung auf Wunder. Augenzeugen berichteten von Leichen, die an Sansibars Strände gespült wurden. Rot-Kreuz-Mitarbeiter suchten die Küste nach angeschwemmten Opfern ab. In den Häfen von Unguja und Pemba bangten die Familien der Passagiere. Tausende hatten sich am Samstag dort eingefunden. Sie hofften, gerettete Freunde und Verwandte in die Arme schließen zu können. Für viele jedoch sollte dieser Samstag zu Trauertag werden. Ihnen blieb nur noch die Aufgabe, die Opfer zu identifizieren. Verletzte würden abtransportiert, aber man sehe auch viele Leichensäcke, berichtete eine britische Touristin der BBC auf der Ferieninsel.

Ob auch ausländische Touristen an Bord der Unglücksfähre waren, blieb zunächst offen. Deutsche sollen nicht betroffen sein, wie das Auswärtige Amt mitteilte. Die "Gewürzinsel" Sansibar ist jedoch ein beliebtes Urlaubsziel. Zehntausende Deutsche sonnen sich jedes Jahr an den kilometerlangen Stränden.

Es war nicht das erste Mal, dass die 1967 in Griechenland gebaute Fähre in Seenot geriet. Im September 2007, auf dem Weg von Oman nach Tansania, fielen die Motoren aus. Ein Schiff der US-Marine half bei den Reparaturen. Nach zwölf Stunden konnte die "MV Spice Islander" ihre Fahrt fortsetzen. Passagiere waren damals keine an Bord.

Fährunglück auch in China

Bereits am Freitagnachmittag war in der südchinesischen Provinz Hunan eine Fähre gesunken. Dabei seien mindestens elf Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen neun Schüler. 16 Menschen seien bei dem Unglück im Fluss Fuyi 250 Kilometer südwestlich der Provinzhauptstadt Changsha verletzt worden, drei Passagiere würden noch vermisst, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua am Samstag. Das Unglück ereignete sich, als zahlreiche Schüler für das Wochenende nach Hause fahren wollten. Die Fähre blieb jedoch an einem Kabel hängen. Als das Kabel riss, geriet das Fahrzeug aus dem Gleichgewicht. Das Boot war von einer Schule gemietet worden, um die Schüler zu transportieren. Die beiden Besitzer der Fähre wurden festgenommen.