Axel H. wurde gefasst

Warum ein Vater seine eigenen Kinder entführte

Auf seiner Internetseite legt Axel H. ein Glaubensbekenntnis ab: "Überall kann ich die Handschrift, das Wirken Gottes erkennen. Das war der Anfang. Irgendwann habe ich begonnen, in seinem Wort, der Heiligen Schrift zu lesen, und ich fand ... die Wahrheit!"

Die Wahrheit über die Entführung seiner vier Kinder kommt dagegen nur zögerlich ans Licht. Der arbeitslose Krankenpfleger aus Hermannsburg bei Celle verschleppte am Ostersonntag seine vier Kinder Lisa (4), Miriam (5), Benjamin (7) und Jonas (9). Es folgte eine 136 Tage währende Odyssee, die den fundamentalistischen Christen und seine Kinder bis in den Sudan führte.

Internationale Fahndung

International wurde nach ihm gefahndet. Am Mittwoch schließlich meldete die Polizei Celle: Deutsche Fahnder konnten den 37 Jahre alten Entführer in der ägyptischen Hauptstadt Kairo aufspüren. Die vier Kinder wurden befreit, Axel H. wurde festgenommen. Die genauen Umstände der Festnahme des Mannes und die Einzelheiten der 136 Tage dauernden Verschleppung blieben am Donnerstag weitgehend im Dunkeln. Es läge noch kein Bericht aus Ägypten dazu vor, sagte die Leiterin der Kriminalpolizei der Polizeiinspektion Celle, Birgit Thieme.

"Ich bin überglücklich und unendlich dankbar, dass meine Kinder wieder bei mir sind", ließ die Mutter der Kinder bei einer Pressekonferenz erklären. Eine Psychologin habe sich mit ihnen unterhalten, sagte der leitende Ermittler. Außer ein wenig Hunger und Müdigkeit seien keine Auffälligkeiten zu erkennen.

Auch der Vater sei mit Einverständnis der ägyptischen Behörden bereits ausgereist und nach Deutschland gebracht worden. Er sollte noch am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden.

So viel ist inzwischen klar: Axel H. holte seine Kinder, die seit der Trennung bei Katja H. leben, zu einer Fahrradtour ab. Unbemerkt stahl er Pässe, Geburtsurkunden und Sparbücher der Kinder und flog mit ihnen von Hannover zunächst in den ägyptischen Urlaubsort Hurghada. Von dort gelangten sie am 9. Mai per Schiff über das Rote Meer weiter in den Sudan. Die "Bild"-Zeitung veröffentlichte daraufhin Bilder eines "Leserreporters", die zwei Mädchen vor einer Baracke zeigen. Zumindest eines davon erkennt Katja H. als ihre Tochter, das andere ist nur von hinten zu sehen. Der "Leserreporter" berichtet weiter, Axel H. habe einige Tage mit seinen Kindern in dem sudanesischen Grenzort Wadi Halfa gelebt. Satellitenbilder des abgelegenen Grenzorts zeigen einfache Häuser inmitten der Sandwüste. Nur selten sinken die Temperaturen am Mittag dort unter 40 Grad. Der Entführer habe geplant, per Bus weiter in die 1000 Kilometer entfernte Hauptstadt Khartum zu reisen. Seinen Plan lässt er dann aber offenbar fallen, nach zehn Tagen verlässt die Gruppe den Sudan. Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass Axel H. am 19. Mai über Assuan nach Ägypten einreiste. Dort verliert sich die Spur.

Auf seiner Internetseite beschreibt der Familienvater, wie das wahre christliche Leben auszusehen habe: ohne Besitz und Eigentum, ohne Gier nach materiellen Dingen, Gott steht über allem, auch über der eigenen Familie. Die Welt in Deutschland dagegen sei "ungerecht, untreu, gnadenlos und unbarmherzig". Schon bald nach der Entführung der Kinder wird spekuliert, Axel H. wolle in Nordafrika, vor allem in den muslimisch geprägten Gebieten des Nordsudans, den christlichen Glauben verbreiten - ein lebensgefährlicher Missionierungsplan.

Handzettel auf Flughäfen

Die Polizei erhöht den Druck. Die Urlaubssaison startet, auf Flughäfen werden Handzettel mit Fahndungsfotos verteilt. Zahlreiche Privatpersonen melden sich, Firmenangehörige und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen versprechen, die Augen aufzuhalten. Anfang Juli schöpfen die Ermittler dann neue Hoffnung: Unabhängig voneinander melden sich Zeugen, die den Entführer und seine Kinder in Füssen im Allgäu gesehen haben wollen. Doch auch diese Spur verläuft im Sand. Bis es dann zur Befreiung der Kinder in Kairo kommt. Zu den Motiven der Entführung hat sich Axel H. nicht geäußert. Mutter Katja H. sagte vor der Ergreifung: "Er lebt in seiner eigenen christlichen Welt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat."