Flugzeugabsturz

Tod eines Eishockeyteams

Kurz nach dem Start soll es passiert sein. Die Maschine vom Typ Jak-42 streifte vermutlich eine Antenne, so sagten es jedenfalls Augenzeugen. Doch viel mehr weiß man noch nicht. Als Absturzursache kämen ein technischer Defekt und menschliches Versagen infrage, sagte ein Flughafenmitarbeiter ratlos.

Er wisse nur: Das Flugzeug sei um 15.50 Uhr vom Radar verschwunden. Angeblich brach es in mehrere Stücke, brennende Teile stürzten in die Wolga. Dutzende Helfer versuchten zu retten, was zu retten ist. Meist zu spät.

Denn beim Absturz des russischen Passagierflugzeugs sind vermutlich 43 Menschen ums Leben kommen. An Bord der Chartermaschine sollen sich 37 Passagiere und acht Crewmitglieder befunden haben. Darunter soll der gesamte Kader des russischen Eishockey-Erstligisten Lokomotive Jaroslawl gewesen sein, wie ein Vereinssprecher der Zeitung "Sowjetski Sport" sagte. Die Mannschaft von Lokomotive war auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel in der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Dem russischen Gesundheitsministerium zufolge sollen zwei Personen den Absturz der Chartermaschine überlebt haben: der Spieler Alexander Galimow, dessen Haut nach Medienangaben zu 80 Prozent verbrannt sein soll, und ein Bordingenieur. Galimow soll bereits operiert worden sein. Zum Team gehören auch Pavol Demitra aus der Slowakei, dreimaliger NHL-Allstar, Schwedens Olympiasieger Stefan Liv und der tschechische Weltmeister von 2010, Karel Rachunek. René Fasel, Präsident des Eishockey-Weltverbands IIHF, hat nach dem Flugzeugabsturz in Russland vom "schwärzesten Tag in der Geschichte unseres Sports" gesprochen.

Bei dieser nie da gewesenen Tragödie im russischen Sport sterben elf Ausländer, wie das Zivilschutzministerium mitteilte. Unter den Toten ist auch der 25 Jahre alte deutsche Nationalspieler Robert Dietrich, der neu im Kader von Lokomotive Jaroslawl war. Robert Dietrich wurde am 25. Juli 1986 in Ordschonikidse (Kasachstan) geboren und begann nach seinem Umzug nach Deutschland mit fünf Jahren, in Kaufbeuren Eishockey zu spielen. In der Saison 2002/2003 spielte er für die Adler Mannheim in der Deutschen Nachwuchsliga, wechselte von dort nach Peiting und eine Saison später nach Crimmitschau. Dietrich wechselte häufig den Klub, zur Saison 2010/2011 kehrte er jedoch nach Mannheim zurück. Dietrich überzeugte als Verteidiger den damaligen Bundestrainer Uwe Krupp mit seinen offensiven Qualitäten. Bei der WM 2010 im eigenen Land, bei der Deutschland Platz vier belegte, war er einer der wichtigsten Leistungsträger. Erst im Juni löste er seinen bis 2013 gültigen Vertrag mit Mannheim auf, um zu Lokomotive Jaroslawl zu wechseln. Sein Tod löste bei seinem Extrainer Harold Kreis tiefe Bestürzung aus. "Es ist ein schreckliche Tragödie. Ich kann es nicht fassen. Er hatte im Juni seinen Vertrag aufgelöst, weil er zurück nach Russland wollte", sagte Kreis. Er war bis Mitte des Jahres Dietrichs Trainer bei den Adler Mannheim.

Die Trümmer, die nur wenige Kilometer von der 500 000-Einwohner-Stadt Jaroslawl entfernt sind, sind für viele Menschen in dem Riesenreich eine neue Erinnerung daran, dass bei Flugreisen dort immer die Angst mitreist. Erst im Juni starben in Petrosawodsk bei St. Petersburg 47 Menschen. Nach jedem Unglück versprechen Präsident Medwedjew und Regierungschef Putin aufs Neue technische Überprüfungen der oft noch aus sowjetischen Zeiten stammenden Maschinen.

Immer wieder sind veraltete Technik und Verstöße gegen einfachste Sicherheitsvorkehrungen die Gründe für Unglücke. Doch Hinterbliebene beklagen oft, dass Verantwortliche kaum zur Verantwortung gezogen werden. Bei der Jak-42 handelte es sich um eine seit 1993 genutzte Maschine. Die Fluglizenz dieser Maschine, die für Promiflüge mit maximal 73 Passagieren ausgelegt war, wäre bald abgelaufen, hieß es. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein.

Russlands Präsident Medwedjew will sich heute selbst ein Bild von der Absturzstelle machen. Und einmal mehr kommen von einem Ort an der Wolga Bilder des Schreckens. Beim schwersten Schiffsunglück seit mehr als 20 Jahren waren im Juli dieses Jahres beim Untergang der "Bulgaria" mehr als 120 Menschen ums Leben gekommen.