Onkel

Anklage nach Doppelmord von Krailling

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Michael Bee

Selbst erfahrene Ermittler sagen später, dass sie so etwas Grausames noch nie gesehen haben.

Am frühen Morgen des 24. März betritt Anette S. mit ihrem Lebensgefährten ihre Wohnung im Münchner Vorort Krailling. Dort entdeckt sie ihre ermordeten Kinder, die acht Jahre alte Chiara und die elf Jahre alte Sharon. Drei Tatwaffen werden in der Wohnung gefunden: ein Messer, eine Hantel und ein Seil. Die Mordkommission "Margarete" nimmt am gleichen Tag die Ermittlungen auf. Acht Tage später wird der Onkel der Mädchen im rund 50 Kilometer entfernten Peißenberg festgenommen. Es ist der 50 Jahre alte Postbote Thomas S., selbst Vater von vier Kindern. Seine DNA-Spuren fanden sich an den Leichen und an den Tatwaffen. Zudem entdeckten Ermittler sein Blut in der Wohnung. Thomas S. ist dringend tatverdächtig.

Am Freitag, fünf Monate nach der Tat, hat die Münchner Staatsanwaltschaft nun Anklage gegen Thomas S. erhoben. "Die Ermittlungen waren sehr aufwendig. Viele Zeugen wurden vernommen, zahlreiche Spuren mussten ausgewertet werden", sagte Oberstaatsanwältin Andrea Titz dieser Zeitung. Nach dem vorläufigen Ermittlungsstand soll Thomas S. die Kinder "heimtückisch und aus Habgier" getötet haben. Ein weiterer Punkt findet sich in der 86-seitigen Anklageschrift: Thomas S. habe geplant, auch die Mutter der Kinder - seine Schwägerin - zu ermorden. Das Motiv für den Doppelmord von Krailling sollen finanzielle Schwierigkeiten sein. Die Ermittler vermuten, dass Thomas S. potenzielle Erben ermorden wollte, um an Geld aus dem Nachlass zu kommen. Möglicherweise wollte er sich aber auch an seiner Schwägerin rächen. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen. In ersten Vernehmungen hatte er die Tat abgestritten - 54 Zeugen und neun Sachverständige sollen nun in dem Prozess klären, was sich in der Tatnacht abgespielt hat.

Eine besondere Rolle im Prozess wird die 44 Jahre alte Ursula S. spielen. Sie ist die Tante der ermordeten Kinder und war mit dem mutmaßlichen Mörder verheiratet. Inzwischen hat sie sich von ihm scheiden lassen. Ursula S. hatte ihrem Ex-Mann kurz nach seiner Festnahme ein Alibi verschafft - ihre Aussage aber mittlerweile widerrufen. In einem Interview mit dem "Stern" macht sie ihn für den Doppelmord verantwortlich. Er habe sie in der Tatnacht mit Schlafmitteln betäubt, um unbemerkt die gemeinsame Wohnung zu verlassen. "Ich war wie benebelt und bin mir sicher, dass meine Betäubung Teil seines Plans war", sagt Ursula S. Zudem habe ihr damaliger Mann kurz vor der Tat ein Seil gekauft. Ein Seil, das zu den Tatwaffen gehören könnte. Genau wie eine Hantel, mit der er zu Hause trainiert habe. "Für mich gibt es keinen Zweifel, dass er es war", sagt Ursula S. Die Tante der ermordeten Kinder beschreibt ihren Ex-Mann als "ruppigen und cholerischen" Familienvater. Von den Finanzproblemen habe sie erst nach der Tat erfahren. Das Verhältnis zwischen ihrem Ex-Mann und ihrer Schwester, der Mutter von Chiara und Sharon, sei angespannt - nicht nur aufgrund von Immobilienstreitigkeiten, bei denen es um Beträge zwischen 35 000 und 50 000 Euro gegangen sei. In Briefen aus der Haft habe der mutmaßliche Mörder auch der Ex-Frau gegenüber seine Unschuld beteuert. "Der zieht seine Unschuldsnummer durch, eiskalt", sagt Ursula S. Der Prozess soll frühestens im Februar 2012 beginnen.

"Für mich gibt es keinen Zweifel, dass er es war"

Ursula S., Ex-Frau des Tatverdächtigen