Yvonne

Blinde Kuh

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Jutta Steinhoff

Aus Sicht von Kuh Yvonne hat sich ihre wochenlange Flucht in den Wald in jeder Hinsicht gelohnt - ebenso wie für viele Medien. Auf dem Weg zum Schlachter büxte sie im Mai aus, verlebte viele Wochen in Freiheit und mit Futter satt im Wald - und landete am Ende schließlich statt beim Schlachter auf einem Gnadenhof, Gut Aiderbichl, wo sie nun in Ruhe alt werden kann.

Es ist das Ende einer sehr langen Flucht, fast 98 Tage war Yvonne in den Wäldern. Ihr Schicksal hatte wochenlang selbst im Ausland für Schlagzeilen gesorgt. Was wurde nicht alles versucht, um die Flüchtige aus ihrem selbst gewählten Exil zu locken: Ihre Schwester Waltraut wurde im Wald angebunden, ein Ochse sollte locken, ein Hubschrauber überflog den Wald mehrfach und zig kuhverrückte Helfer waren bei der Suche tagelang zu Fuß unterwegs. Ohne Erfolg. Yvonne ließ sich weder von Stieren noch von Kälbern anlocken, sie ließ sich nicht erschießen und nicht füttern. Zeitungen, Fernsehsender, eigentlich alle schwärmten von der Freiheitsliebe dieser Kuh.

650 Kilo ziehen an der Leine

Doch niemand ist für immer auf der Flucht. Am Ende kam Yvonne freiwillig zurück. Zumindest anfangs. Bereits am Dienstagabend war die Kuh an einer Weide in der Nähe von Stefanskirchen aufgetaucht, auf der mehrere Kälber standen. Pächter Konrad Galneder ließ sie auf die Weide, das Gut Aiderbichl wurde informiert. Wiesner, der ehemalige Direktor des Münchener Tierparks Hellabrunn, reiste am Abend an. Er sollte die Kuh untersuchen und für den fast zweistündigen Transport zum Gandenhof betäuben.

Doch ganz ohne Schwierigkeiten ließ sich die Kuh nicht zu ihrem neuen Zuhause transportieren. Für die Fahrt musste Yvonne betäubt werden: Tierarzt Henning Wiesner hatte dafür eine Spritze und ein Blasrohr mitgebracht Der erste Schuss traf Yvonne aus zwölf Metern - aber das Betäubungsmittel wirkte nicht richtig. Nach einer Viertelstunde musste er das Blasrohr noch einmal anlegen. Yvonne wankte und schwankte - und irgendwann fiel sie doch um. "Das war kein Yvonnchen, sondern Yvonne, die Kampfkuh", sagte Wiesner. "Sie hatte nach den Wochen im Wald und all den Fangversuchen einen hohen Adrenalinspiegel. Bei einer anderen Kuh hätte wohl auch nur die erste Dosis gereicht. Doch Yvonne ist nach ihrer Wanderung jetzt ziemlich abgehärtet."

Doch es gab ein Problem: Der Traktor, der Yvonne zu dem Lkw bringen konnte, in dem sie ihre Reise antreten sollte, kam nicht an Yvonne ran, der Boden war vom Regen aufgeweicht. Die Kuh erhielt ein Gegenmittel, um die rund 30 Meter zum Traktor laufen zu können. Yvonne bekam eine Augenbinde, sie wurde angeleint, damit sie geführt werden konnte. Schließlich schafften die Helfer es, die rund 650 Kilo schwere Yvonne zum Trecker zu bugsieren, der sie dann wiederum zum Anhänger brachte. Yvonne stolperte immer wieder, fiel ein paar Mal und schaffte es schließlich. Zwei Stunden später kam sie im Gut Aiderbichel an.

Dort war die Aufregung groß, vielleicht sogar größer als die der Hauptperson. "Wir haben eine Überraschung für Yvonne", sagte etwa Aiderbichl-Gründer Michael Aufhauser, der das Eintreffen "der intelligentesten Kuh der Welt" gestern Morgen kaum abwarten konnte: "Ihren tot geglaubten Sohn Friesi." An ihm hänge Yvonne besonders, hatte er von Yvonnes Exbesitzer erfahren. Ob eine Kuh überhaupt dazu in der Lage ist, jemanden für tot zu halten oder an einem ihrer Kälber besonders zu hängen, ist dabei eher nebensächlich. Auf Aiderbichl, wo die Tierliebe regiert, nehmen Kühe fast menschliche Züge an - so können auch Friesi, Yvonnes Schwester Waltraut samt Kalb Waldi und Ochse Ernst als Unterzeichner des Plakats "Willkommen Yvonne auf Gut Aiderbichl" auftauchen.

"Es könnte ihr gar nicht besser gehen", sagte Aiderbichl-Verwalter Hans Wintersteller denn auch, als die lang gesuchte Kuh gemeinsam mit ihrem Sohn Friesi in der eigens eingerichteten Box vereint friedlich fraß. Sorgen von Helfern und Journalisten wegen eines verletzten Horns konnte Wintersteller beruhigen: "Das Horn hat sie sich schon auf der Alm in Kärnten abgerannt", erklärte er. "Das ist jetzt nur wieder ein wenig aufgeplatzt, gar nicht schlimm."

Und nun? Ende gut, alles gut? Nun, wenn Yvonne friedlich bleibt, dann kann sie noch sehr viele Jahre auf Aiderbichl inmitten ihrer engsten Familie - und derzeit rund 400 anderen vor dem Schlachthof geretteten Rindern - glücklich leben. Yvonne ist noch jung, ungefähr sechs Jahre alt. "Eine Kuh kann 35 bis 40 Jahre alt werden", sagt Aufhauser. Nur ein nochmaliges Mutterglück wird ihr auf dem Gnadenhof allerdings verwehrt, "weil alle unsere Stiere kastriert sind".

Aber wer weiß, vielleicht entschließt sich die Freiheitsliebende ja noch einmal zur Flucht.