Fernsehen

"Raus aus den Niederlanden"

Mit Ironie ist das so eine Sache: Am besten lässt man sie, denn von den wenigsten Menschen wird sie verstanden. Nur so ist wohl zu erklären, dass die Ankündigung einer Spielshow mit dem Namen "Weg van Nederland" ("Raus aus den Niederlanden"), die heute im holländischen dritten Programm ausgestrahlt werden soll, so viel Aufregung provoziert und nun sogar eine europaweite Resonanz bekommt.

"Furchtbar", "beschämend", "das darf doch wohl nicht war sein", lauten die Kommentare auf niederländischen Webseiten. Wieder einmal geht es um eine Skandalsendung, wieder einmal um einen Tabubruch im niederländischen TV

4000 Euro für ein neues Leben

Im Vorspann fliegt ein Jet durchs Bild, im Hintergrund verschwindet eine holländische Comic-Landschaft in Blau-Weiß-Rot. Das Publikum klatscht und jubelt. Die Kamera schwenkt über eine Studiokulisse, die auf den ersten Blick an eine billige Spielshow aus den 90ern erinnert, doch schaut man genauer hin, sieht man flüchtende Schatten, Wachtürme, Stacheldraht vor pinkfarbenen Hintergrund. Der Moderator lächelt: "Schön weg - wer wünscht sich das nicht?", sagt er. "Die Kandidaten von 'Weg van Nederland' aber müssen, denn sie sind ausgewiesene Asylbewerber. Aber wir lassen sie nicht mit leeren Händen gehen", sagt er und grinst. Seine beiden Assistentinnen in knappen Polizeiuniformen schütteln mitfühlend den Kopf, das Publikum jubelt.

Nein, der Gewinner von "Weg van Nederland" bekommt einen Koffer voll Geld, den eine der Assistentinnen verführerisch lächelnd nun leicht hin- und herschwenkt. Lediglich ein paar Fragen über das Land, das sie ausweist, müssen die Kandidaten richtig beantworten, dann könnten 4000 Euro bald ihnen gehören. Für einen guten Start in ihr neues Leben. Allerdings kann wie immer bei Quizshows nur einer gewinnen. Die Verlierer müssen sich mit den Trostpreisen zufriedengeben, unter anderem Blumenzwiebeln oder ein "Geselligkeitspaket".

Niederländer, denen keine Abschiebung droht, müssen sich aber auch nicht langweilen, fügt der Moderator hinzu. Auf der Webseite der Sendung können sie mitraten und - man glaubt es kaum - "einen wunderbaren Tablet-PC gewinnen und als Hauptpreis winkt gar eine Traumreise nach Curaçao".

Die Programmmacher des Senders VPRO wollen sich dazu zwar vorerst nicht verbindlich äußern. Doch alles andere als eine Inszenierung, mit der auf die Praxis der Abschiebung "durchprozessierter, abgelehnter" Asylbewerber aufmerksam gemacht werden soll, ist kaum denkbar. Zumal die Quizsendung in einem speziellen Format für Fernseh-Experimente läuft - im Rahmen der einwöchigen Aktion "TV Lab" (TV-Laboratorium). Der Sender hingegen schreibt auf seiner Homepage, dass Asylbewerber nach jahrelangem Ringen um Bleiberecht viel "über unser Land, die niederländische Sprache und die niederländische Kultur wissen", was sie zu interessanten Quizkandidaten mache. Und die 4000 Euro seien schließlich ein netter Nebenverdienst.

"Weg van Nederland" sei "eine Möglichkeit, abgelehnten Asylbewerbern ein Gesicht zu geben", sagt Roek Lips, Sendeleiter bei Nederland 3, auf dem die VPRO-Sendung laufen wird. "Bei TV Lab geht es natürlich darum, Grenzen auszuloten."

Die "Kandidaten" sind laut VPRO "gebildete" Leute - unter ihnen einen Studentin der Luftfahrttechnik, die in Kürze zurück nach Kamerun müsse, und ein Student slawischer Sprachen, der demnächst in seine Heimat Tschetschenien abgeschoben werde. Ob die Kandidaten allerdings echte Asylbewerber sind, die im Laufe des Jahres das Land verlassen müssen, wie der Sender sagt, oder ob es sich bei ihnen um Darsteller handelt, bleibt offen.

Abgeguckt bei Schlingensief?

Die Debatten über die Sendung erinnern viele an die Aufregung um eine Organspendeshow beim kommerziellen Sender BNN vor fünf Jahren. Der hatte angekündigt, dass in "De Grote Donorshow" Kandidaten, die eine neue Niere brauchen, um das Spenderorgan einer jungen, unheilbar kranken Frau kämpfen würden. Am Ende wurde die "Show" als Bluff entlarvt. Kurz vor dem Moment, in dem sich die Spenderin entscheiden musste, sagte der Moderator, dass alles nur ein Fake sei. Im selben Moment spielte die Regie ein Lachen ein. Es war das Lachen des BNN-Gründers Bart de Graaff. Er starb, weil er nicht rechtzeitig eine Spenderniere erhalten hatte. Man habe nur auf das Problem des Mangels an Spenderorganen aufmerksam machen wollen, erklärte BNN. Immerhin ließen sich seinerzeit viele Niederländer als potenzielle Organspender registrieren. Wie die Reaktionen nach der Ausstrahlung von "Weg van Nederland" ausfallen, ist ungewiss, aber schon im Vorfeld hat die Sendung für viele Diskussionen über das niederländische Asylrecht gesorgt, das in den vergangenen Jahren immer restriktiver wurde, aber den herrschenden politischen Kräften im Land noch zu liberal ist.

Völlig neu ist die Idee freilich ohnehin nicht. So mancher, der auf die VPRO-Ankündigung reagierte, verwies auf den vor einem Jahr gestorbenen deutschen Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief. Er hatte im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen mit seinem Filmprojekt "Ausländer raus! Schlingensiefs Container" für Aufsehen gesorgt. Um auf die weitverbreitete Fremdenfeindlichkeit im Westen hinzuweisen, wählte er das Modell der Voyeur-Show "Big Brother". In seinem Container agierten Asylbewerber als Kandidaten, die vom Publikum rausgewählt werden konnten - und zwar nicht bloß aus dem "Big Brother"-Haus, sondern gleich aus dem Land.