Amazonas

Bitte recht freundlich

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Michael Bee

Maria do Socorro da Silva Mendonca weiß nichts vom Internet. Sie verschickt keine E-Mails, guckt keine YouTube-Videos, und ein Facebook-Profil hat sie erst recht nicht. Schließlich lebt die 40-Jährige mitten im Regenwald, in Tumbira, einer kleinen Gemeinde im Nordwesten Brasiliens.

Dennoch könnte sie demnächst Besuch aus aller Welt bekommen. Zumindest virtuell. Denn der Internetkonzern Google will Teile des Amazonas für seinen Bilderdienst Street View fotografisch erschließen. Das US-Unternehmen schickt derzeit Dreiräder durch das unwegsame Gelände. Auf den Gefährten sind Kameras montiert, die Tausende Fotos schießen sollen. Anschließend werden sie zu einem 360-Grad-Panorama zusammengesetzt und schließlich im Internet veröffentlicht - genau wie in 20 deutschen Großstädten, wo der Straßenbilderdienst Street View im vergangenen Jahr startete.

Schwere Arbeit auf dem Dreirad

Internetnutzer sollen sich demnächst also am Bildschirm auf dem Amazonas und seinem Nebenfluss, dem Rio Negro, treiben lassen können. Fotografiert werden aber nicht nur die Flüsse selbst, sondern auch die Ufersiedlungen. Keine leichte Aufgabe, schließlich wurde das Kamera-Equipment für Großstadtstraßen entwickelt. Zum Einsatz kommen daher Kamera-Dreiräder: Eines davon ist auf dem Deck eines Bootes montiert und fotografiert in schneller Abfolge vom Wasser aus, während sich ein zweites seinen Weg am Ufer entlang bahnt. "Wir lenken unsere Dreiräder dorthin, wo die Zivilisation auf den Regenwald trifft", beschreibt Google das Projekt in einem Blogbeitrag.

Kommerzielle Interessen will das Unternehmen dabei nicht verfolgen. Vielmehr kooperieren die Kalifornier mit der brasilianischen Umweltschutzorganisation Fundação Amazonas Sustentável (FAS). Das Street-View-Projekt solle der Welt einen Einblick in das Ökosystem und das Leben der Menschen im Amazonasbecken gewähren, heißt es. Dementsprechend groß ist die Begeisterung vor Ort. "Es ist unglaublich. All diese Monate der Planung - und jetzt ist die ganze Technik hier vor Ort", sagt FAS-Projektleiter Gabriel Ribenboim. Er und seine Mitarbeiter sollen innerhalb von drei Wochen 50 Kilometer des Rio Negro erfassen.

Zugleich schult Google FAS-Mitarbeiter und Anwohner im Umgang mit der Technik. Sie sollen Strecken in Eigenregie fotografieren - und dabei auch Schulen und öffentliche Gebäude aufnehmen. Sogar auf schmalen Wanderwegen durch den Regenwald sind die Dreiräder unterwegs.

José Castro Caldas will sich das Kamerafahrzeug aus der Nähe anschauen. Es erinnert ihn an einen Forschungssatelliten, der gleich zum Mars abheben soll. "Viele kluge Köpfe bei Google müssen daran gearbeitet haben. Aber es ist lustig zu sehen, wie einfach und robust es andererseits gebaut ist", sagt der gerade in der Gemeinde Tumbira beschäftigte Architekt aus Buenos Aires. Einwände gegen Googles Fotografierwut hat hier niemand.

Möglich, dass mancher Street-View-Nutzer Lust bekommt, den Amazonas demnächst auch ganz real zu besuchen. Doch der Umweltschutzorganisation FAS gehe es um weit mehr als um touristische Werbung für die abgelegene Region. "Es ist wichtig, die Welt für die Herausforderungen des Klimawandels, für die Themen Abholzung und Armutsbekämpfung zu sensibilisieren", sagt Umweltschützer Ribenboim.

Zugleich will die Organisation zeigen, dass entgegen manchem Klischee Nachhaltigkeit für die Bewohner des Regenwaldes kein Fremdwort ist. "Abholzung ist nicht das Resultat von Dummheit", sagt FAS-Geschäftsführer Virgilio Viana. "Es ist eine wirtschaftliche Entscheidung. Wir müssen stattdessen dafür sorgen, dass die Menschen hier mit dem Regenwald Geld verdienen können." Ökologischer Tourismus und eine mit mehr Augenmaß betriebene Fischereiwirtschaft seien erste Schritte in die richtige Richtung. Auch davon sollen die Bilder im Internet erzählen. Für Google-Projektleiterin Karin Tuxen-Bettman, Spezialistin für Geoinformationssysteme, steht fest: "Sobald alle Bilder hochgeladen wurden, können wir die lokale Kultur und Schönheit des Amazonasgebietes mit jedem auf der Welt teilen, immer und überall."

Während der Internetkonzern im Nordwesten Brasiliens mit offenen Armen empfangen wird, sind seine Bilderdienste in Deutschland umstritten. Street View, eine Ergänzung von Google Maps mit Panorama-Ansichten der Straßen, war hierzulande auf heftigen Widerstand von Politik und Datenschützern gestoßen. Im November des vergangenen Jahres ging der Dienst nach mehrjährigen Verhandlungen zunächst für 20 große deutsche Städte online. Doch die Straßenansichten weisen zahlreiche Lücken auf: Mehr als 244 000 Haushalte beantragten, die Fassaden ihrer Wohnhäuser unkenntlich zu machen. Gemäß der Vereinbarung mit den Datenschützern verpixelte Google die Gebäude daraufhin. Aber nicht nur Straßen hat Google im Programm. Hinzu kommen 360-Grad-Ansichten von touristischen Attraktionen wie dem römischen Kolosseum oder dem britischen Stonehenge und weiteren Sehenswürdigkeiten des Unesco-Weltkulturerbes. Sogar die deutschen Bundesliga-Stadien sind zu besichtigen.

Über Datenschutzprobleme machen sich die Bewohner von Tumbira keine Gedanken. Maria do Socorro da Silva Mendonca jedenfalls gefällt die Idee, dass sie demnächst virtuellen Besuch aus aller Welt bekommt. "Ich finde das großartig, denn unsere Gemeinde ist sonst überhaupt nicht bekannt", sagt sie. "Keiner weiß, dass es uns gibt." Das dürfte sich bald ändern.

( mit afp )