Von Menschen und Mäusen

Es ist ein Teil der deutschen Geschichte, dass wir das "Micky Maus"-Heft kennen und nicht das "Donald Duck"-Heft, wie in den meisten anderen europäischen Ländern. Dort wurde vor 60 Jahren Donald die Titelfigur der Disney-Hefte. In Deutschland jedoch war Micky im Jahr 1951 wesentlicher bekannter als Donald.

"Micky Maus"-Filme waren schon seit 1930 in Deutschland gezeigt worden, bis zum Ende des Krieges wurde aber nur ein einziger Trickfilm mit Donald in einer Nebenrolle in deutschen Kinos ausgestrahlt. Walt Disney hatte 1935 den Export seiner Trickfilme ins damalige Deutsche Reich gestoppt.

Heimlich unter der Schulbank oder mit der Taschenlampe unter der Bettdecke - so lasen viele Kinder dann ihr vom Taschengeld selbst gekauftes Comic. 75 Pfennig kostete "Micky Maus - Das bunte Monatsheft", gedruckt im für damalige Verhältnisse einzigartigen Vierfarb-Kupfertiefdruck bei W. Girardet in Essen. Für ein Jahresabonnement mit zwölf Ausgaben musste man neun D-Mark hinlegen. Viel Geld im Nachkriegsdeutschland, in dem ein Industriefacharbeiter rund 80 D-Mark brutto in der Woche verdiente.

Und sie erfanden "Zack"!

Micky Maus war zudem nicht überall willkommen. In der DDR stand das Heft auf dem Index für verbotene Lektüre. Für die Machthaber galt die Maus als Inbegriff des kapitalistischen Westens. Doch auch in der Bundesrepublik galten Comics bei manchen als "Schundhefte". Die Bildergeschichten mit den Sprechblasen wurden als "anspruchslose Hefte für Analphabeten" geschmäht, die zu "Verblödung", einer "völligen Verflachung des Verstandes" und "Gefühlsverrohung" führen würden. Wieder andere befürchteten wegen der lautmalerischen Sprechblasen ("Hmpf") einen Verfall der deutschen Sprache. Sogar gerichtlich sollte das Heft verboten werden. Am 29. August 1951 war also noch lange nicht klar, ob Walt Disneys Maus - weltweit bereits ein Kinostar - auch bei jungen deutschen Lesern ankommen würde. Von den rund 300 000 Exemplaren der deutschen Erstausgabe wurden nicht mal die Hälfte verkauft. Die übrigen Hefte wurden remittiert und als kostenlose Werbeexemplare an Schulen verteilt oder in den Reißwolf geworfen.

Sechzig Jahre später kennt fast jeder die Abenteuer von Micky, Donald, Pluto, Dagobert, Daniel Düsentrieb, den Panzerknackern und all den anderen Bewohnern von Entenhausen. "Generationen von Kindern haben mit der Micky Maus lesen gelernt", sagt "Micky Maus"-Chefredakteur Peter Höpfner. Bis heute wurden 1,2 Milliarden Hefte verkauft. Das Geschäft mit dem wöchentlich erscheinenden Magazin sei stabil, heißt es beim Egmont Ehapa Verlag. Eine gut erhaltene "Micky Maus"-Erstausgabe hat einen Sammlerwert von rund 13 000 Euro.

Deutsche Ausgabe entsteht in Berlin

Dass schließlich auch Eltern und Pädagogen die Bewohner Entenhausens ins Herz schlossen, ist vor allem Erika Fuchs zu verdanken. Über die Sprachschöpfungen, Übersetzungen und Literaturanspielungen von Fuchs ("Dem Ingeniör ist nichts zu schwör"), der ersten "Micky Maus"-Chefredakteurin, wurden wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben. Ihr "Erikativ", der Verben auf ihren Wortstamm reduzierte, fand als "Grummel", "Ächz", "Würg" und "Bibber" Eingang in die Alltagssprache. Gerne versteckte sie in den Sprechblasen auch die eine oder andere literarische Anspielung. Bis heute vermeiden die "Micky Maus"-Macher Anglizismen. Auf "sauberes, bestmögliches Deutsch" werde Wert gelegt, sagt Höpfner.

Angefangen hat alles mit drei Kreisen. In den USA entwickelten Walt Disney und der Zeichner Ub Iwerks einen runden Kopf mit zwei runden Ohren und erfanden Micky Maus. 1948 erwarb der dänische Egmont Verlag die Rechte an der Veröffentlichung von Disney-Comics für Skandinavien und die deutschsprachigen Länder. Bis heute ist die Comic-Zentralredaktion in Kopenhagen. "Die Zeichner und Autoren sitzen in aller Welt", so Höpfner. Auch in der 2906. Ausgabe ist noch jedes Bild von Hand gemalt.

Übersetzt wird in Deutschland, in Berlin entsteht auch der redaktionelle Teil des 52-seitigen Heftes mit Rätseln, Witzen und Beiträgen von Umweltschutz, Kino, Fußball bis Bundestagswahl. Sex, Gewalt, Religion und politische Meinungen sind tabu im "Micky Maus Magazin". Entenhausen-Geschichten erscheinen in 27 Sprachen und 29 Ländern - darunter in China, Russland, Polen, Island und Brasilien. In den USA selbst gibt es allerdings kein "Micky Maus"-Heft.

Der mit Abstand beliebteste Einwohner von Entenhausen ist in den meisten Ländern übrigens dementsprechend auch nicht Micky, sondern Donald Duck. "Micky ist ein toller Kerl. Er weiß alles, ihm gelingt alles. Aber manchmal ist er ein bisschen streberhaft. Donald dagegen ist nichts Menschliches fremd, er hat unter seiner Matrosenbluse das Herz auf dem richtigen Fleck", sagt Höpfner. "Er ist einer von uns. Deshalb ist uns der Erpel schlicht und einfach näher."

Medienpsychologe Jo Groebel glaubt, dass Micky, Donald und Co. uns noch lange begleiten werden. "Weil sie uns direkt ins Herz gehen", sagt er. Die pfiffige Micky Maus, Pechvogel Donald, der fiese Kater Karlo - das seien Figuren des normalen Lebens. "Und wir finden uns in ihnen wieder."

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