Hurrikan

Amerika in Angst vor "Irene"

Omar Gonzalez ist zwölf Jahre alt, er ist mit seinen Eltern aus Mittelamerika in die Stadt der Hoffnung ausgewandert, aber jetzt hat Omar einfach nur Angst in New York. Der Junge, der ein gebrochenes Englisch spricht, muss wohl zwei Nächte in einer Notunterkunft verbringen, einer eilig hergerichteten öffentlichen Schule. Die Menschen um ihn herum sind hektisch, sein Hund hat Hunger, aber kein Futter

. Erwachsene spekulieren panisch über das nahende Hochwasser, über zerstörte Häuser und mögliche Tote, so wie 1938, als der letzte Hurrikan 564 Menschenleben in der Großregion kostete und als "Long Island Express" schlimme Zerstörungen auch im 70 Kilometer vom Sturmkern entfernten New York City anrichtete.

Hamsterkäufe vor dem Sturm

Diesmal heißt der Monstersturm "Irene". Ein Hurrikan, wie ihn die Ostküste seit zwei Generationen nicht erlebt hat. "Irene", die wütende Dame aus der Karibik, ist am Sonnabendmorgen (Ortszeit) nahe Jacksonville in North Carolina an Land gegangen, hat sich auf ihrem Kriegspfad entlang der Ostküste etwas abgeschwächt, vom Sturm der Kategorie drei zu einem der Kategorie eins. Das bedeutet immer noch Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Stundenkilometern, vor allem an der zerstörerischen Ostflanke der gegen den Uhrzeigersinn nach Norden wirbelnden "Irene". Rund 20 Kilometer pro Stunde arbeitet, wütet, sägt und mäht sich das Auge von "Irene" die Küste hinauf. Das ist quälend langsam, verglichen mit den meisten anderen Sommerstürmen. Umso mehr Regenstunden, gespeist aus der Karibik und nachgefüllt über dem Atlantik, werden sich über die Menschen der Ostküste entladen, bis hinauf nach Massachusetts und weiter nach Kanada. In North Carolina und Virginia ließ "Irene" eine Million Haushalte ohne Strom. Mindestens vier Menschen starben in dem Unwetter. In Potomac in Maryland waren schon am Freitag beim Lebensmittelriesen "Giant" die Trinkwasservorräte weggehamstert worden. In Washington DC reihte der noch 24 Stunden entfernte Hurrikan die Hauptstädter in der Furcht vor einem tagelangen Zusammenbruch der Infrastruktur zu langen Warteschlangen in Supermärkten und an Tankstellen auf. In Virginia Beach töteten die Sturmwogen einen leichtsinnigen Surfer.

Und dann ist da New York, die Weltstadt, die das Leben in allen Varianten zu kennen glaubt, die vor zehn Jahren einem verheerenden Terrorschlag trotzte und die in ihrer oft heroischen, manchmal verstörenden Maßlosigkeit verlernt hat, die Natur ernst zu nehmen. "Wir haben die Kraft von Mutter Natur in dieser Woche schon einmal erlebt", mahnte Bürgermeister Michael Bloomberg, "und Mutter Natur ist möglicherweise noch nicht fertig mit uns." Am Dienstag war New York von einem Jahrhunderterdbeben mächtig durchgeschüttelt worden. Nennenswerte Zerstörungen gab es nicht. Das droht jetzt anders zu werden. Wegen "Irene" wurden 370 000 der rund acht Millionen Einwohner der Ostküstenmetropole seit Freitag zur Zwangsevakuierung aufgerufen. Teure Adressen rund um Battery Park und den Financial District in Manhattan gehören ebenso dazu wie heruntergekommene Siedlungen auf Coney Island, dem halbinselartigen Südzipfel von Brooklyn, und große Teile der Rockaways, der durchmischten Landzunge vor Queens. In der Metropolenregion leben insgesamt 18 Millionen Menschen. Und auf seinem gesamten Weg im Osten der USA wird der Hurrikan seine Kraft etwa 65 Millionen Menschen spüren lassen.

Wütet der Hurrikan, wie vorausgesagt, als Sturm der Kategorie eins in New York, hat er immer noch eine zerstörerische Windgeschwindigkeit. Dann drückt das Wasser über den Hafen in die Straßen, Subway-Stationen werden überflutet. Sollte "Irene" sich ausweiten zur Kategorie zwei, steht das Rollfeld des Flughafens John F. Kennedy bis zu einem Meter unter Wasser. Die Tunnel nach und von Manhattan drohen abzusaufen.

Der Betrieb auf dem Kennedy-Airport und vier weiteren Flughäfen wurde am Sonnabend eingestellt. Mehr als 60 000 Flüge waren bereits vorab gestrichen worden. Die Lufthansa "cancelte" am Sonnabend sieben Flüge von Frankfurt, München und Düsseldorf nach New York. Bürgermeister Bloomberg kündigte morgens um 9.30 Uhr zudem für die Mittagsstunde die Schließung der 468 U-Bahn-Stationen mit ihren über 750 Streckenkilometern an. Das gab es noch nie seit der Eröffnung der Subway 1904 in der Stadt, die niemals schläft. Tausende von Bussen wurden zurückbeordert in die Depots.

Lufthansa streicht Flüge

"Verlassen Sie Ihre Wohnung jetzt, warten Sie nicht länger", rief Bloomberg die Menschen in den von Hochwasser bedrohten Stadtteilen auf, die zur "Zone A" gerechnet werden. Wer dem Appell nicht folgt, muss nicht mit Strafe rechnen. Aber wer bleibt, gefährdet sein Leben und das Leben von Rettungskräften.

New York ohne Subway ist wie Venedig ohne Wasserstraßen. New York ohne Flughafen ist wie Cape Canaveral ohne Raketen. New York ohne Busse ist wie ein Körper ohne Blutbahnen. Zehn Sonderteams hat die Feuerwehr aufgestellt. Sie haben ihren Fahrzeugpark provisorisch erweitert, zum Teil um Schulbusse, in denen Verletzte evakuiert werden können - falls Straßen passierbar sind.

Bürgermeister Bloomberg sagt, dass 70 000 Notfallpatienten versorgt werden können. Schlafplätze in dieser Zahl gibt es nicht, zumal etliche Krankenhäuser, Alters- und Kinderheime ebenfalls evakuiert wurden. Die 200 Patienten eines einzigen Hospitals wurden am Freitag auf 17 verschiedene Adressen, zumeist weit entfernt von New York City, verlegt.

"Wartet nicht, zögert nicht", forderte auch Barack Obama die Menschen auf, sich in Sicherheit zu bringen. Der Präsident hatte seinen Urlaub auf der Insel Martha's Vineyard vor der Küste Bostons um einen Tag verkürzt und war am Freitagabend nach Washington zurückgekehrt. Der herannahende Hurrikan habe "historische" Ausmaße, warnte Obama.