Unwetter in den USA

Ein "historischer Hurrikan"

"Irene" heißt der Monstersturm. "Irene" hat Kurs genommen von der Karibik auf die Ostküste der USA. Sie bedroht 65 Millionen Menschen. Ihre fürchterlichen Muskeln hat "Irene" schon weit im Voraus gezeigt.

In North Carolina, Virginia, Maryland, New York, New Jersey, Connecticut und in einzelnen Bezirken von South Carolina wurde wegen des herannahenden Hurrikans der Notstand ausgerufen. Touristen in Dare County, dem größten Bezirk North Carolinas, wurden zwangsevakuiert. Washington DC sagte die für Sonntag geplante Einweihung des Martin-Luther-King-Denkmals ab, für die Hauptstadt eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres mit Präsident Obama als Festredner. Dieser ermahnte die Amerikaner stattdessen, den Sturm sehr ernst zu nehmen, alle Informationen besagten, dass es sich um einen "historischen Hurrikan" handeln werde.

In New York erwog Bürgermeister Michael Bloomberg am Freitag mögliche Zwangsräumungen von Teilen Manhattans. Dort gab es seit Generationen keinen Hurrikan mehr. Doch an diesem Wochenende könnte der Flughafen John F. Kennedy von fünfeinhalb Fuß hohen Wassermassen überflutet werden.

Könnte. Der wahrscheinlichste Kurs der mächtigen Dame "Irene" würde die Küstenlinie verwüsten, von Virginia über Delaware bis Massachusetts. Noch hoffen die Meteorologen auf eine Abweichung einige Meilen weiter östlich auf den offenen Atlantik. Ins Landesinnere wird der Hurrikan hingegen kaum abdrehen. Und gewaltige Stürme an der Peripherie wird es auf jeden Fall geben.

"Prepare for the worst, pray for the best", rief Beverly Perdue, die Gouverneurin von North Carolina mit dem nicht viel Hoffnung verbreitenden Nachnamen, ihre Bürger auf. Auf das Schlimmste gefasst sein, fürs Beste beten. Perdue appellierte am Freitag an Präsident Obama, den nationalen Notstand auszurufen.

"Irene" ruft Erinnerungen wach an den "Großen Neuengland-Hurrikan" des Jahres 1938, der auf Long Island, in Connecticut und Rhode Island 564 Menschen tötete und 1700 verletzte. Er war einer der schlimmsten Stürme, die die Region je heimsuchten.

"Irenes" Vorboten zeigten sich harmlos. "Die Gartenparty am Samstag ist abgesagt", informierte eine Diplomatin am in Washington. Ein Luxusproblem. Und auch das Ungemach für Erica Jackson bewegt sich im anekdotischen Bereich. "Seit ich ein kleines Mädchen war, träumte ich von einer Hochzeit am Strand", sagt die junge Frau aus Tennessee. Sie wollte in der kleinen Kapelle in Myrtle Beach in South Carolina heiraten und war mit ihrem Verlobten bereits angereist. Als die Vorhersagen immer bedrohlicher wurden, ließ das Paar eine wenig romantische Eilzeremonie ohne die Gäste durchführen und fuhr wieder heim. Vier weitere Hochzeiten wurden ebenfalls gecancelt.

Im Internet kursiert ein Foto, das einen weißen Hai in einer von "Irene" überfluteten Straße von Puerto Rico zeigt. Das Foto ist eine Fälschung. Aber der Hurrikan ist kein Witz. Er fegte Anfang der Woche mit 185 Stundenkilometern über die Bahamas. Auf Santo Domingo wurden zunächst drei Todesopfer bestätigt. Es gibt vermisste Menschen in unbekannter Zahl und rund 37 000 Evakuierte, die nicht wissen, ob ihr Heim noch steht.

Die atlantische Hurrikan-Saison dauert von Juni bis November. Doch weiter im Norden der Ostküste sind Hurrikane eigentlich nicht vorgesehen. Ähnlich wie größere Erdbeben. Aber dann zitterte die Erde am Dienstag in der Gesamtregion, von Virginia über Washington und New York bis Boston, mit einer Stärke von 5,8. Über 100 Jahre lag das letzte Erdbeben dieser Kategorie zurück.

Ein Hurrikan ist kein Sturm. Ein Hurrikan ist auch kein Tornado. Ein Hurrikan ist ein Unwettergigant aus den Tropen von gigantischen Ausmaßen und mit unvorstellbarer Kraft. Hurrikane entstehen durch das Aufeinandertreffen von wärmeren und kälteren Luftmassen. Um einen ruhigen Kern, "das Auge des Hurrikans", mit einem möglichen Durchmesser von bis zu 50 Kilometern, wirbelt ein Spiralsturm, der 650 Kilometer lang und breit sein kann. Ein Tornado hat hingegen einen Gesamtradius von weniger als zwei Meilen. Und Tornados klingen in der Regel nach zehn Minuten ab. Hurrikane dauern oft viele Stunden, über dem offenen Meer mitunter gar zwei Wochen.

Dann auch noch Vollmond

Der Sturm ist das eine. Er kann Häuser abdecken und selbst solide, gemauerte Gebäude bis auf das Fundament vernichten. Er schleudert Trümmer und Gegenstände durch Fenster, auf Straßen, in Autos. Und er bringt aus den Tropen eine feuchte Luft mit, die sich danach in sintflutartigem Regen entlädt. Hochwasser, Stromausfälle, heruntergefahrene Kraftwerke sind die Folgen. Wenn dann wieder eine Hitzewelle folgt, schweben vor allem ältere und kranke Menschen sogar in jenen Häusern in Lebensgefahr, die den Hurrikan überstanden haben, aber nun nicht mehr über eine funktionierende Klimaanlage verfügen. Rettungsmaßnahmen werden schwierig bis unmöglich, wenn Straßen überflutet sind und niemand voraussagen kann, was mit Brücken passiert. Die Eisenbahngesellschaft Amtrak hat Zugverbindungen in der Region für das Wochenende ausgesetzt. Von den Airports werden seit Mitte der Woche Flugzeuge weggeflogen, um sie vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Ein Verkehrschaos ist programmiert.

In New York und New Jersey wird der Hurrikan zudem auf Bedingungen treffen, die für ihn ideal und für die Menschen dramatisch sind. Wegen Vollmonds ist die Flut besonders hoch. Schäumt der Monstersturm die Wogen auf, können Küstenregionen von einem mehrere Meter messenden Hochwasser heimgesucht werden.

",Irene' droht tödlich zu werden", warnte am Freitag Martin O'Malley, der Gouverneur von Maryland. "Wer glaubt, das kann ein normaler Hurrikan werden, ist dumm und ignorant." Er rief dazu auf, Häuser vor allem in Küstennähe umgehend zu verlassen. Aber der letzte Hurrikan liegt schon so lange zurück. Längst nicht jeder ist überzeugt, dass es so schlimm wird.