Entführung

Flucht durch den Stacheldraht

Die Vorbereitungen, die Thomas F. für seinen Plan traf, waren den Anwohnern in der ruhigen Wohnstraße nicht verborgen geblieben. Hier, im Hamburger Stadtteil Barmbek, sicherte der 30-Jährige das Fenster zum Hof in seiner Erdgeschosswohnung mit einem Gitter, das er selbst aus Stacheldraht gezogen hatte.

Dekorativ webte er dabei ein Vogelhäuschen in die mit Spitzen gespickten Drähte ein. Die Fenster verklebte er sorgsam mit Folie. Wer Verdacht schöpfte, dem sagte Thomas F., dass er sich schützen wolle. In Wirklichkeit baute der bereits als Stalker einschlägig bekannte Mann in seiner Wohnung ein Verlies. Ein schalldichtes Gefängnis für sein Opfer, eine 26 Jahre alte Frau, die er am Freitag in seine Wohnung verschleppte und dort offenbar wochenlang gefangen halten, foltern und missbrauchen wollte. Doch die Frau konnte sich befreien - und fliehen.

Anwohner alarmierten die Polizei, die den schwer bewaffneten Täter festnahm. Thomas F. sitzt nun in Untersuchungshaft; in den kommenden Tagen soll er eingehend befragt werden. Auch dazu, wie er über Wochen detailliert und unbemerkt die Entführung und Einkerkerung der 26-Jährigen geplant hat - direkt unter den Augen seiner Nachbarn. "Natürlich hat man das geglaubt", sagt einer von ihnen zum Vorwand, sich gegen Einbruch schützen zu wollen. So habe Thomas F., auf den Stacheldraht angesprochen, behauptet, dass er seit 16 Jahren dort wohne und bereits dreimal Einbrecher eingestiegen seien. "Seinen wirklichen Plan konnte man doch nicht erahnen. Das ist doch einfach nur krank."

Handschellen und Folterinstrumente

Freitagabend setzte Thomas F. sein Vorhaben um. Mit einer Pistole bewaffnet, fuhr er zur Wohnung seines Opfers. Die junge Iranerin, die der Mann über einen Arbeitskollegen kennengelernt hatte, öffnete arglos die Tür. Der Mann zog seine Waffe und entführte sie in seine Wohnung. Was die Frau dort erblickte, muss sie in Panik versetzt haben: Mitten im Wohnzimmer der kleinen Zweizimmerwohnung hatte der 30-Jährige ein schalldichtes Verlies errichtet. Offenbar sollte die Gefangenschaft der Frau in der lediglich 50 Quadratmeter großen Wohnung längere Zeit dauern. Polizisten entdeckten in der Wohnung auch Vorräte, die der Mann offensichtlich für die Tat angelegt hatte. Was er mit seinem Opfer vorhatte, lässt sich nur erahnen. Es sollen zahlreiche Folterwerkzeuge, medizinische Instrumente und Fesselungsvorrichtungen wie Handschellen gewesen sein, die Polizisten sicherstellten.

Die junge Frau hatte Glück. Als Thomas F. sie nur einmal kurz aus den Augen ließ, rannte sie aus dem Wohnzimmer in die Küche. Die Todesangst verlieh ihr große Kräfte. Sie riss das Fenster aus den Angeln und zwängte sich durch das Gewirr aus Stacheldraht, das eigentlich jede Flucht unmöglich machen sollte. Dann lief die geschockte Frau zu einem Bekannten. Erst später rief sie von dort die Polizei. Die war zu dem Zeitpunkt bereits an der Wohnung mit dem Verlies. Denn Nachbarn hatten die Flucht gesehen und auch Thomas F. bemerkt, der kurz darauf die Verfolgung seines Opfers aufgenommen hatte. Sie alarmierten die Polizei. Als Thomas F. zu seiner Wohnung zurückkam, warteten dort bereits die Beamten, die unterdessen das Verlies entdeckt hatten. "Er hatte die Verfolgung der Frau so überhastet aufgenommen, dass er die Wohnungstür offen gelassen hatte", sagte ein Polizist. "Als er zurückkam, ließ er sich widerstandslos festnehmen. Dabei hatte er eine scharfe Schusswaffe und eine scharfe Handgranate bei sich." In Handschellen wurde der Mann abgeführt. In die offensichtlich kranke Fantasiewelt von Thomas F. bekam die Polizei keinen Einblick: Er macht von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

"Wir wissen, dass er die Frau offensichtlich schon länger kannte und sie immer wieder mit Anrufen oder SMS kontaktierte", so ein Beamter. In den kommenden Tagen wollen Beamte der Fachdienststelle für Sexualdelikte den Mann befragen. Dazu sollen auch die in seiner Wohnung gefundenen Sachen ausgewertet werden. "Wir gehen davon aus, dass es eine sehr gezielte und sehr langwierige Vorbereitung der Tat gab", sagte ein Polizist. Vor allem die Beschaffung der Pistole und der Handgranate, die unter das Kriegswaffengesetz fällt, dürfte nicht einfach gewesen sein

In dem Haus, in dem Thomas F. wohnte, sind die direkten Nachbarn, fast durchweg Frauen, schockiert. "Er war jemand, den man kaum wahrnahm, der mit gesenktem Blick an einem vorbei ging und jedem Gespräch eher auswich", so eine Anwohnerin. Dass Thomas F. gegenüber Frauen ein gestörtes Verhältnis hatte, war den Behörden bekannt. Gegen ihn liefen bereits Verfahren wegen Körperverletzung, Verstoß gegen das Gewaltschutzgesetz oder Stalking von mehreren Frauen.

"Solche Täter steigern sich immer mehr in ihre Fantasien hinein", sagt der Kriminologe Dr. Wolf Kemper von der Uni Lüneburg. "Sie wollen besitzen. Die Menschen, die sie begehren, sind für sie nur Objekte, um die sie sich keine Gedanken machen. Solche Täter, gerade wenn sie zurückgewiesen werden, sind brandgefährlich."

"Seinen wirklichen Plan konnte man doch nicht erahnen. Das ist doch einfach nur krank"

Ein Nachbar über den Verlies-Bau von Thomas F.