Fehlurteile

"Ich werde meinen Namen reinwaschen"

Das Verbrechen, das am Anfang stand, ist fast zu schrecklich, um es zu beschreiben. Der Richterspruch, der danach folgte, war auf ganz andere Art und Weise grausam. Es geht um die brutale Vernichtung des Lebens dreier kleiner Jungen und die anschließende Zerstörung des Lebens dreier Jugendlicher, die 1994 wegen der ihnen zu Last gelegten Morde zu lebenslanger Haft und sogar zum Tode verurteilt wurden.

Doch sie waren offenkundig unschuldig. Am Freitag verließen Damien Echols, Jason Baldwin und Jessie Misskelley, inzwischen Mittdreißiger, nach fast zwei Jahrzehnten im Gefängnis und einem befremdlichen Kuhhandel mit den Strafverfolgungsbehörden das Bezirksgericht in Jonesboro in Arkansas. Ganz Amerika diskutiert jetzt über einen Justizskandal - und über die bedrückende Erkenntnis, dass der oder die wahren Kindermörder nie zur Rechenschaft gezogen wurden.

Gefesselte Leichen

Im Mai 1993 waren die nackten und gefesselten Leichen der drei achtjährigen Jungen in einem Abwasserkanal in Robin Hood Hill, einer waldigen Gegend nahe dem ärmlichen Städtchen West Memphis im amerikanischen Bundesstaat Arkansas gefunden. Medien in den gesamten USA berichteten, das Entsetzen war groß. Die Polizei brauchte dringend einen raschen Fahndungserfolg.

Ins Fadenkreuz gerieten Damien, Jessie, damals beide 18, und der 16-jährige Jason. Die drei weißen Jugendlichen aus zum Teil sehr einfachen Verhältnissen waren Sonderlinge. Damien galt als ihr Anführer. Ein intelligenter Junge auf dem Weg in dubiose Milieus. Gemeinsam hörten sie Heavy-Metal-Musik, kleideten sich schwarz und hingen dem neuheidnischen Wicca-Glauben an. Ihnen schien einfach alles recht zu sein, was die kleinbürgerliche Gesellschaft um sie herum provozierte. Gerüchte über Teufelsanbeterei machten die Runde. Rasch entstand der Verdacht, die Kinder seien Opfer eines Satanskults geworden.

Die Verdächtigen stritten in Verhören die schreckliche Tat und jedes Wissen darüber ab. Jessie allerdings, ein Jugendlicher mit einem Intelligenzquotienten, der knapp über dem Schwachsinn lag, kapitulierte nach einer zwölfstündigen Vernehmung und räumte die Tat ein. Er sei dabei gewesen, sagte er auf bis heute überlieferten Tonbändern, als Damien und Jason das Verbrechen begingen.

Viele Details seines Geständnisses, angefangen bei der Tatzeit, widersprachen vollständig den polizeilichen Ermittlungen. Zudem widerrief Jessie sein Geständnis bald. Im Gerichtsverfahren weigerte er sich dann vollends, seine beiden Freunde zu belasten.

Doch da hatte sich die Schlinge bereits zugezogen. Zeugen tauchten auf, die aussagten, sie hätten die drei Jugendlichen über die Bluttat sprechen hören. Im Februar 1994 verurteilte eine Jury in West Memphis, der das ursprüngliche Geständnis vorgespielt worden war, Jessie Misskelley zu lebenslänglicher Haft.

Der Prozess gegen Damien und Jason fand gesondert in Jonesboro statt. Er war komplizierter, weil die beiden Beschuldigten weiterhin die Tat abstritten und Jessie den Rückzieher gemacht hatte.

Trotz dieses eklatanten Mangels an Beweisen kam es schließlich zur Verurteilung der beiden jungen Männer wegen dreifachen Mordes. Jason erhielt Lebenslänglich, Damien als Anführer der vermeintlich satanistischen Bande gar die Todesstrafe. Die Angst vor dem Umgreifen teuflischer Kulte unter Jugendlichen war damals in den USA gewaltig.

Doch die Indizienkette war so dünn, dass sich eine massive Protestbewegung gegen den spektakulären Richterspruch entwickelte. Prominente wie der Schauspieler Johnny Depp und Eddie Vedder von der Gruppe "Pearl Jam" engagierten sich für die "West-Memphis Three". Es gab Benefizkonzerte und immer wieder Berichte in nationalen Medien. Drei Dokumentarfilme, darunter "Paradise Lost" wurden über den Fall gedreht. Der eloquente Damien ließ sich mehrfach interviewen und beteuerte fortlaufend seine und der Freunde Unschuld.

Öffentlicher Druck

Selbst einzelne Angehörige der ermordeten Kinder, darunter eine Mutter und ein Vater, zweifelten die Urteile inzwischen öffentlich an.

Auch seinerzeit sichergestellte und erst im Jahr 2007 mittels neuer Techniken ausgewertete DNA-Spuren an den Kinderleichen belasteten die vermeintlichen Täter nicht. Hingegen wurde genetisches Material vom Stiefvater eines der getöteten Jungen gefunden. Das muss kein Tathinweis sein, sondern kann der familiären Nähe geschuldet sein. Jedenfalls stand wegen des öffentlichen Drucks der Fall kurz vor einer Wiederaufnahme und einem neuen Prozess.

Darum traten die Justizbehörden jetzt die Flucht nach vorne an. Mit dem selten angewendeten Mittel des "Alford-Eingeständnis" ließen sie die drei Männer frei, nachdem diese formell anerkannt hatten, dass der Staat über Beweise für ihre Schuld verfüge. Zugleich bekräftigten die Männer ihre Unschuld. Die Strafe wurde daraufhin auf jene 18 Jahre verkürzt, die sie bereits abgeleistet haben. Eine rechtliche absurde Konstruktion. Kein Gericht der USA würde Kindermörder, von deren Schuld sie überzeugt sind, nach dieser kurzen Zeit gehen lassen.

"Ich bin müde", sagte Damien Echols nach der Freilassung. Er und seine ebenso erschöpft wirkenden Freunde kündigten aber auch an, für ihre völlige Rehabilitierung zu kämpfen. Echols gab zu Protokoll: "Ich werde meinen Namen reinwaschen."