Interview mit Freddy Nock

Balanceakt auf der Zugspitze

Am Samstag will der Hochseilartist Freddy Nock auf dem Tragseil der Gletscherbahn zur Zugspitze laufen, eine Strecke von 995 Metern auf einem fünf Zentimeter dicken Stahlseil bei einer Steigung von bis zu 56 Prozent - ungesichert und erstmals ohne Balancierstange. Es ist der Auftakt einer Tour, bei der Nock sieben Weltrekorde in sieben Tagen brechen will. Michael Bee sprach mit dem 46-Jährigen über Angst, Adrenalin und hübsche Ablenkungen.

Berliner Morgenpost: Grüß Gott, Herr Nock. Sind Sie verrückt?

Freddy Nock: Verrückt? Nee, nee. Ich denke nicht, dass ich verrückt bin. Das höre ich zwar immer wieder, aber sehr viele Leute stehen hinter mir und glauben an mich. Ich bin ein Profi, ich weiß, was ich mache.

Berliner Morgenpost: Was geht einem durch den Kopf, wenn man über den Abgrund läuft?

Freddy Nock: Ich mache das schon jahrelang. Da hat man nur seine Arbeit im Kopf, ich mache nun mal meinen Job, das läuft automatisch. Wenn ich eine Balancierstange dabei habe, fühle ich mich absolut sicher, da kann ich auch schon mal das Panorama genießen. Oder ich überlege mir, welche Projekte ich als nächstes in Angriff nehme. Ohne Stange muss ich mich auf jede Bewegung konzentrieren, die Schwingungen des Seils ausgleichen, den Wind spüren.

Berliner Morgenpost: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, auf dem Tragseil einer Bergbahn zu laufen?

Freddy Nock: Den Traum hatte ich schon als Kind. Ich bin mit meinen Eltern die Zugspitze raufgefahren und hab gesagt: Da will ich drüber laufen. Und meine Eltern antworteten: Das geht nicht. Aber vor zwei Jahren hab ich's mit Stange geschafft.

Berliner Morgenpost: Wenn man Sie bei Ihren Seilläufen beobachtet, sieht das eigentlich aus wie ein lockerer Spaziergang.

Freddy Nock: Das täuscht, es ist sehr anstrengend. Aber das kommt auch immer auf mein Gefühl an. Als ich 2009 das erste Mal die Zugspitze hochgelaufen bin, hab ich gedacht: Die Strecke könnte ich direkt noch mal laufen.

Berliner Morgenpost: Wie bereitet man sich auf so etwas vor?

Freddy Nock: Ich gehe die Bewegungen im Kopf durch und bereite mich auf den Adrenalinschub vor, der einsetzt, sobald ich auf dem Seil bin. Das sind wahnsinnige Energien, auf die man sich mental einstellen muss.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie schon keine Angst vor dem Absturz haben: Was Sie fürchten denn?

Freddy Nock: Ich habe Angst vor Haien, wenn ich im Meer schwimme. Und vorm Flugzeugfliegen oder einer Zugfahrt. Dinge, über die ich keine Kontrolle habe, die ich nicht beeinflussen kann, machen mir Angst.

Berliner Morgenpost: Mit 18 stürzten Sie vom Seil, brachen sich beide Handgelenke. Was war Ihr Fehler?

Freddy Nock: Ich war dumm. Ich hab gedacht, ich bin der beste, ich kann alles. Eine hübsche, blonde Frau saß in der Loge, ich wollte ihr imponieren. Durch den Sturz habe ich gelernt, vorsichtiger zu sein, noch härter zu trainieren, sich nicht ablenken zu lassen.

Berliner Morgenpost: Welche Herausforderung ist noch offen? Wie wollen Sie sich künftig überbieten?

Freddy Nock: Ich habe ständig was in meinem Kopf, die Niagarafälle zum Beispiel, den Grand Canyon. Früher war es zum Beispiel technisch nicht möglich, ein Seil über einen See zu spannen. Mittlerweile geht das. So was kann nicht jeder machen kann. Weil es niemand anderen auf der Welt gibt, der meine Technik hat. Und ich würde niemandem raten, das nachzumachen.