Geburtenrate

Ein bisschen Babyboom

Die gute Nachricht zuerst: Deutsche Frauen bekommen wieder mehr Kinder. Die durchschnittliche Kinderzahl einer Frau lag im vergangenen Jahr bei 1,39 und war damit etwas höher als 2009, als Frauen im Bundesdurchschnitt nur 1,36 Kinder zur Welt brachten. Die Geburtenrate, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag für 2010 bekanntgab, ist zugleich die höchste Geburtenrate seit 20 Jahren.

Nun die schlechte Nachricht: Rein statistisch betrachtet ist der Geburtenanstieg für Gesamtdeutschland nicht wirklich relevant. Aus Sicht der Statistiker handelt es sich bei dem Anstieg lediglich um eine "geringfügige Veränderung" der Geburtenrate. Ein Trend oder ein signifikanter Anstieg ist hieraus noch nicht abzuleiten. Von einer Veränderung des Fortpflanzungsverhaltens der Deutschen zu sprechen, sei deswegen verfrüht, sagt Olga Pötzsch vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden.

Mehr Kinder im Osten

Doch das ist kein Grund, pessimistisch in die Zukunft zu schauen. Denn im geburtenschwachen Deutschland tut sich gleichwohl etwas, wenn auch nicht überall. Ein Blick in die Tabellen des Statistischen Bundesamts zeigt, dass es Unterschiede gibt. In Berlin zum Beispiel ist der Anstieg der Geburten beinahe rekordverdächtig. Wie die Morgenpost bereits vor einem Monat berichtete, wurden allein in der Hauptstadt 2010 vier Prozent mehr Kinder geboren (33 393) als im Jahr zuvor.

Auffällig ist auch, dass die Frauen in den neuen Bundesländern deutlich mehr Kinder als die Frauen in den alten Bundesländern bekommen. Schon zum dritten Mal in Folge lag die Geburtenrate im Osten höher als im Westen. Im Jahr 2010 bekamen ostdeutsche Frauen im Durchschnitt 1,46 Kinder, die Frauen im Westen hingegen nur 1,385. Weil aber die absolute Zahl der Frauen im Osten deutlich geringer ist, schlägt sich ihr Fortpflanzungsverhalten gesamtstatistisch erst in der dritten Stelle nach dem Komma nieder.

Seltener junge Mütter

Der Geburtenanstieg im Osten ist aus Sicht von Olga Pötzsch vom Statistischen Bundesamt "signifikant". Von Signifikanz sprechen Statistiker erst, wenn die Abweichung so groß oder so kontinuierlich ist, dass es sich nicht allein um zufällige Schwankungen handeln kann.

Der Trend im Osten ist vor allem mit Blick in die jüngere Vergangenheit bemerkenswert. Vor der Wende lag die Geburtenrate im Osten bei 1,57 Kindern pro Frau. Nach der Wende brach die Geburtenquote im Osten zusammen. Sie erreichte 1994 ihren Tiefststand, als in den neuen Bundesländern nur noch 0,77 Kinder pro Frau zur Welt kamen. Doch seither steigen die Zahlen dort kontinuierlich. 2009 lag die Geburtenquote in Ostdeutschland dann zum ersten Mal über der Geburtenquote in Westdeutschland.

Olga Pötzsch hat zwei Erklärungen für die anhaltende Entwicklung in den neuen Bundesländern. Sie spricht von einem "Aufholeffekt". Ostdeutsche Frauen hätten es inzwischen vollständig geschafft, sich in den neuen Lebensverhältnissen nach der Wende zu "orientieren". Sie hätten sich zudem wertemäßig dem Westen angeglichen, weil sie einen Großteil ihres Lebens in der Bundesrepublik verbracht hätten. Viele hätten ihre Entscheidung für Kinder nur auf einen späteren Zeitpunkt "aufgeschoben".

Frauen bekamen in der DDR deutlich früher Kinder. Inzwischen aber weiche das durchschnittliche Gebäralter der Frauen in den neuen Bundesländern nicht mehr signifikant vom Alter der Frauen in den alten Bundesländern ab. In 20 Jahren deutscher Einheit hat eine Angleichung der Familienplanung stattgefunden. Erkennbar sei im Osten zudem stärker als im Westen der Wunsch nach einer "vollständigen Familie" mit Kindern. Paare mit mindestens einem Kind finde man hier häufiger als im Westen.

Mehr zweite und dritte Kinder

Für einen gesamtdeutschen Trend zur Geburtensteigerung sieht Pötzsch allerdings noch keine Anzeichen. Die seit 40 Jahren nur geringen Schwankungen um die Marke von 1,35 Kindern pro Frau sind aus ihrer Sicht dafür einfach zu klein.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Bevölkerungsforschung beurteilen die Bevölkerungsentwicklung positiver. Sie sehen, anders als das Statistische Bundesamt, auch gesamtdeutsch einen neuen Trend. "Die familienpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung wie das Elterngeld und die Erhöhung des Kindergeldes scheinen zu greifen", heißt es dort - eine Einschätzung, die auch Pötzsch teilt.

Aus den Statistiken geht auch hervor, dass sich immer mehr Paare für ein zweites und drittes Kind entscheiden. Der Zuwachs reicht aber nicht aus, um das Schrumpfen der Bevölkerung zu stoppen. Mit ihren Geburtenzahlen ist die Bundesrepublik noch immer das Schlusslicht in ganz Europa.

Union streitet über Elterngeld

Ausgerechnet vor diesem Hintergrund ist in der Union eine Debatte über die Zukunft des Elterngeldes ausgebrochen. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) forderte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die Leistungen 2013 auf den Prüfstand zu stellen. Das Anfang 2007 von der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) eingeführte Elterngeld soll Einkommensausfälle nach der Geburt eines Kindes auffangen. Es wird für zwölf Monate an ein Elternteil gezahlt, zwei weitere Monate gibt es, wenn sich der andere Partner an der Kindesbetreuung beteiligt.

Das Familienministerium hat gegen die Forderung Volker Kauders nach einer Überprüfung des Elterngeldes bereits Widerstand angekündigt: "Am Elterngeld wird nicht gerüttelt", hieß es dort. Die neuen Zahlen dürften wohl eher die Position des Ministeriums stärken.