Defekte Bohrplattform

Ölpest in der Nordsee

Am 29. Juli 2010 sprach Peter Voser, Chef des niederländisch-britischen Ölkonzerns Shell, mit der Presse. Die Ölkatastrophe des Konkurrenten BP im Golf von Mexiko sei eine Tragödie. Sicher. Ob das denn Folgen habe für Shells Bohrinseln im tiefen Wasser, fragte ein Journalist. Vosers Antwort war ein klares Nein.

Tiefseebohrungen spielten weiterhin eine wichtige Rolle auf dem weltweiten Ölmarkt. "Wir sehen hier ein großes Wachstumspotenzial."

Etwas über ein Jahr später sieht Shell vor allem eines: ein großes Loch. Seit vergangenem Mittwoch fließt Öl aus der Shell-Plattform "Gannet Alpha" in die Nordsee, 180 Kilometer östlich der schottischen Stadt Aberdeen. 217 Tonnen sollen laut Shell in den vergangenen sieben Tagen ins Meer gelaufen sein. Das eigentliche Leck sei allerdings "weitestgehend dicht", teilte der Konzern am Dienstag mit. Fünf Barrel Öl (0,68 Tonnen) würden weiterhin pro Tag in den Ozean fließen. Verglichen mit der von BP verursachten Ölpest am Golf von Mexiko, ist das zwar eine kleine Menge. Dort sprudelten im vergangenen Jahr täglich 53 000 Barrel in den Golf. Trotzdem handelt es sich bei der leckgeschlagenen "Gannet Alpha" um die schlimmste Ölpest in der Nordsee seit mehr als einem Jahrzehnt. Vielleicht hätte Shell-Chef Voser doch besser daran getan, mehr Zeit in höhere Sicherheitsstandards bei Tiefseebohrinseln zu investieren. Man würde ihn gern fragen, ob er sein Selbstbewusstsein in Shells Sicherheit bereut.

Shells Vorstandschef ist abgetaucht

Leider ist Voser abgetaucht. Auch eine Woche nach dem Unglück auf der "Gannet Alpha" hat sich der Vorstandschef nicht mit einer Silbe geäußert. Vielleicht hat er Angst, wie der einstige BP-Chef Tony Hayward ins Fettnäpfchen zu treten, und schweigt deswegen lieber? Sehr professionell wäre das nicht. Schließlich ist Shell Europas größter Ölproduzent. Da kann man schon ein durchdachtes Krisenmanagement erwarten. Stattdessen scheint Shell nichts aus den Erfahrungen des Konkurrenten BP gelernt zu haben. Am Mittwoch entdeckte das Unternehmen das Leck, wartete jedoch 48 Stunden ab, bevor es die Medien informierte. Weitere drei Tage dauerte es, bis Shell am Montag eine erste Schätzung über die ausgetretene Menge des Öls veröffentlichte. Ein Gespräch mit der Pressestelle in Den Haag ist wenig erhellend. Wo Voser sich gerade aufhält, vermögen die Sprecher nicht zu sagen. Er habe aber Glen Cayley, den technischen Direktor von Shells europäischer Produktionssparte, beauftragt, sich um das Unglück zu kümmern. Der halte sich in der Operationszentrale in Aberdeen auf. Wie lange schon, das weiß die Pressestelle auch nicht. Cayley gab am Dienstagmorgen immerhin BBC Radio 4 ein Interview.

Die Medien seien deswegen erst am Freitag unterrichtet worden, weil das Unternehmen erst selbst die Lage prüfen musste. Zwei Tage lang, wohlgemerkt. "Als wir über das Leck am Mittwoch informiert wurden, haben wir sofort das britische Umweltministerium, den Gesundheitsminister, die Küstenwache und die schottische Marine informiert", sagte Cayley. Es habe aber Zeit gekostet, die Unglücksstelle zu untersuchen, weil "das Leck in einer sehr komplexen Tiefseeumgebung liegt". Die Nordsee ist an dieser Stelle 100 Meter tief. Es sei schwer gewesen, das Loch zu finden.

37 Quadratkilometer Ölteppich

Schon am Mittwoch habe Shell das größte Loch an der Quelle schließen können. Seitdem trete das Öl nur noch an einem Sicherheitsventil einer Leitung aus. Berichte über ein zweites Leck seien falsch. Am Wochenende sei der Ölteppich in der Nordsee 37 Quadratkilometer groß gewesen. Starker Seegang habe das Öl aber stark zersetzt, sodass der Teppich am Dienstag schon nur noch einen halben Quadratkilometer umfasste. "Wir gehen davon aus, dass das Öl auf natürliche Weise durch die Wellenaktivitäten aufgelöst und keinen Strand erreichen wird", schrieb der Konzern in einer Erklärung. Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost gab der Konzern zu, was das bedeutet: "Wir setzen keinerlei Chemikalien oder Absauger ein, um das Öl zu entfernen." Der Konzern gehe davon aus, das Problem werde sich von allein lösen.

Tausende Jungvögel in Gefahr

Angesichts solcher Aussagen gehen Umweltschützer in Großbritannien und Deutschland auf die Barrikaden. Tausende von Jungvögeln und Meerestieren seien in Gefahr. Weil es Tage nach dem Beginn des Ölaustritts kaum Informationen über das Ausmaß des Unfalls gab, griff Greenpeace am Montag zur Selbsthilfe. Jörg Feddern, Ölexperte der Umweltschutzorganisation in Deutschland, charterte in Hamburg ein zweimotoriges Propellerflugzeug und nahm das Seegebiet vor der schottischen Küste aus der Luft selbst in Augenschein. Feddern ist sich sicher: "Was ich gesehen habe, war frisches Öl, jedenfalls nicht vier oder fünf Tage alt." An der Ölaustrittsstelle, zwei Kilometer von "Gannet Alpha" entfernt, ankerten zwei Reparaturschiffe. Doch zu seiner Überraschung waren zu Wochenbeginn noch immer keine Ölbarrieren ausgelegt worden. Zwar betont auch er, dass es sich vorerst um einen Unfall handle und "nicht um eine Katastrophe, die mit dem Untergang der ,Deepwater Horizon' vor einem Jahr zu vergleichen wäre". Aber jede Tonne Öl im Meer sei eine zu viel. Zumindest für das norddeutsche Wattenmeer gab das Havariekommando in Cuxhaven eine Entwarnung heraus: Dieses sei nicht bedroht.

Shell hatte bisher stets betont, die höchsten Sicherheitsstandards bei seinen Ölplattformen anzusetzen. Dass diese offenbar nicht hoch genug sind, dürfte dem Image des Milliardenkonzerns nun schaden. Gerade nach der Ölkatastrophe am Golf von Mexiko reagieren staatliche Regulierer überempfindlich. Künftig könnte es Shell daher schwerer fallen, neue Bohrlizenzen für die lukrative Tiefsee zu bekommen.