Hausrind Yvonne

Das Stochern im Kuhfladen

Es reicht. Gerhard Hamburger hat nun wirklich genug. Gerade hatte er sich sogar zwischendurch mal hingelegt. Am helllichten Tag. Nur, weil er sich so aufgeregt hat über den Budenzauber, der auf seinem Grundstück gegeben wird. "Das ist doch ein Kasperltheater, was die hier veranstalten", sagt der Landwirt.

Und der Kasper, das ist "Ernst", der als Stier angepriesene Ochse, der seit vergangener Woche auf Hamburgers Wiese, die an den Wald grenzt, steht und den Casanova geben soll. "Die sollen den einpacken und wieder mit nach Deggendorf nehmen, ist doch wahr", sagt Hamburger. 66 Jahre sei er jetzt alt, aber so etwas habe er noch nie erlebt.

In der Gemeinde Zangberg, Kreis Mühldorf am Inn, werden derzeit die bekanntesten Freiluftspiele der Welt gegeben. Vergessen Sie Bayreuth und Salzburg, um die 25 Hektar Wald in Oberbayern spielt sich ein viel größeres Drama ab, an dessen Entwicklung man sich live beteiligen kann und dessen Ausgang immer noch mehr als ungewiss ist: die Suche nach Yvonne, der Kuh, deren Schicksal die Medien momentan weit mehr bewegt als das irgendeines Menschen.

"Im Maisfeld ein Nest getrampelt"

Die Tierschützer von Gut Aiderbichl, die sich der Rettung der Flüchtigen verschrieben haben, lassen seit Wochen nichts unversucht, die seit dem 24. Mai entlaufene Kuh Yvonne wieder einzufangen. Dabei überbieten sie sich in ihren Aktionen ständig selbst. Am Montag verkündigten sie nun den nächsten Höhepunkt: Ein Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera soll über das Waldstück und die angrenzenden Felder fliegen. "Yvonne ist so schlau", sagt Michael Aufhauser, der Gründer des Gnadenhofs Gut Aiderbichl zur Berliner Morgenpost. "Es könnte gut sein, dass sie sich im Maisfeld ein Nest getrampelt hat." Dienstag soll es eventuell schon mal einen ersten Testflug über die Gegend geben, aber Mittwoch wird das Gebiet dann gezielt abgesucht. Aufhauser betreibt auch den Gnadenhof, auf dem Yvonne gemeinsam mit Ernst ihren Lebensabend verbringen soll.

Die Dringlichkeit der letzten Tage hat sich inzwischen etwas gelegt: Nachdem Yvonne fast ausgerechnet mit einem Polizeiauto kollidiert wäre, war sie zum Abschuss freigegeben worden. Es folgte eine Woche des Wahns und der verstärkten Suche: An die fünfzig Tierschützer durchkämmten den Wald, Medienteams belagerten die kleine Gemeinde. Die Verordnung wurde jedoch inzwischen bis zum 26. August ausgesetzt, die Tierschützer haben also noch etwas Zeit.

Bislang hatten Yvonnes Retter auf den Einsatz eines Hubschraubers verzichtet, da sie durch den Lärm eine Störung der Tiere befürchteten. Da eine Wärmebildkamera jedoch aus großer Höhe Ergebnisse liefere, würden die Waldtiere nicht gestört, erläuterte Britta Freitag vom Gut Aiderbichl. Derzeit prüfe man die finanziellen Möglichkeiten für den Einsatz. Mehrere Unterstützer hätten angeboten, einen Teil der Kosten für den aufwendigen Einsatz zu übernehmen. Zudem gebe es Piloten, die angeboten hätten, ehrenamtlich zu fliegen, sagte Freitag. Michael Aufhauser sieht das gelassen: "Über das Geld mache mich mir jetzt erst mal keine Gedanken." Man habe in den Bemühungen, Yvonne zu fangen, bereits so viel Unterstützung bekommen, da verlasse er sich auch weiterhin drauf. Zuletzt hatte die "Bild"-Zeitung eine Belohnung von 10 000 Euro für Yvonnes Entdecker ausgesetzt. Doch trotz der verlockenden Höhe dieser Summe blieb der erwartete Ansturm erst mal aus. An die 15 Leute hätten sich bislang auf die Suche gemacht, heißt es aus dem Gut. Dabei habe man Spuren der Kuh an einem Wildbach gefunden. "Wäre es heiß", so Aufhauser, "dann wäre sie hier ganz in der Nähe. Eine Kuh trinkt an die 120 Liter am Tag." Aber das Wetter ist schlecht, und wo Yvonne ist, bleibt unklar. So langsam verliert das Drama um Yvonne an Fahrt. Zu lange schon fehlt der Geschichte die Hauptdarstellerin und die Nebendarsteller wie Dackel Mirko und Ochse Ernst können die Fans nicht so recht fesseln.

Die Waldtiere wurden verscheucht

Mittlerweile ist die Geschichte für viele einfach ein Gag geworden: An einem der Bäume fand Aiderbichler Johann Wintersteller am Freitag ein Pappschild mit der Aufschrift "Yvonne ist eine Zeitreisende, gekommen uns zu warnen! Wenn ihr sie tötet sterben wir alle." Bei Facebook hat sie eine eigene Fanseite. Sollte allerdings bis zum 26. August nichts geschehen, dann könnten die Gegner des Kuh-Theaters auf den Plan treten. Schon jetzt sind viele Jäger verärgert. Die Frau des Pächters der Jagd bestätigt Gerhard Hamburgers Verdacht: Tatsächlich seien durch die groß angelegten Suchaktionen alle anderen Tiere aus dem 25 Hektar großen Waldstück verschwunden. "Morgens im Tau kann man keine Spuren mehr sehen wegen all dem Remmidemmi", sagt sie.

Zuerst wusste die Welt nicht viel mehr von dem Rind als die Farbe und das Geschlecht und eben die Tatsache, dass es seinem Besitzer entlaufen war und sich in einem Wald versteckt hielt. Laut Experten verwildert so eine Kuh im Wald schon nach kürzester Zeit. Yvonne, die nun über zwei Monate keinen Kontakt mehr zu Menschen hatte, ist also auf gar keinen Fall "die Kuh, die wie ein Reh" lebt - das Label, unter dem sie berühmt wurde. Im Gegenteil: Yvonnes früherer Besitzer aus Kärnten, wo die Milchkuh aufwuchs, warnte in der Online-Ausgabe der "Bild"-Zeitung sogar vor dem reizbaren Temperament des Tieres: "Das war eine ganz nervöse Kuh, deshalb hab' ich sie auch verkauft". Yvonne werde sehr gefährlich, wenn sie bedrängt werde. Den Medienrummel, der bundesweit und international um die Kuh herrscht, versteht er nicht.

Sohn "Friesi" soll die Kuh anlocken

Aiderbichler Michael Aufhauser ließ nicht locker und recherchierte die Lebensgeschichte des Rindes: Dabei stellte sich heraus, dass die Kuh eigentlich Angie heißt und aus Kärnten stammt. Aufhauser kaufte das Tier für 700 Euro seinem Besitzer ab, später erstand er auch ihre "Freundin" Waldtraud und das Kalb Waldi, er organisierte ihr einen Verehrer, in dem oben genannten Ochsen Ernst, und zuletzt fand er noch durch einen Zufall Yvonne-Angies Kalb, einen Mastbullen, den er auf den Namen "Friesi" taufte. Friesi erholt sich jetzt im Stall der Deggendorfer Dependance von Gut Aiderbichl von seinem monotonen Leben in Österreich als Mastbulle. "Der ist im Stall zusammen mit den Kühen Herzblume, Gabi und Gitti, die drei bringen ihn schon ins Leben zurück", erklärt Michael Aufhauser. "Momentan ist er noch etwas tollpatschig." Nach so viel Zeit auf engem Raum habe er seine Instinkte stark zurückentwickelt. "Noch ist er gebrochen", sagt Aufhauser. Ende der Woche aber soll Friesi so fit sein, dass er zu Ernst auf die Weide kann, von wo aus er dann seine "Mutter" Yvonne anlocken soll. In der Zwischenzeit verkündet die "Bild"-Zeitung, der elfjährige Sepp aus Zangberg habe eine erste Spur gefunden: einen Kuhfladen. Noch konnte er nicht eindeutig Yvonne zugeordnet werden.