Problemkuh Yvonne

Die Heldin des Sommers

Maskuline Nüstern, ein durchdringender Blick, wildes schwarzes Haar und ein sehr präsenter Körper. Dem Sex-Appeal von Ernst, einem ehemaligen Zuchtbullen, soll selbst eine wilde Kuh wie Yvonne nicht widerstehen können. Das glauben die Tierschützer von Gut Aiderbichl. Der Instinkt wird die Flüchtige zum Ochsen treiben.

Die Liebe, die älteste Form der Freiheitsberaubung, soll diese Geschichte, die seit zwei Wochen internationale Schlagzeilen macht, zu einem glücklichen Ende bringen.

Doch erst mal steht Ernst an diesem Augustmorgen in seinem Stall auf der Dependance von Gut Aiderbichl in Deggendorf und genießt die Publicity. Vier Kamerateams sind zur Stelle. Sie wollen für die Welt den Moment festhalten, in dem das Galloway-Rind den Transporter besteigt, um zu eben jener Kuh zu reisen, die sich allen anderen Verführungsversuchen bislang erfolgreich zur Wehr gesetzt hat. Christian Kögl, ehemaliger Besitzer des Ochsen, bereitet Ernst für seine Freiersfahrt vor. "Der Ernst muss sich jetzt als Platzstier beweisen. Er muss der Yvonne zeigen, wer der Boss ist", sagt er.

Den elektrischen Zaun durchbrochen

Was zur Hölle ist das eigentlich für eine Geschichte? Am 24. Mai durchbrachen zwei frisch verkaufte österreichische Kühe den elektrisch gesicherten Zaun der Weide ihres neuen Besitzers in der oberbayerischen Gemeinde Aschau und liefen in die Freiheit. Ursprünglich waren sie mal Milchkühe, aber jetzt, heißt es, sollten sie geschlachtet werden. Im ersten Moment, in dem die Kühe wieder so etwas wie freie Natur erlebten, seien sie durchgedreht und losgerannt. Sie wollten eben auf die Alm, so will es die Erzählung, die an diesem Morgen verbreitet wird. Die eine Kuh wird wieder eingefangen. Die andere aber entkommt. Sie versteckt sich in einem Waldstück bei Zangberg in Oberbayern und wird zu Yvonne, der Kuh, die ein Reh sein will, der Heldin eines Sommers. In den ersten Wochen nach ihrer Flucht interessiert sich kaum einer für sie. Erst als sie vergangene Woche ausgerechnet zwei Polizisten beinahe ins Auto gerannt wäre, wird Yvonne zur Gefahr und zur Pressemeldung. Und immer spektakulärer werden die Rettungsaktionen durch die Tierschützer von Gut Aiderbichl.

Seit 15 Tagen bewachen sie den Wald, um Yvonne vor allen Gefahren zu schützen und die Einfangversuche zu überwachen: Zuerst gibt es da den Dackel Mirko, der die sechsjährige Kuh aufspüren und im Zaum halten soll, dann eine Futterfalle, dann das Kalb Waldi, das im Wald an einen Baum gebunden wird und an Yvonnes Mutterinstinkte appellieren soll.

Immer wieder taucht Yvonne bei diesen Aktionen kurz aus dem Wald auf, lang genug, um dem einen oder anderen Tierschützer in die Augen sehen zu können oder auf einem Fahndungsfoto verewigt zu werden, aber nicht genug, um sie zu fangen. Schlau sei diese Kuh, so heißt es, zu schlau, um ihre Freiheit aufzugeben. Am vergangenen Wochenende durchkämmen 50 Tierschützer den Wald bei Zangberg, sie werden begleitet von Kamerateams aus der ganzen Welt. Yvonne können sie nicht finden. Yvonne hat mittlerweile den Besitzer gewechselt. Gut Aiderbichl hat sie dem Bauern aus Aschau abgekauft, für 700 Euro. Und Yvonne hat eine eigene Fangemeinde im Internet. Sie lebt eine Legende von Freiheit und ungebrochenem Willen. Besonders seit die Gesetzeshüter hinter ihr her sind. Die wildesten Geschichten kursieren, zum Beispiel wie Yvonne dem Schlachter in letzter Minute vom Messer sprang. Aber jede Heldengeschichte braucht jemanden, der sie richtig gut erzählt. In Yvonnes Fall ist das Michael Aufhauser, Tierschützer, mit Medien sehr erfahren und Gründer der Organisation Gut Aiderbichl, die heute 20 Höfe betreibt, auf denen 20 000 Tiere leben. Auch er ist diese Woche nach Deggendorf gekommen. In einer kobaltblauen Lederjacke steht er neben Ernst und füttert ihn mit Karotten.

Zur Einstimmung erzählt Aufhauser, wie es zum Namen Yvonne kam. Er sei zu Besuch bei einer Gönnerin des Guts Aiderbichl gewesen. Sie lag im Hospiz, als er die ersten Nachrichten der entlaufenen Kuh erhielt, und sie bat ihn, von nun an täglich von dem Schicksal der Flüchtigen zu berichten. Die Frau hieß Yvonne, sie starb vergangene Woche, aber ihren Namen hinterließ sie der Kuh, sagt Aufhauser. Eigentlich ist der Name von Yvonne Angie, wie sich später rausstellte, aber für diese Änderung ist es zu diesem Zeitpunkt zu spät. Denn jetzt kann die Lovestory beginnen: Der auf einmal sehr verwunderte Ernst wird in einen Tiertransporter gebracht und nach Zangberg gefahren.

Am Mittwoch haben sich auf dem Hof von Gerhard Hamburger, der an Yvonnes Versteckwald grenzt, schon 40 Medienvertreter in Position gebracht, als Ernst zwei Stunden später hier eintrifft. Gebändigt durch Christian Kögls Zügel, betritt der Ochse die Weide. Ganz hinten, unter einem roten Baldachin, liegt Heu. Hierhin soll Yvonne kommen, um Ernst zu lieben. Hier wollen die Tierschützer von Gut Aiderbichl sie fangen.

Die Idee mit dem Futter und dem Baldachin hatte übrigens Yvonne selbst, sagt Michael Aufhauser jetzt auf der Weide. Gutsverwalter Johann Wintersteller, der seit 15 Tagen zum Schutze von Yvonne in dem Wald ausharrt, habe mit der Kuh darüber geredet. "Eine Tierkommunikatorin aus der Schweiz kann mit Yvonne reden, sie hat uns ihre Wünsche mitgeteilt." Der Kommunikatorin Franziska Matti hatte Yvonne auch gesagt, dass sie das Gewehr, mit dem man sie betäuben wollte, gesehen habe und sich deswegen versteckt halte.

Wie lange es dauern wird, bis Yvonne Ernst erhört, ist fraglich. Weder am Donnerstag noch am Freitag passiert irgendetwas. Ernst steht auf der Weide und frisst, ab und zu wittert er etwas, dann brüllt er. Er soll ja Yvonne zeigen, wer der Boss ist. Nur leider interessiert sie das wohl nicht.

Eine hässliche Entdeckung

Am Freitag macht der Aiderbichler Johann Wintersteller eine hässliche Entdeckung: In der Umgebung des Waldes hat jemand Flugblätter verteilt. Auf ihnen stehen Aufrufe zur Jagd auf Yvonne - "Töte die Kuh" - und allerhand anderes Zeug. Für einen ernsthaften Appell hält er das jedoch nicht. "Das war sicher irgendein Irrer." Später werden Kinder verdächtigt, einen Scherz gemacht zu haben. Auch am Freitag sitzt Michael Aufhauser im Restaurant "Friesacher". Der Besitzer fragt ihn, wie es denn Yvonne so gehe, und da hat Aufhauser die Idee: Wer halte denn in der Gegend Mastochsen? Friesacher selbst, sagt der. Aufhauser holt sein Rinderverzeichnis und gleicht es mit dem von Friesacher ab, und tatsächlich: Eines dieser Rinder ist der Sohn, den Yvonne mit ihrer großen Liebe zeugte. Und er lebt!

Das Gut Aiderbichl überbringt sofort die gute Nachricht der Presse. Den Ochsen, der nach dem Restaurant seines Entdeckers Friesi genannt wird, hat Aufhauser sofort gekauft. Wenn Ernst es nicht richten kann, dann kommt Ende der Woche der Sohn dran. Und falls der auch nichts tun kann: Gestern bot die "Bild"-Zeitung demjenigen 10 000 Euro, der hilft, dass Yvonne gesund gefasst wird.

Doch was wäre, wenn Yvonne tatsächlich längst über alle Berge ist? "Nein, das könne nicht sein", sagt der Sprecher von Gut Aiderbichl. Man habe gerade noch frische Spuren von ihr im Wald gefunden. Was für Spuren? "Kuhfladen."