Andre Mailhol

Der Guru von Madagaskar

Der Ort des Segens ist ein riesiges Schlagloch. Geduldig stehen die Menschen in einer Reihe auf der zerklüfteten Einfahrt an. Mütter mit kranken Kindern auf dem Arm, sie bedecken ihr Haar mit weißen Kopftüchern. Männer, die ihren Job verloren haben. Ein Jugendlicher, der seit Monaten über unerträgliche Kopfschmerzen klagt. Keiner drängelt, keiner redet. Alle starren nur nach vorne.

Die personifizierte Hoffnung trägt ein weiß-goldenes Kirchengewand. Im Zehnsekundentakt empfängt er einen Gläubigen nach dem anderen, spricht leise ein paar Worte, zeigt mit dem Zeigefinger auf Bäuche und Köpfe. Die Augenbrauen hat er zusammengezogen, sodass sich vier Falten auf seiner Stirn zusammenschieben. Die Mimik eines sorgenvollen Vaters. Der Vater Madagaskars.

Als solcher präsentiert sich André Mailhol auf diesem Hinterhof in Imerintsiatosika, einem kleinen Ort 30 Kilometer westlich der Hauptstadt Antananarivo. Hinter ihm steht ein roter Porsche Cayenne Turbo, daneben ein gelber V8-Jeep der Edelmarke Hummer. Seit einigen Monaten sind das die Dienstfahrzeuge seines Führungszirkels. Er hat es weit gebracht, der ehemalige Straßenverkäufer. Das Religionsstudium hatte er nach drei Jahren vorzeitig beenden müssen, es fehlte der Familie an Geld. Damals, Anfang der 90er-Jahre, hat er Jeans beworben, auf den Märkten der Stadt. Nun ist es die Religion.

Der perfekte Nährboden

Madagaskar, die ostafrikanische Insel mit der Größe Frankreichs, gehört seit Jahrzehnten zum Dutzend der weltweit ärmsten Länder. 76 Prozent der Bevölkerung fallen nach der Weltbank-Definition unter die Armutsgrenze - sie haben weniger als einen US-Dollar am Tag. Allein in den vergangenen zwei Jahren ist ihr Anteil noch einmal um acht Prozentpunkte gestiegen: Im März 2009 stürzte der ehemalige Konzertveranstalter Andry Rajoelina die Regierung, seitdem lenkt er die Geschicke des Landes mit Unterstützung des Militärs ohne Legitimation des Volkes. Und ohne die Gelder der Industrienationen, die ihre Zahlungen einfroren. Es ist der perfekte Nährboden für fragwürdige Geistliche wie Pastor Mailhol. Für Interviews unterbricht der 51-Jährige seine spirituelle Behandlung gerne. Zu seinem Imperium gehört Radio Fanambarana, ein Sender mit zehn Mitarbeitern, der ausschließlich Nachrichten über seine Kirche Apokalypsy ausstrahlt.

Hinzu kommt eine eigene Fernsehshow, die wöchentlich ausgestrahlt wird. Und ein TV-Sender ist in Planung. Seine Journalisten haben ihn bei angeblichen Teufelsaustreibungen begleitet, bei seinen Besuchen im Süden, der nur mit einem Geländewagen befahren werden kann. Sie weichen ihm nicht von der Seite.

"Ich bin 1991 von Gott berufen worden, die Menschen Madagaskars zu führen", sagt er mit ruhiger Stimme, "als ich diese Kirche gegründet habe, waren wir 70 Leute. Inzwischen besteht sie aus über 1000 Gemeinden und 500 000 Mitgliedern." 500 000 Menschen, die meisten bitterarm, und doch geben sie ihm zehn Prozent ihrer Einnahmen. Die Prophezeiung Gottes sehe vor, dass er im Jahr 2013 Präsident des Landes werde, hat er ihnen gesagt. Die nächsten Wahlen sind im Jahr 2012, und die politische Klasse belächelt ihn. Doch seine Anhänger glauben dem Mann.

Sie glauben es, so wie sie seinen Argumenten für den Kauf der Luxusautos glauben: "Die Leute sollen sehen, was sie mit dem Glauben an Gott erreichen können", sagt er. "Und ich brauche gute Fahrzeuge, um auch rasch in die ländlichen Gegenden des Landes reisen zu können." Mit 20 Autos und 60 Motorrädern verbreiten seine Priester seine Lehre, die eine Mischung aus christlichem und traditionellem Glauben darstellt. Derzeit prüft die Kirche Angebote für den Kauf von Hubschraubern.

Mailhol bestätigt eine weltweite Studie des Meinungsinstituts Gallup. Die Forscher stellten in 114 Ländern die Frage: "Spielt Religion in Ihrem täglichen Leben eine wichtige Rolle?" Je ärmer das Land war, umso mehr näherte sich der Anteil der positiven Antworten 100 Prozent.

Viele Kirchen und religiöse Organisationen leisten wichtige Arbeit bei der Armutsbekämpfung. Doch auf der anderen Seite profitieren Scharlatane wie Mailhol von der mangelnden Bildung in Entwicklungsländern. "Der Betrug mit Religion hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen", sagt der Autor Hugo Africa. Er hat das Buch "The Man Who Forgave God: Faces to 419 Scams" (Der Mann, der Gott vergab: Gesichter zu 419 Betrugsfällen) geschrieben. "Sie gehen meist nach dem gleichen Schema vor: Ihre Führer zeigen offen Wohlstand und treten wie Motivationsredner auf. Sie präsentieren in ärmster Umgebung eine Traumwelt, die mit Gottes Kraft erreicht werden kann."

Wohlstand und Wunderheilung

Der Nigerianer hat bei seinen Recherchen aufgedeckt, wie Kirchenführer Laienschauspieler dafür bezahlten, bei vermeintlichen Wunderheilungen mitzuspielen. Er hat Politiker erlebt, die Strafverfolgung verhinderten, weil sie sich nicht mit mächtigen traditionellen Geistlichen anlegen wollten. Vor allem aber erzählt er die Geschichte von Tausenden, die in der Hoffnung auf Wohlstand und Wunderheilungen ihre letzten Ersparnisse abgaben.

In Imerintsiatosika lässt Mailhol unter dem weißen Zeltdach, das vor der Winterhitze schützt, noch einmal beten. Er predigt einen asketischen Lebensstil ohne Alkohol und Zigaretten, auch Polygamie lehnt er ab. Die Frauen bedecken ihre Haare, schon die kleinen Mädchen dürfen nicht mit offenen Haaren beten. Ein paar Meter weiter stehen die Männer, es herrscht strikte Geschlechtertrennung.

Ganz vorne sitzt Albertine Rinah. Vor vier Jahren kam die 28-jährige Verkäuferin zum ersten Mal in einen Apokalypsy-Gottesdienst. "Jemand hatte meiner Tochter etwas Schlimmes angetan", sagt sie, "nachdem wir angefangen haben zu beten, ging es ihr besser. Ich komme seitdem jede Woche." Sie habe nun mehr Geld als zuvor, trotz der Kirchenabgaben: "Ich spare mehr als zuvor. Je mehr ich bete, umso besser entwickelt sich mein Leben." 40 Freunde hat sie in den vergangenen Jahren an die Kirche herangeführt. Alle blieben.

Am Nachmittag setzt sich Mailhol auf den Rücksitz des Porsche Cayenne, er hat bei der Bestellung die Lederausrüstung gewählt. Er winkt noch einmal kurz, dann fährt sein Chauffeur los. Ein paar Kilometer weiter wartet die nächste Gemeinde auf ihn. Und dann muss er noch auf die Baustelle. Mitten in der Stadt soll das größte religiöse Gebäude des Landes entstehen. Dem Architekten hat Mailhol eine klare Vorgabe gemacht: Auf das Dach muss ein Hubschrauberlandeplatz.